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Vergangenheitsbewältigung – Russland und die Sowjetzeiten

Russland und die Sowjetzeiten
Was ist geblieben von Hammer und Sichel? Erinnerungen der russischen Bevölkerung an die Sowjetzeit stehen im Brennpunkt eines Projekts des FWF. Quelle: Wikimedia Commons, Vladimir Fedorenko

Vergangenheit ist Zukunft – zumindest wenn es um die politische Kultur einer Gesellschaft geht. Wie eine solche Zukunft aussieht, hängt dabei maßgeblich von der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ab. Inwieweit eine solche Reflexion bei der russischen Bevölkerung bezüglich der Sowjetzeiten stattfindet, untersucht nun Anna Schor-Tschudnowskaja in einem vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Projekt.

Deutung mit Muster

Das Ziel des Projekts ist es, kollektive Deutungsmuster in der russischen Bevölkerung zu identifizieren, die dem Umgang mit der sowjetischen Erfahrung zugrunde liegen. Zu der Bedeutung des Projekts meint die Mitarbeiterin der Sigmund Freud Privatuniversität: „Auch fast 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die Dynamik des sozialen Wandels in Russland noch immer enorm. Tatsächlich erfolgte nie eine klare Abgrenzung zur politischen Kultur der Sowjetzeit, und die gesellschaftliche Einstellung dazu ist widersprüchlich und spannungsgeladen – und wenig analysiert.“

So scheint das kollektive Gedächtnis der russischen Bevölkerung noch immer von wenigen heroischen Errungenschaften der Sowjetzeit dominiert zu werden: die Industrialisierung in den 1930er Jahren, der Sieg im 2. Weltkrieg und die lange Führungsrolle im Rennen um die Eroberung des Weltalls. Andere Aspekte, wie Staatsverbrechen und autoritäre Machtausübungen, werden hingegen ignoriert oder verharmlost. Für Anna Schor-Tschudnowskaja ist diese selektive Wahrnehmung ein wesentlicher Bestandteil der gegenwärtigen politischen Kultur in Russland – und ein signifikanter Beeinflussungsfaktor für die zukünftige Entwicklung. In dem dreijährigen Projekt wird sich die erfahrene Russland-Expertin nun mit der systematischen Analyse dieser Vergangenheitsbewältigung beschäftigen.

Gesprächsbasis

Als Grundlage ihrer Analyse werden 30 bis 40 biografische Interviews dienen. Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen, werden diese in zwei verschiedenen Altersgruppen und Städten durchgeführt. Junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren werden daher genauso wie auch ältere Personen ab 60 Jahren in Moskau und St. Petersburg interviewt. Durchgeführt werden die Interviews teilweise strukturiert und teilweise offen. Dazu Schor-Tschudnowskaja: „Die Strukturierung ist für eine sinnvolle Auswertung wichtig. Der offene Charakter wiederum erlaubt es, auf individuelle Aspekte einzugehen – und so eine echte Alltagsperspektive zu erhalten.“ Gerade Letzteres ist wichtig, denn es gilt als wissenschaftlich akzeptiert, dass die individuelle Lebenserfahrung und deren Interpretation die ersten Schritte zur inhaltlichen Befüllung einer politischen Kultur sind. Während der folgenden Auswertung wird der Fokus darauf liegen, ob und wie die Personen sinnhaft Bezug auf die Erfahrungen mit der Sowjetunion nahmen und nehmen. Weiters wird nach Mustern in der Wahrnehmung und Interpretation der damaligen Geschehen – und deren inhaltlichem Kontext –  gesucht werden.

In einem anderen Teil des FWF-Projekts wird Schor-Tschudnowskaja die wissenschaftliche Literatur sichten, um auch hier Hinweise auf spezielle Deutungsmuster zu erhalten. Gemeinsam mit den empirischen Ergebnissen der Interviews wird sie so Muster identifizieren und deren Bedeutung für eine zukünftige gesellschaftliche Entwicklung einschätzen können.

Die Ergebnisse des Projekts sind dabei von mehr als rein wissenschaftlichem Interesse. VertreterInnen aus Politik und Wirtschaft werden sie eine neue und differenziertere Sicht auf die postsowjetische Gesellschaft im heutigen Russland ermöglichen – eine Perspektive, die gerade in Zeiten erhöhter wirtschaftspolitischer Spannung von großer Bedeutung sein kann.


Zur Person

Anna Schor-Tschudnowskaja ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Psychologie der Sigmund Freud Privatuniversität. Die gebürtige Ukrainerin hat Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Sie hat über „Demokratische Potentiale im gesellschaftlichen Selbst- und Fremdverständnis: Zur Analyse der Deutungsmuster ‚eigen’, ‚unsrig’ und ‚fremd’ im postsowjetischen Russland“ dissertiert.

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