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Wien-Film als ideologische Musikschmiede

Filmmusik als Propaganda wie in „Liebe ist zollfrei“ mit Theodor Danegger, Hans Moser und Else Elster, A/D 1941 Quelle: Filmarchiv Austria

Was wären Rose und Jack mit ausgebreiteten Armen am Bug der Titanic, was der düstere Auftritt von Darth Vader oder die Mission von Captain Jack Sparrow ohne ihre musikalischen Leitmotive? Wer sich an eindrückliche Filmszenen erinnert, hat oft auch Musik im Ohr. Gekonnt eingesetzte Musik bewegt uns emotional, sie lenkt unsere Aufmerksamkeit. Sich wiederholende Motive prägen sich ein. Das war auch den Propagandaverantwortlichen des NS-Regimes bewusst, als sie mit der Machtübernahme in Österreich die Produktionsfirma „Wien-Film“ in ihren Dienst stellten.

Was in Wien produziert wurde, musste in Berlin genehmigt werden. „Fünfzig mehr oder weniger ideologisch aufgeladene Spielfilme wurden in der NS-Zeit in Wien produziert. Die Filmschaffenden in der ‚Hauptstadt der Musik’ wurden gerne für Unterhaltungsfilme gebucht“, beschreibt Stefan Schmidl das Profil des Standortes zwischen Autonomie und Kontrolle. Der Musikhistoriker hat aber auch handfeste Propagandafilme wie „Heimkehr“ oder „Der Postmeister“ analysiert bzw. ein Dutzend musikunterstützte „Kulturfilme“. Das waren kurze ideologische Lehrfilme, die vor dem Hauptfilm gezeigt wurden. Zu den Quellen für die vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützte musik- und filmhistorische Aufarbeitung des Gesamtwerks der „Wien-Film“ von 1938 und 1945 gehören u.a. Originalpartituren mit und ohne handschriftliche Notizen, Drehbücher, Versionen von Arrangements, Besetzungslisten, Verträge, Korrespondenz und die fertigen 35mm-Filme.

Musik berührt Menschen

Wo verläuft nun die Grenze zwischen Musik als gutem Gefühlstransporter, wie er sich mit dem Tonfilm ab 1927 verbreitet hat, und dem Einsatz zu Propagandazwecken? „Generell sehen wir in der Gesamtschau eine hohe handwerkliche Qualität, die im fertigen Film gar nicht immer zum Einsatz kam. Die Filmmusik wurde von den besten und bekanntesten Orchestern Wiens eingespielt, was den bekannten und gewünschten Stil mitbedingte. Und die verwendeten musikalischen Elemente knüpften selbstverständlich an die Hörgewohnheiten an“, so der Projektleiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Stefan Schmidl achtet darauf, was, wann und wie die Musik zum Einsatz kam, um die Wirkung des Gezeigten zu verstärken. Vereinfacht unterscheidet er zwei Kategorien: Ein bekanntes Musikstück wird in den Dienst der Ideologie gestellt oder eigens komponierte Stücke betonen wichtige Stellen im Film, setzen Akzente und lenken die Aufmerksamkeit.

Walzer und Lieder auf Abwegen

Ein Beispiel dafür ist der ikonische „Donauwalzer“ von Johann Strauss Sohn, der zu Beginn in der Erkennungsmelodie (Signation) der „Wien-Film“ als Fanfare aufgegriffen wurde. Ohne inhaltlichen Zusammenhang, aber als Beispiel für Kontinuität sei die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ genannt, deren Signation ebenfalls auf den Donauwalzer Bezug nimmt.

Ein anderes Beispiel für den ideologischen Einsatz bekannter Werke ist das „Deutschlandlied“ bzw. in Österreich das „Kaiserlied“ von Joseph Haydn. Es wurde von Streichquartett auf Orchesterbesetzung umarrangiert und im Propagandafilm „Heimkehr“ mit Schauspielstar Paula Wessely gezielt eingesetzt. Grundidee dieses Films war eine verbrämte Rechtfertigung für die Eroberung Polens durch die Wehrmacht mit zahlreichen ideologischen Anspielungen.

Eine wichtige Maßzahl für die Massenwirksamkeit ist für die Forschenden also auch, wie viele Menschen mit Film und Musik in Berührung kamen. Die Zuschauerzahlen zeigen damals wie heute, ob ein Film ein Blockbuster ist. Stefan Schmidl ist sich sicher, dass die musikalischen Werkzeuge und Mechanismen heute genauso gut funktionieren würden, wie damals. Das Team arbeitet also auch an kommentierten Partituren für Filme, die im Schulunterricht zu Aufklärungszwecken gezeigt werden können: Neben „Heimkehr“ aus 1941, dem Propagandafilm in Reinkultur, sind das „Der Postmeister“ (Melodram aus 1940) und „Liebe ist zollfrei“ (Komödie aus 1941).

Aus Kisten und Archiven in die Datenbank

Das reichhaltige Material zur Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte, der beteiligten Personen, der Arbeitsweise und der Werke lagerte vor Projektbeginn in Kisten im Filmarchiv Austria. Etwaige Lücken in den Quellen, die weder durch Kriegshandlungen noch durch die Verantwortlichen zerstört wurden, konnten in Kooperation mit internationalen Archiven und Personen-Nachlässen wie bei einem Puzzle ergänzt werden. Im Zuge der interdisziplinären Aufarbeitung sämtlicher zwischen 1938 und 1945 geschaffenen Werke der „Wien-Film“ wurde eine moderne Datenbank aufgebaut, die weitere Forschung über den dritten Standort der NS-Filmindustrie neben München und Berlin ermöglicht.

Neuartig in der musikhistorischen Forschung ist für Stefan Schmidl „die Dichte des Materials, weil für den Zeitraum sämtliche Produktionsmaterialien des Filmstudios übergreifend ausgewertet werden konnten“. Das wichtigste und überraschendste Ergebnis war für den Projektleiter darüber hinaus die Akribie, der Perfektionismus und die perfide Qualität des Filmschaffens. „1938 bedeutet eine Zäsur in Österreich. Unsere Ergebnisse widerlegen jedoch die Annahme, dass eine kulturelle Wüste zurückblieb. Sie revidieren für diesen Bereich das kulturpessimistische Bild. Es gab weiterhin viele talentierte Kulturschaffende, die das Regime unter ideologischen Vorzeichen unterstützten oder sich arrangierten und ihre Arbeit auf einem hohen Niveau erfüllten.“ Das Vermächtnis und die Kontinuitäten des Film- und Musikschaffens in Wien nach 1945 weiter zu verfolgen, gehört zu den geplanten Forschungsvorhaben des Teams. Dabei wäre es interessant, internationale Archive anzuzapfen, die sich aus Material in der ehemals russischen Besatzungszone speisen.


Zur Person

Stefan Schmidl ist Professor für Musikgeschichte an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Musikwissenschaft des Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


Publikationen

Stefan Schmidl: The Film Scores of Alois Melichar, in: Studies in the Music of Austro-German Cinema 1933–1956, Morawa 2018

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