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Strukturen neu denken in der 24-Stunden-Betreuung

Eine Pflegerin zieht einem älteren Mann in seiner Wohnung einen Stützstrumpf über das Bein.
Internationale Forschergruppen untersuchen, wie sich gute Arbeitsbedingungen und gute Betreuung in der häuslichen Pflege vereinbaren lassen. Quelle: Utrecht, Robin/Action Press/picturedesk.com

Die Überforderung hat System: Die häusliche Pflege in der alternden Gesellschaft wird in den drei Wohlfahrtsstaaten Deutschland, Österreich und Schweiz immer häufiger zugekauft. Beim sogenannten „Live-in-Modell“ der 24-Stunden-Betreuung vermitteln Agenturen migrantische Kräfte, die wochenweise im Haushalt leben. Doch dieses Modell bringt ein Spannungsverhältnis von guter Sorgearbeit versus gute Arbeitsbedingungen mit sich. Wie könnte dieses gelöst werden? Brigitte Aulenbacher von der Johannes Kepler Universität Linz, Helma Lutz von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Karin Schwiter von der Universität Zürich sind dieser Frage in einem international geförderten Forschungsprojekt unter Beteiligung des Wissenschaftsfonds FWF (wie in Deutschland der DFG und in der Schweiz des SNF) nachgegangen. Sie haben ihre Expertise gebündelt, um erstmals gemeinsam die bis dato wenig erforschte agenturvermittelte Live-in-Betreuung in den Fokus zu nehmen.

„Wir haben uns ab der ersten Idee intensiv ausgetauscht und ein gemeinsames Projekt beantragt und zu gleichen Teilen geleitet, das drei Länderstudien umfasst“, erklärt Brigitte Aulenbacher, die Projektleiterin in Österreich. Alle diese Wohlfahrtsstaaten sehen Live-in als eine akzeptierte Methode, die Sorgelücke zu schließen. Die Vermittlung der Arbeitskräfte über Agenturen ist dabei eine treibende Kraft. „In Deutschland und der Schweiz wird zudem die österreichische Lösung mit selbstständigen statt angestellten Betreuenden von Agenturen oft als Vorbild gesehen. Ein Ergebnis unserer Arbeit ist aber, dass sich kein System eins zu eins übertragen lässt“, erläutert die Soziologin.

Vermeintliche Verhandlungsmacht der Selbstständigen

In Österreich sind mehr als 900 Agenturen und rund 60.000 selbstständige Personenbetreuerinnen und -betreuer in der Wirtschaftskammer organisiert. Die Pflegekräfte sind sozialversichert, arbeiten allerdings zu Tarifen, die durch die Preisgestaltung der Agenturen wesentlich vorbestimmt werden. In der Schweiz gibt es Anstellungsverhältnisse, was in Österreich oft als „unpraktikabel“ und „unleistbar“ dargestellt wird, wobei die staatliche Förderung mit jener der Schweiz nicht vergleichbar ist – dort gibt es kein Pflegegeld. Deutschland wiederum setzt unter anderem auf Betreuungskräfte, die in ihrem Herkunftsland (meistens ist das Polen) beschäftigt und von dort entsendet werden.

Aktuelle Medienberichte zur 24-Stunden-Betreuung in Zeiten der Coronapandemie haben bestehende Probleme in Österreich sichtbar gemacht (Stichwort Korridorzüge aus Rumänien). Schlagzeilen machten hierzulande auch die Repressionen gegen eine rumänische Pflegerin, die eine Facebook-Gruppe zur Vernetzung aufsetzte, in der Arbeitsbedingungen und das Geschäft der Agenturen mit Zertifikaten, Kursen, Fahrtendiensten etc. zum Thema wurden. „Wir mussten im Feld schnell lernen und jedes Schwarz-Weiß-Denken war kontraproduktiv“, sagt Aulenbacher dazu. Zunächst wurden die Agentur-Webseiten einer systematischen Analyse unterzogen und Stakeholder in Ministerien, Kammern, Gewerkschaften und weiteren NGOs nach Anforderungen und Ansprüchen an dieses Betreuungsarrangement befragt. Parallel wurden Gespräche mit Expertinnen und Experten auf Leitungsebene der Agenturen geführt, um Strategien und Funktionsweisen nachzuvollziehen.

Drei Agenturen erlaubten in Österreich unterschiedlich tiefe Begleitungen nach dem ethnografischen Prinzip „follow the people and follow the things“. Eine Agentur gewährte Einblicke in interne Prozesse und Aktivitäten, eine andere überließ dem Team Kontakte zu Beteiligten in den Haushalten, wo Gespräche über Anforderungen und Ansprüche an gute Sorge und gute Arbeit sowie über Konflikte und Widersprüche geführt wurden. Eine dritte Agentur nahm das Forschungsteam mit, so dass Brigitte Aulenbacher und die beiden Teammitglieder Michael Leiblfinger und Veronika Prieler in unterschiedlichen Konstellationen mit allen Beteiligten sprechen konnten.

Ambivalente Funktion der Agenturen

Die Agenturen geben das Versprechen „guter Sorge für die Pflegebedürftigen“ ab und richten sich mit dem Angebot in erster Linie an zu Pflegende und deren Angehörige. Die Firmenstruktur ist sehr unterschiedlich, wie die laufenden Analysen zeigen. In Österreich bieten Agenturen auch standardisierte Pakete entlang eines breiten Gradienten an: von Gesellschaft leisten über Unterstützung im Haushalt bis hin zu leichter medizinisch-pflegerischer Tätigkeit auf Anordnung von Ärztin/Arzt oder diplomierter Pflegeperson. Die Agenturen sind in Österreich gesetzlich verpflichtet, zunächst eine Bedarfserhebung zu machen, rekrutieren dann die aus ihrer Sicht geeigneten Betreuungskräfte und übernehmen das Matching.

Gerade große etablierte Unternehmen und NPOs mit breitem pflegerischem Angebot, die auch Lobbying betreiben, drängen auf Gütesiegel (seit 2019 staatlich eingeführt), Professionalisierung und verbindliche Standards. Andere sehen sich als unzuständig für die individuellen Arbeitsbedingungen und drücken Kosten. – Für alle diese gibt es eine passende Klientel, weil die Lücke groß ist und die Überforderung auch. „Agenturen können eine hohe Schutzfunktion haben, wo Haushalte sich extrem ausbeuterisch verhalten, aber es gibt auch solche, die selber ausbeuten“, weiß Brigitte Aulenbacher. Der Kernwiderspruch bleibt erhalten: Das Live-in-Modell basiert darauf, dass Betreuungskräfte zwischen Ländern pendeln, weil sie zu Hause keine Perspektive haben. Bei der aktuellen Bezahlung können die Personenbetreuerinnen nur im selben Haushalt wohnen, wo sie permanent verfügbar sind und auch Pflegebedürftige mit schwierigen Diagnosen zu betreuen haben: „Am Arbeitsort zu leben, sich in die Intimität der Haushaltsordnung friktionslos einzufügen und dabei hoch beansprucht zu sein, wirkt guten Arbeitsbedingungen entgegen“, betont Aulenbacher.

Wie ginge es besser?

Brigitte Aulenbacher ist sich der eingeschränkten Aussagekraft bewusst, weil für die Fragestellung nur dafür „offene“ Agenturen untersucht werden konnten. Als Korrektiv wurde die Perspektive von Interessenorganisationen der Betreuenden und Angehörigen eingeholt. Wichtige Anregungen für Fragen mit Blick auf die Sendeländer gab den Forschenden eine Exkursion mit einer der österreichischen Gewerkschaften. Die Ausbeutung wird von nahezu allen Beteiligten gesehen, konkrete Verbesserungsvorschläge werden gemacht und von Agenturen wird oft die Abgrenzung zu den sogenannten „schwarzen Schafen“ gesucht.

Das Fazit der Soziologin: „Man muss an den gesamten Pflegemix ran! Das Zu-Hause-Leben darf nicht auf Kosten der weiblichen Angehörigen oder der Lebens- und Arbeitssituation von vorwiegend Migrantinnen gehen.“ Für eine Veränderung sei es notwendig, neu über Betreuungsinfrastrukturen im lokalen Umfeld und über Netzwerke nachzudenken: „Beim aktuellen System fügt sich wenig freiwillig“, bringt es Aulenbacher auf den Punkt und erläutert: „Weder die Angehörigen noch die Pflegekräfte wählen aus freien Stücken, und zwei Fremde auf engem Raum sind ein schwieriges Setting. Selbst wenn man an der Qualität schraubt, etabliert man dennoch das bestehende, problematische Modell.“ Als Gegenentwurf sieht die Forscherin mehr mobile Dienste, mehr Krankenpflegepersonal in der Gemeinde oder betreute Wohngemeinschaften in der Nähe des Wohnortes mit mehreren Pflegerinnen und Pflegern sowie zu Pflegenden, wie sie in Deutschland modellhaft versucht werden, um Isolation und Ausbeutung entgegenzuwirken.


Zur Person

Brigitte Aulenbacher studierte Soziologie an der Universität des Saarlandes und der Universität Bielefeld. 2004 habilitierte sie sich für das Fach Soziologie an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. Sie ist seit 2008 Professorin an der Johannes Kepler Universität Linz und leitet die Abteilung für Gesellschaftstheorie und Sozialanalysen am Institut für Soziologie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Ihre Schwerpunkte sind Gesellschaftstheorie, Kapitalismusanalyse, Care-, Arbeits- und Geschlechterforschung.


Projektwebsite: http://decent-care-work.net/


Publikationen

Gute Sorge ohne gute Arbeit? Live-in-Care in Deutschland, Österreich und der Schweiz, hg. v. Aulenbacher, Brigitte; Lutz, Helma und Schwiter, Karin; Beltz Juventa, April 2021

Aulenbacher, Brigitte et al.: Facing Covid-19: Live-in-Care in Central Europe, in: Global Dialogue – the Magazine of the International Sociological Association, GD10.3, 2020

Aulenbacher, Brigitte; Leiblfinger, Michael; Prieler, Veronika: The promise of decent care and the problem of poor working conditions: Double movements around live-in care in Austria, in: sozialpolitik.ch, Universität Fribourg 2/2020

Michael Leiblfinger, Veronika Prieler, Karin Schwiter et al.: Impact of COVID-19 Policy Responses on Live-In Care Workers in Austria, Germany, and Switzerland, in: Journal of Long-Term Care, 2020

Kommentare (2)

Interessant, dass die Nachfrage nach der 24-Stunden-Betreuung in Deutschland, Österreich und Schweiz immer weiter steigt. Wir suchen schon seit längerem nach einer kompetenten Pflegekraft für die Betretung und Pflege meiner Großeltern. Es ist sehr wichtig, dass das Personal über Fachkenntnisse verfügt und fair behandelt wird.

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