Jugoslawische Arbeitsmigranten
So wohnten jugoslawische Arbeitsmigrant:innen in den 1970er-Jahren in Wien. Dokumentiert von ihrem Landsmann, dem Fotografen Jovan Ritopečki. © Nachlass: Jovan Ritopečki, Archiv Slobodanka Kudlacek Ritopečki

Im Jahr 1966 schloss Österreich ein Anwerbeabkommen für Arbeiter:innen aus dem damaligen Jugoslawien ab, so wie bereits davor mit der Türkei. Hunderttausende Menschen sollten in den darauffolgenden Jahren dem Aufruf folgen und in Österreich zu sogenannten „Gastarbeitern“ werden. 1966 war auch das Jahr, in dem Jovan Ritopečki von Belgrad nach Wien kam. Der 1923 geborene Reporter machte sich Anfang der 1970er als Fotograf selbstständig und arbeitete für österreichische und jugoslawische Zeitschriften, die Gastarbeiter:innen zur Zielgruppe hatten. Als einer von wenigen Fotografen, die Leben und Arbeit von Migrant:innen im damaligen Österreich professionell dokumentierten, bietet Ritopečki eine einzigartige Perspektive auf seine hierher migrierten Landsleute.

Die Historikerin Vida Bakondy macht sich im noch bis 2025 laufenden Projekt „Visualisierung migrantischer Lebenswelten“, das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützt wird, zur Aufgabe, das fotografische Werk Ritopečkis aufzuarbeiten und teilweise zu digitalisieren. Erstmals wird im Zuge sogenannter „Visual Culture Studies“ dessen umfangreicher Nachlass bearbeitet, den die Historikerin bei einer seiner Töchter ausfindig machen konnte. „Ein großer Teil der Arbeiten Ritopečkis haben das Arbeitsumfeld von Migrant:innen zum Thema. Gleichzeitig gewähren sie aber auch viele Einblicke in den privaten Raum“, sagt Bakondy. „Er zeigt die Menschen an ihren Schlafstätten oder bei Freizeitaktivitäten. Gerade die Dokumentation der Wohnumstände hat dabei auch eine sozialkritische Dimension.“

Angesichts der schieren Masse an Bildern, die der 1989 verstorbene Fotograf hinterlassen hat, erwies sich die Systematisierung des Werks als Herausforderung. Bakondy hat aus den 19.000 im Nachlass vorgefundenen Negativaufnahmen eine Auswahl von 3.500 Bildern getroffen und digitalisiert. „Mein Ansatz ist, dass ich nun einzelne Serien herausgreife, um nicht nur den Bildinhalt, sondern auch die Gebrauchsgeschichte im Detail zu analysieren“, erklärt die Historikerin. „Denn die Bildnegative allein erzählen noch nichts davon, wie sich Bedeutungen durch die Verwendung der Bilder je nach Kontext verändern und welche Botschaften damit übermittelt wurden.“

Das Forschungsprojekt „Visualisierung migrantischer Lebenswelten“ ist am Schnittpunkt von Fotografie, Visual Culture Studies und historisch-kulturwissenschaftlicher Anlayse angesiedelt. Es wird im Hertha-Firnberg-Programm des FWF mit 239.000 Euro gefördert.

Besuch im „Haus des Schreckens“

Eine der Bildserien, die Bakondy bearbeitet, trägt den Titel „Rio Grande – Haus des Schreckens“. Die 30 Bilder, die aus den frühen 70ern stammen, zeigen die Wohnverhältnisse in einer Unterkunft für Arbeiter:innen an der Wiener Peripherie. „Der Name der Serie verweist nicht nur auf den schlechten Zustand der Wohnungen, sondern offenbar auch auf zeitgenössische Produkte aus der Populärkultur wie Comics und Filme mit Namen ,Rio Grande‘“, erläutert die Forscherin. „Gleichzeitig schwingt mit der Nennung des Grenzflusses zwischen den USA und Mexiko – und damit zwischen Reich und Arm, Norden und Süden – auch gleich ein sozialkritischer Unterton mit.“

Die Bilder zeigen Holzverschläge, die eine Wohnung in enge Abteile trennt. Menschen sitzen dicht gedrängt um Tische oder kleine Öfen. Auf einem besonders berührenden Bild ist eine Frau zu sehen, die den Vorhang zu ihrem dahinterliegenden Schlafplatz wegschiebt und damit den Blick auf ein Kätzchen, das auf ihrem Bett liegt, freigibt. „Die Menschen auf den Bildern zeigen intime Bereiche ihres Lebens“, sagt Bakondy. „Ritopečkis Blick auf sie ist nicht distanziert oder voyeuristisch, sondern vorsichtig und behutsam. Die Abgebildeten sind oft der Kamera zugewandt und lachen. Es ist offensichtlich, dass es eine Interaktion zwischen ihnen und dem Fotografen vor der Aufnahme gab.“ In vielen Fällen wurde offenbar gemeinsam mit den Porträtierten eine passende Inszenierung der Bilder gefunden.

Sozialkritische Tendenz

Die Recherche Bakondys ergab, dass die Bilder aus der Serie „Haus des Schreckens“ in der jugoslawischen Zeitschrift „Yu Novosti“ veröffentlicht wurden, die sich an jugoslawische Arbeitsmigrant:innen in ganz Westeuropa richtete. Dem begleitenden Text kann man entnehmen, dass in der Unterkunft über 100 Leute unter ausbeuterischen Verhältnissen lebten und Ritopečki, der hier ohne Erlaubnis fotografierte, vom Besitzer unter Morddrohungen verjagt wurde. „Titel, Bildsprache und recherchierte Informationen zeugen von seinem Bedürfnis, die prekären Wohnverhältnisse der jugoslawischen Migrant:innnen zu dokumentieren und anzuklagen“, betont die Historikerin. Ein völlig anderes Bild zeigen hingegen die zahlreichen Fotodokumente von den Arbeitsplätzen der Migrant:innen. Bakondy: „Die Bilder Ritopečkis für die Zeitung ‚Naš list‘, die von der österreichischen Industriellenvereinigung für jugoslawische Migrant:innen herausgegeben wurde, inszenieren die Arbeit in den Fertigungsbetrieben als heile Welt.“

Die Forscherin hebt in ihrer Analyse von Ritopečkis Werk die auffällige Präsenz von Frauen hervor. „Damals haben durchaus auch viele Migrantinnen in Österreich gelebt und gearbeitet. Ritopečkis Bilder zeigen etwa Migrantinnen an verschiedenen Arbeitsorten oder im privaten Raum. Das unterscheidet sein Werk von einem Großteil der österreichischen Pressefotos von damals“, erklärt die Historikerin. Migrantinnen waren für damalige Medien in Österreich offenbar kaum ein Thema.

Virtuelle Ausstellung

Der Großteil des digitalisierten Bildbestandes, den die Historikerin bearbeitet, wird für eine Online-Datenbank aufbereitet und im Visual Archive Southeastern Europe (VASE) mit 2025 öffentlich zugänglich gemacht. Dazu arbeitet Bakondy mit dem Zentrum für Informationsmodellierung der Universität Graz zusammen. Auch eine klassische Ausstellung der Bildserien strebt die Historikerin an. Zudem würde sich anbieten, den Vergleich zwischen Ritopečkis Blick auf Migration und jenen der zeitgenössischen österreichischen Pressefotografie auszubauen, betont Bakondy.

Denn in einer Kontextualisierung dieser Art könnten sich neue Bedeutungen und Erzählungen erschließen: „Mir sind beispielsweise Fotos Ritopečkis von einem Wohnhaus im zweiten Wiener Gemeindebezirk in Erinnerung geblieben, die würdevolle Repräsentationen seiner Bewohner:innen und Gemeinschaftlichkeit zeigen“, sagt die Historikerin. „In den Bildern eines österreichischen Pressefotografen fand ich dasselbe Wohnhaus wieder. Diesmal war es Ort einer nächtlichen Polizeirazzia.“

Zur Person

Die Historikerin Vida Bakondy ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Balkanforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Bereits in ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation „Montagen der Vergangenheit. Flucht, Exil und Holocaust in den Fotoalben der Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy“, (Wallstein-Verlag 2017) beschäftigte sie sich mit Visual Culture Studies, Fotografie und der historisch-kulturwissenschaftlichen Analyse privater Nachlässe.

Publikationen

Bakondy, Vida et al.: Fotoalben als Quellen der Zeitgeschichte, in: zeitgeschichte, 49/2, V&R unipress 2022

Bakondy V., Tropper E.: Fotoalben beforschen. Voraussetzungen, Impulse, Methoden eines interdisziplinären Forschungsfeldes, in: zeitgeschichte, 49/2, 2022

In Druck: An Album for Tito. Belonging, Transnational Unity, and Social Critique in a Photo Album by the Yugoslav worker’s club Jedinstvo Vienna, in: Ethnologia Balkanica. Special Issue of Contemporary Southeastern Europe (CSE), edited by Elife Krasniqi and Robert Pichler, Vol. 24/2024

Der Fotograf Jovan Ritopečki dokumentierte die Lebensverhältnisse jugoslawischer Arbeitsmigrant:innen in Österreich. Sein umfangreicher Nachlass aus 20 Jahren Fotogeschichte (1970-1989) wird nun erstmals aufgearbeitet.

Jovan Ritopečki
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