Interview & Meinung

Gemeinsam für die Zukunft

Artemis Vakianis und Georg Winckler zur neu gegründeten alpha+ Stiftung des FWF. Quelle: Christine Miess/FWF

FWF: Als erster staatlich finanzierter Fördergeber für die Grundlagenforschung hat der Wissenschaftsfonds soeben eine gemeinnützige Stiftung eingerichtet? Welches Ziel verfolgt die Stiftung?

Artemis Vakianis: Mit der Stiftung wollen wir gemeinnützig orientierte Personen sowie Organisationen anregen, exzellente Forschende aus ganz Österreich nicht nur ideell, sondern auch finanziell zu unterstützen. Es ist uns ein Anliegen, dass Forschung in der Gesellschaft breit verankert wird. Wir wollen die Öffentlichkeit einladen, durch philanthropisches Engagement gemeinsam zur Lösung großer gesellschaftlicher Fragen beizutragen.

Georg Winckler: Als öffentliche Einrichtung steht der FWF in ständigem Dialog mit der Gesellschaft. Jetzt geht es darum, bundesweit die Finanzierung durch Private zu intensivieren. In den USA, wo das schon lange Praxis ist, wird rund ein Drittel der Grundlagenforschung mit privaten Geldern finanziert. Um auch bei uns Forschenden diese zusätzlichen Möglichkeiten zu eröffnen, braucht man Brücken in die Gesellschaft und Wirtschaft. Die Stiftung ist für den FWF eine dieser Brücken.

FWF: Wie sieht die strategische Ausrichtung der Stiftung aus?

Winckler: Wir haben drei Handlungsfelder definiert: Mut, Verantwortung und Vertrauen. Unter dem Aspekt „Mut“ sollen aufstrebende Spitzenforscherinnen und -forscher zusätzliche Mittel erhalten, um sich beispielsweise international noch besser etablieren zu können. Im zweiten Handlungsfeld „Verantwortung“ wird die Stiftung für Aufgabengebiete, die sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen orientieren, Förderpreise ausschreiben. Und im dritten Feld wollen wir schließlich einen landesweiten Kulturwandel anstoßen, der das Vertrauen in die Wissenschaft im Allgemeinen und in die Grundlagenforschung im Besonderen hebt. Eines haben alle Handlungsfelder gemeinsam: Wer sich hier mittels der Stiftung engagieren wird, der fördert gezielt Meisterinnen und Meister ihres Faches.

FWF: Wurden bereits konkrete Themenbereiche für Förderpreise festgelegt?

Winckler: Es gibt große Themen, die uns alle bewegen, wie der Klimawandel oder medizinischer und technischer Fortschritt. Gerade in der Medizin gibt es schon jetzt die Bereitschaft, vermehrt in  Grundlagenforschung zu investieren. Darüber hinaus wird EU-weit diskutiert, wie man nicht nur Forschungsbereiche vordefinieren kann, sondern auch aktuelle Problemstellungen lokalisiert, die innerhalb der Gesellschaft entstehen. Neben der von Neugier getriebenen Wissenschaft gibt es also auch die „inspirational missions“, wie zum Beispiel die Mond-Missionen, welche die Grundlagenforschung antreiben. Entsprechend diesen beiden Zugängen wird die Stiftung zunächst einen Klima-Schwerpunkt setzen. Hier gibt es sicherlich Potenzial, Spenden für Grundlagenforschung in ganz Österreich zu lukrieren.

Die Stiftung öffnet neue Türen für das gemeinnützige Engagement und soll Forschung stärker in der Gesellschaft verankern, so die stellvertretende Stiftungsvorsitzende Artemis Vakianis. Quelle: Christine Miess/FWF

FWF: Inwieweit wird sich die Ausrichtung auch an den Spenderinnen und Spendern orientieren?

Vakianis: Wie erwähnt, werden wir einerseits für große Themen, die uns besonders gesellschaftsrelevant erscheinen, proaktiv Partner suchen. Gleichzeitig werden wir von Personen direkt angesprochen, die ihrerseits bestimmte Forschungsbereiche unterstützen möchten. Das ist jetzt bei einigen Stiftungspreisen des FWF bereits der Fall, etwa beim Thema Meteorologie, Medizin oder Forschung zur Weiterentwicklung des Internets. Wir haben eine starke Motivation, für die heimische Spitzenforschung aus der gesamten Gesellschaft Botschafterinnen und Botschafter zu gewinnen. Zu welchem Thema sich das dann ausgestaltet, wird man sehen. Es werden auf jeden Fall Themen sein, die Relevanz für uns alle haben. Genau das soll die Stiftung ermöglichen: sich gemeinsam für die großen Fragen unserer Epoche zu engagieren.

FWF: Wie werden die Stiftung und die Geschäftsstelle des FWF operativ zusammenarbeiten?

Vakianis: alpha+ ist eine Stiftung des FWF, das heißt, ohne den Fonds gibt es die Stiftung nicht. Somit durchlaufen alle zusätzlich über die Stiftung vergebenen Mittel das qualitätsgesicherte Auswahlverfahren des FWF. Es dient immer als Entscheidungsgrundlage. alpha+ ist keine operative Stiftung und daher auch schlank strukturiert. Wir können Geldgeberinnen und Geldgebern garantieren, dass stets 100 Prozent der zur Verfügung gestellten Mitteln den Forschenden, unabhängig von der Einrichtungen an der sie arbeiten, zugutekommen. Dabei ist die Stiftung als Ergänzung zu den herkömmlichen Förderungsaktivitäten des FWF zu sehen.

100 Prozent der Mittel kommen den Forschenden zugute.

Artemis Vakianis

FWF: Stichwort Forschungseinrichtungen: Auch Hochschulen betreiben vermehrt Fundraising, um zusätzliche Mittel für Forschung zu lukrieren. Begibt sich die Stiftung damit in eine Konkurrenzsituation zu anderen öffentlichen Einrichtungen?

Vakianis: Wir haben die Stiftung als Ergänzung zu den bestehenden Playern eingerichtet. Wir begreifen uns als Dienstleister am Gemeinwohl, indem wir bewusst machen, wie und warum Forschung ein wichtiges Betätigungsfeld für Privatengagement sein kann. Aus dem direkten Vergleich mit Deutschland, Schweden oder anderen Ländern wissen wir, was für ein großes Potenzial hier schlummert. Folglich gehen wir davon aus, dass wir auf Bundesebene den von den Universitäten bereits gestarteten Kulturwandel vorantreiben können.

Der Anteil privaten Engagements ist in forschungsstarken Nationen wie den USA oder der Schweiz besonders hoch, betont Vorstandsvorsitzender Georg Winckler. Quelle: Christine Miess/FWF

FWF: Im internationalen Vergleich ist Grundlagenforschung in Österreich sehr niedrig dotiert. Kann man die Stiftung auch als Antwort darauf sehen, Aufgaben nachzukommen, die von staatlicher Seite nicht erfüllt werden?

Winckler: In Österreich sind wir mit einer Forschungsquote von knapp 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei den Spitzenreitern bei den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Doch nur ein Sechstel davon wird in Grundlagenforschung investiert. In anderen Ländern ist das deutlich mehr. Man kann sich die Frage stellen, warum das so ist. In der Schweiz zum Beispiel wird der hohe Anteil in der Grundlagenforschung nicht zuletzt auch von der Industrie getragen. Dadurch ist das Land sehr forschungsstark und langfristig erfolgreich geworden. Das prägt eine Forschungskultur, die es so in Österreich noch nicht gibt. Da gilt es aufzuholen, doch dafür braucht es auch die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen.

Vakianis: Uns ist zudem wichtig zu betonen, dass die Stiftung nicht dazu da ist, einen Missstand auszugleichen, der an anderer Stelle existiert. Die Stiftung soll, ergänzend zu den Förderaktivitäten des FWF, vollkommen neue Möglichkeiten der Kooperation mit der Zivilgesellschaft schaffen.

Privates Engagement befördert eine Forschungskultur, die es so in Österreich noch nicht gibt.

Georg Winckler

FWF: Mit Geldern von privaten Zuwendungen können auch private Interessen ins Spiel kommen. Welche Haltung nimmt die Stiftung dazu ein?

Winckler: Wir haben einen Verhaltenskodex erarbeitet, der in einer strikten Orientierungshilfe reglementiert, wann wir Gelder nehmen und wann nicht. Im Kodex gibt es etwa eine Zivilklausel, die festhält, dass von uns geförderte Forschung nur zu friedlichen Zwecken erfolgen darf. Daneben garantieren Transparenz der Finanzierungsquellen und das anerkannte Qualitätssicherungssystem des FWF, dass Spendengelder zu 100 Prozent in Spitzenforschung fließen.

Vakianis: Die Stiftung ist den gleichen Werten verpflichtet wie der FWF. Stiftungszuwendungen  werden sowohl im Stiftungsvorstand als auch im Präsidium des FWF genau abgewogen. Die Stiftung erfüllt die Zwecke des Wissenschaftsfonds und dessen Gründungsgedanken.

FWF: Ist Forschung, die durch Drittmittel finanziert wird, ausreichend transparent in Österreich? Vor einigen Jahren gab es Diskussionen in Deutschland und Österreich als bekannt wurde, dass Forschung in Europa unter anderem vom US-Verteidigungsministerium finanziert wird.

Winckler: In manchen Ländern ist der Druck sehr stark, transparenter zu sein. Die Frage wird kontrovers diskutiert, ob man solche Forschungsaufträge annehmen soll. Das renommierte MIT (Massachusetts Institute of Technology, Anm.) erhält rund eine Milliarde Dollar pro Jahr vom US-Militär. Die entscheidende Frage ist, zu welchen Zwecken die Mittel eingesetzt werden. Hier sind eindeutige Transparenzbestimmungen umso wichtiger, wie sie auch zunehmend eingefordert werden. Es ist wichtig, dass Einrichtungen offenlegen, von wem ihre Arbeit finanziert wird.

Wir müssen jetzt handeln, um eine gesicherte Zukunft garantieren zu können.

Artemis Vakianis

FWF: Innerhalb der Wissenschaftsförderung hat das Engagement privater Förderer in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Vakianis: Im Vergleich zu anderen Ländern ist das generelle Spendenaufkommen pro Kopf in Österreich eher gering. Es setzt sich aus vielen Kleinspenden zusammen. Im Bereich Wissenschaft und Forschung sind die Spendensummen vergleichsweise höher, aber die Anzahl des partizipierenden Personenkreises noch klein. Die neuerdings wachsende Bereitschaft sich hier zu engagieren, geht sicherlich auch auf eine gesteigerte Wahrnehmung dieses neuen Sektors zurück, der Spenderinnen und Spender gezielt mobilisiert. Unser Anliegen ist es, in Österreich auch die steuerlichen Rahmenbedingungen für gemeinnützige Stiftungen zu erleichtern. Als öffentliche Institution haben wir die Möglichkeit, uns dafür einsetzen zu können.

FWF: Wie viel Potenzial sehen Sie in Österreich und in welchen Bereichen der Gesellschaft?

Vakianis: Zuerst werden wir vor allem andere Stiftungen, Großspender und auch Unternehmen ansprechen. Wir wissen, dass es in der Grundlagenforschung einen langen Atem braucht. Gleichfalls wissen wir auch, dass man jetzt handeln muss, um der Gesellschaft eine gesicherte Zukunft garantieren zu können. Der Vorteil der FWF-Stiftung ist, dass wir nicht nur alle Forschungsbereiche im Blick haben, sondern auch die Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg. Zudem wird es künftig vermehrt auch darum gehen, gesamtgesellschaftliche Akteure und Multiplikatoren miteinzubeziehen, um neues Wissen zu generieren. Am Beispiel der Klimaforschung zeigt sich, wie wichtig das Zusammenspiel unterschiedlichster Fachkreise ist, nicht nur innerhalb der Wissenschaft. Indem wir unterschiedliche Akteurinnen und Akteure vernetzen, versteht sich die Stiftung daher auch als Ansprechpartner für kreative Ansätze zur Erforschung der großen Fragen der Menschheit.


Georg Winckler war von 1999 bis 2011 Rektor der Universität Wien und unter anderem Sprecher der europäischen und österreichischen Universitätenkonferenz (EUA bzw. uniko). In letzterer Funktion war er von 2000 bis 2005 auch Mitglied des Präsidiums des FWF. Der Ökonom hat seither zahlreiche Funktionen in der Beratung und in Gremien inne, u.a. als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Erste Stiftung. Seit November 2019 ist Winckler ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der alpha+ Stiftung des Wissenschaftsfonds FWF.

Artemis Vakianis ist seit 2016 kaufmännische Vizepräsidentin des FWF und stellvertretende Vorsitzende der alpha+ Stiftung. Zuvor verantwortete die Volkswirtin und Kulturmanagerin die kaufmännische Führung in zahlreichen Institutionen des Kulturbetriebs, unter anderen an der Komischen Oper Berlin und beim Festival „Steirischer Herbst“.


alpha+ Stiftung

Die alpha+ Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung des Wissenschaftsfonds FWF, sie wurde im November 2019 gegründet. Ihre Förderungen konzentrieren sich auf den exzellenten Nachwuchs in der Grundlagenforschung, auf die Erforschung großer Themenkomplexe im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele und die Stärkung des Stellenwerts von Wissenschaft und Forschung in der Zivilgesellschaft. Die Stiftung ist der Mission des FWF, Österreichs zentraler Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung, verpflichtet. Erste Aktivitäten im Stiftungswesen hat der FWF bereits in den vergangen Jahren gesetzt. Derzeit werden Forschungsprojekte im Ausmaß von 1,6 Millionen Euro pro Jahr durch Stiftungsmittel finanziert.

Das Spendeverhalten der Österreicher/innen

 

  • Mit 78 Euro für Spenden pro Kopf und Jahr zählt Österreich zwar nicht zu den Spendenweltmeistern, dennoch hat sich das Spendenvolumen seit 2008 verdoppelt. Im Vergleich: In Deutschland liegt das Spendenaufkommen bei 90 Euro, in Schweden bei 114 Euro und in Großbritannien bei 257 Euro pro Einwohner/in.
  • 2019 hat die österreichische Bevölkerung 700 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke gespendet, so viel wie noch nie. Der Zuwachs zeigt sich u.a. in steigenden Dauerspenden, mehr Zuwendungen an Universitäten und zunehmenden Testamentsspenden. Die Top-Spendenziele sind Tiere (33 %), Kinder (28 %) und Katastrophenhilfe (19 %). Gestiegen sind die Zuwendungen an Obdachlose (17 %), bei Umwelt und Klima (12%) sowie Kunst und Kultur (9%).
  • Auch die Bereitschaft den Bereich Wissenschaft und Forschung zu unterstützen wächst. 2018 wurden diesem Bereich rund 95 Millionen Euro gewidmet (2017: 89 Mio.). Besonders stark gewachsen sind mit einem Plus von 60 Prozent Zuwendungen an Stiftungen der 150 größten Non-Profit-Organisationen.
  • Nur 5 bis 10 Prozent aller Spenden kommen von Personen, die ein jährliches Einkommen von mehr als 100.000 Euro haben. Unternehmen spenden rund 50 Millionen Euro jährlich.

 

Quelle: Fundraising Verband Austria 2019

Mehr Informationen

www.alphaplusstiftung.at

Private Zuwendungen für die Forschung

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.