Der Fotograf Jovan RitopeÄki dokumentierte die LebensverhĂ€ltnisse jugoslawischer Arbeitsmigrant:innen in Ăsterreich. Sein umfangreicher Nachlass aus 20 Jahren Fotogeschichte (1970-1989) wird nun erstmals aufgearbeitet.
Arbeitsmigration in einfĂŒhlsamen Bilddokumenten
Im Jahr 1966 schloss Ăsterreich ein Anwerbeabkommen fĂŒr Arbeiter:innen aus dem damaligen Jugoslawien ab, so wie bereits davor mit der TĂŒrkei. Hunderttausende Menschen sollten in den darauffolgenden Jahren dem Aufruf folgen und in Ăsterreich zu sogenannten âGastarbeiternâ werden. 1966 war auch das Jahr, in dem Jovan RitopeÄki von Belgrad nach Wien kam. Der 1923 geborene Reporter machte sich Anfang der 1970er als Fotograf selbststĂ€ndig und arbeitete fĂŒr österreichische und jugoslawische Zeitschriften, die Gastarbeiter:innen zur Zielgruppe hatten. Als einer von wenigen Fotografen, die Leben und Arbeit von Migrant:innen im damaligen Ăsterreich professionell dokumentierten, bietet RitopeÄki eine einzigartige Perspektive auf seine hierher migrierten Landsleute.
Die Historikerin Vida Bakondy macht sich im noch bis 2025 laufenden Projekt âVisualisierung migrantischer Lebensweltenâ, das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstĂŒtzt wird, zur Aufgabe, das fotografische Werk RitopeÄkis aufzuarbeiten und teilweise zu digitalisieren. Erstmals wird im Zuge sogenannter âVisual Culture Studiesâ dessen umfangreicher Nachlass bearbeitet, den die Historikerin bei einer seiner Töchter ausfindig machen konnte. âEin groĂer Teil der Arbeiten RitopeÄkis haben das Arbeitsumfeld von Migrant:innen zum Thema. Gleichzeitig gewĂ€hren sie aber auch viele Einblicke in den privaten Raumâ, sagt Bakondy. âEr zeigt die Menschen an ihren SchlafstĂ€tten oder bei FreizeitaktivitĂ€ten. Gerade die Dokumentation der WohnumstĂ€nde hat dabei auch eine sozialkritische Dimension.â
Angesichts der schieren Masse an Bildern, die der 1989 verstorbene Fotograf hinterlassen hat, erwies sich die Systematisierung des Werks als Herausforderung. Bakondy hat aus den 19.000 im Nachlass vorgefundenen Negativaufnahmen eine Auswahl von 3.500 Bildern getroffen und digitalisiert. âMein Ansatz ist, dass ich nun einzelne Serien herausgreife, um nicht nur den Bildinhalt, sondern auch die Gebrauchsgeschichte im Detail zu analysierenâ, erklĂ€rt die Historikerin. âDenn die Bildnegative allein erzĂ€hlen noch nichts davon, wie sich Bedeutungen durch die Verwendung der Bilder je nach Kontext verĂ€ndern und welche Botschaften damit ĂŒbermittelt wurden.â
Besuch im âHaus des Schreckensâ
Eine der Bildserien, die Bakondy bearbeitet, trĂ€gt den Titel âRio Grande â Haus des Schreckensâ. Die 30 Bilder, die aus den frĂŒhen 70ern stammen, zeigen die WohnverhĂ€ltnisse in einer Unterkunft fĂŒr Arbeiter:innen an der Wiener Peripherie. âDer Name der Serie verweist nicht nur auf den schlechten Zustand der Wohnungen, sondern offenbar auch auf zeitgenössische Produkte aus der PopulĂ€rkultur wie Comics und Filme mit Namen ,Rio Grandeââ, erlĂ€utert die Forscherin. âGleichzeitig schwingt mit der Nennung des Grenzflusses zwischen den USA und Mexiko â und damit zwischen Reich und Arm, Norden und SĂŒden â auch gleich ein sozialkritischer Unterton mit.â
Die Bilder zeigen HolzverschlĂ€ge, die eine Wohnung in enge Abteile trennt. Menschen sitzen dicht gedrĂ€ngt um Tische oder kleine Ăfen. Auf einem besonders berĂŒhrenden Bild ist eine Frau zu sehen, die den Vorhang zu ihrem dahinterliegenden Schlafplatz wegschiebt und damit den Blick auf ein KĂ€tzchen, das auf ihrem Bett liegt, freigibt. âDie Menschen auf den Bildern zeigen intime Bereiche ihres Lebensâ, sagt Bakondy. âRitopeÄkis Blick auf sie ist nicht distanziert oder voyeuristisch, sondern vorsichtig und behutsam. Die Abgebildeten sind oft der Kamera zugewandt und lachen. Es ist offensichtlich, dass es eine Interaktion zwischen ihnen und dem Fotografen vor der Aufnahme gab.â In vielen FĂ€llen wurde offenbar gemeinsam mit den PortrĂ€tierten eine passende Inszenierung der Bilder gefunden.
Sozialkritische Tendenz
Die Recherche Bakondys ergab, dass die Bilder aus der Serie âHaus des Schreckensâ in der jugoslawischen Zeitschrift âYu Novostiâ veröffentlicht wurden, die sich an jugoslawische Arbeitsmigrant:innen in ganz Westeuropa richtete. Dem begleitenden Text kann man entnehmen, dass in der Unterkunft ĂŒber 100 Leute unter ausbeuterischen VerhĂ€ltnissen lebten und RitopeÄki, der hier ohne Erlaubnis fotografierte, vom Besitzer unter Morddrohungen verjagt wurde. âTitel, Bildsprache und recherchierte Informationen zeugen von seinem BedĂŒrfnis, die prekĂ€ren WohnverhĂ€ltnisse der jugoslawischen Migrant:innnen zu dokumentieren und anzuklagenâ, betont die Historikerin. Ein völlig anderes Bild zeigen hingegen die zahlreichen Fotodokumente von den ArbeitsplĂ€tzen der Migrant:innen. Bakondy: âDie Bilder RitopeÄkis fĂŒr die Zeitung âNaĆĄ listâ, die von der österreichischen Industriellenvereinigung fĂŒr jugoslawische Migrant:innen herausgegeben wurde, inszenieren die Arbeit in den Fertigungsbetrieben als heile Welt.â
Die Forscherin hebt in ihrer Analyse von RitopeÄkis Werk die auffĂ€llige PrĂ€senz von Frauen hervor. âDamals haben durchaus auch viele Migrantinnen in Ăsterreich gelebt und gearbeitet. RitopeÄkis Bilder zeigen etwa Migrantinnen an verschiedenen Arbeitsorten oder im privaten Raum. Das unterscheidet sein Werk von einem GroĂteil der österreichischen Pressefotos von damalsâ, erklĂ€rt die Historikerin. Migrantinnen waren fĂŒr damalige Medien in Ăsterreich offenbar kaum ein Thema.
Virtuelle Ausstellung
Der GroĂteil des digitalisierten Bildbestandes, den die Historikerin bearbeitet, wird fĂŒr eine Online-Datenbank aufbereitet und im Visual Archive Southeastern Europe (VASE) mit 2025 öffentlich zugĂ€nglich gemacht. Dazu arbeitet Bakondy mit dem Zentrum fĂŒr Informationsmodellierung der UniversitĂ€t Graz zusammen. Auch eine klassische Ausstellung der Bildserien strebt die Historikerin an. Zudem wĂŒrde sich anbieten, den Vergleich zwischen RitopeÄkis Blick auf Migration und jenen der zeitgenössischen österreichischen Pressefotografie auszubauen, betont Bakondy.
Denn in einer Kontextualisierung dieser Art könnten sich neue Bedeutungen und ErzĂ€hlungen erschlieĂen: âMir sind beispielsweise Fotos RitopeÄkis von einem Wohnhaus im zweiten Wiener Gemeindebezirk in Erinnerung geblieben, die wĂŒrdevolle ReprĂ€sentationen seiner Bewohner:innen und Gemeinschaftlichkeit zeigenâ, sagt die Historikerin. âIn den Bildern eines österreichischen Pressefotografen fand ich dasselbe Wohnhaus wieder. Diesmal war es Ort einer nĂ€chtlichen Polizeirazzia.â
Zur Person
Die Historikerin Vida Bakondy ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Balkanforschung an der Ăsterreichischen Akademie der Wissenschaften (ĂAW). Bereits in ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation âMontagen der Vergangenheit. Flucht, Exil und Holocaust in den Fotoalben der Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwyâ, (Wallstein-Verlag 2017) beschĂ€ftigte sie sich mit Visual Culture Studies, Fotografie und der historisch-kulturwissenschaftlichen Analyse privater NachlĂ€sse.
Publikationen
Bakondy, Vida et al.: Fotoalben als Quellen der Zeitgeschichte, in: zeitgeschichte, 49/2, V&R unipress 2022
Bakondy V., Tropper E.: Fotoalben beforschen. Voraussetzungen, Impulse, Methoden eines interdisziplinÀren Forschungsfeldes, in: zeitgeschichte, 49/2, 2022
In Druck: An Album for Tito. Belonging, Transnational Unity, and Social Critique in a Photo Album by the Yugoslav workerâs club Jedinstvo Vienna, in: Ethnologia Balkanica. Special Issue of Contemporary Southeastern Europe (CSE), edited by Elife Krasniqi and Robert Pichler, Vol. 24/2024