Projekte

Gewaltfreie Sprache gibt es nicht

Der Wissenschaftler Gerald Posselt betrachtet das Verhältnis von Sprache und Gewalt und dessen politische Dimension u.a. anhand aktueller Phänomene wie Whistelblowing im Fall Edward Snowden. Quelle: flickr.com/mw238

Dass Worte ebenso verletzen können wie körperliche Gewalt, ist bekannt. Der Grund dafür ist jedoch bis jetzt wenig erforscht. Gerald Posselt vom Institut für Philosophie der Universität Wien analysiert, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, den Erkenntnisstand seines Fachs zur engen Verwobenheit von Sprache und Gewalt. Das Thema ist insbesondere durch die sozialen Medien inzwischen hochaktuell: „Die sozialen Medien, die die Publikation und Verbreitung von Postings und Kommentaren in Echtzeit erlauben, haben nicht nur zu einer Demokratisierung der Meinungsäußerung beigetragen, sondern auch neue Formen von Hass, Propaganda und Hetze hervorgebracht“, beschreibt der Projektleiter die Ausgangslage im Gespräch mit scilog. In einer Demokratie müssen die Grundrechte auf Redefreiheit und Nicht-Diskriminierung sorgfältig abgewogen werden. Manche verletzende Sprechakte sind ein Fall für das Gericht, anderen muss eher von der Zivilgesellschaft widersprochen werden.

Sprache gehört zum Menschsein

Sprachliche Gewalt kann viele Formen annehmen: verletzende und beleidigende Äußerungen gegenüber Gruppen oder Individuen, medial vermittelt oder direkt, vor Zeugen oder allein, am Stammtisch oder als Propaganda, strukturell diskriminierende oder neue Formen medialer Gewalt wie zum Beispiel das „Happy Slapping“, bei dem die Gewalthandlung mit dem Smartphone aufgenommen und dann über die sozialen Medien verbreitet wird. Posselt geht der Frage nach, warum und wie Menschen durch sprachliche Äußerungen verletzbar sind und durchleuchtet das Verhältnis von Sprache und Gewalt. Dazu greift er unter anderem auf Überlegungen großer Denker wie Friedrich Nietzsche, Jacques Derrida, Michel Foucault, Bernhard Waldenfels und Judith Butler zurück. Zugleich analysiert er aktuelle Beispiele, wie die Fälle der Whistleblower Edward Snowden und Chelsea Manning. „Sprache ist nicht nur ein Instrument, um Ideen und Gedanken auszutauschen. Sprache hat zugleich eine welterschließende, eine subjektivierende und gemeinschaftsstiftende Dimension. Weil Sprache uns als Menschen auszeichnet und zuallererst zu Menschen macht, sind wir durch sie verletzbar“, stellt Posselt klar.

Es kann keine gewaltfreie Sprache geben

Die zentrale These des Philosophen ist, dass sprachliche Gewalt keine abgeleitete Form physischer Gewalt ist, sondern eine eigenständige Gewaltform darstellt: „Weder ist es möglich, ein angemessenes Verständnis von Sprache zu gewinnen ohne Berücksichtigung zwischenmenschlicher Gewalt, noch ein zureichendes Verständnis von Gewalt ohne Reflexion auf ihre sprachlich-symbolische Dimension.“ Das bedeute auch, dass wir uns von der Idee einer „reinen“ Sprache verabschieden müssten: „Eine Sprache, die gänzlich gewaltfrei wäre, könnte nichts sagen oder benennen. Zugleich ist Sprache eine wichtige Ressource für unser Verhältnis zur Welt und unsere Beziehung zu anderen. Das gilt es auch zu beachten, wenn man Sprache zu regulieren versucht.“

Eine wichtige Erkenntnis des Projekts ist, dass sprachliche Gewalt darauf abzielt, das Gegenüber sprachlos zu machen und ihm die Stimme zu nehmen. Folglich gilt es, jene Formen verletzenden und diskriminierenden Sprechens entgegenzuwirken, die dem Anderen Antwortmöglichkeiten nehmen oder gar das Menschsein selbst absprechen. Der Forscher plädiert daher dafür, Sprache verschränkt mit Ethik und Politik zu betrachten. Dies ermöglicht, einen starken Begriff von Verantwortung zu entwickeln, der den einzelnen Sprechakt in seiner sozialen Dimension bedenkt.

Kriterien für gewaltsame Sprache

Einfache Antworten auf die Frage, welches Sprechen verletzend ist, gibt es nicht, aber es lassen sich Kriterien angeben, um zu zeigen, was sagbar ist und was nicht: „Sprechakte werden gewaltsamer, wenn sie adressiert sind, in einem Autoritätsgefälle oder in der Öffentlichkeit stattfinden, und wenn sie ständig wiederholt werden. Gerade im Kontext der sozialen Medien erlangt die Zitierbarkeit besondere Relevanz.“ Vor diesem Hintergrund müssen wir laut Posselt auch über mögliche Regulierungen nachdenken. Reaktionen müssen dabei nicht nur von den Gerichten kommen, sondern auch von Gesellschaft, Politik, Medien und Einzelnen, die das Wort ergreifen. Entgegen der heutigen Empörungskultur und Aufgeregtheit, die weitestgehend monologisch verfasst ist, wäre ein Sprechen produktiv zu machen, „das offen bleibt, das Möglichkeiten des Gegensprechens und Antwortens erlaubt und nicht moralisierend den Zeigefinger erhebt“, bringt es Posselt auf den Punkt.


Zur Person

Gerald Posselt hat Philosophie, Germanistik, Physik und Chemie in Darmstadt und Freiburg i. Breisgau studiert. Er war Visiting Scholar am Department of Rhetoric an der UC Berkeley (USA), Kollegiat am Graduiertenkolleg „Repräsentation-Rhetorik-Wissen“ in Frankfurt/Oder und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Produktive Differenzen: Geschlechterforschung als Beobachtung und Performanz von Differenz“. Seit 2010 ist Posselt Senior Lecturer am Institut für Philosophie der Universität Wien.


Publikationen

Gerald Posselt: Can Hatred Speak? On the Linguistic Dimensions of Hate Crime”, in: Linguistik online Bd. 82, Nr. 3, 2017
Gerald Posselt, Andreas Hetzel (Hrsg): Handbuch Rhetorik und Philosophie. Berlin/Boston: de Gruyter 2017
Gerald Posselt: Representing Consensus and Dissent: On the (Anti-)Representational Politics of the Occupy Movement, in: Epekaina 7 (1-2), 2016, 1-13
Gerald Posselt: Outraging Speech: On the Politics of Performative Contradictions, in: Oberprantacher, Andreas/Siclodi, Andrei (Hg.): Subjectivation in Political Theory and Contemporary Practices. London: Palgrave 2016, 111-129

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.