Unterzeichnung der Gründungsurkunde des IIASA
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges treffen sich im Herbst 1972 in London zwölf Nationen aus Ost und West, um die Gründungsurkunde des IIASA zu unterzeichnen. (Bildmitte: die Regierungsberater Solly Zuckerman, UK (li.) und Jermen Gvishiani, UdSSR) © IIASA

Es war ein Erfolgsrezept im Kalten Krieg: Vor dem Hintergrund atomarer Bedrohung schmiedeten die USA und die Sowjetunion in den 1960ern Pläne für ein Ost-West-Institut. Die Idee war, sich über ideologische Grenzen hinweg wissenschaftlich zu vernetzen und Beziehungen zu pflegen. Vorausschauend wollte man sich gemeinsam großen Zukunftsthemen wie Umwelt, Gesundheit und Technologie widmen. 1973 war es schließlich so weit. Aus dem Ost-West-Institut wurde offiziell das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) mit Standort in Laxenburg bei Wien. Von nun an waren Moskau und Washington durch die erste transatlantische Computerverbindung vernetzt, die über das IIASA führte. Die Entwickler:innen hatten Pionierarbeit geleistet.

Neben den beiden Großmächten unterstützten über die Jahre immer mehr Staaten die Idee eines Hubs für wissenschaftliche Expertise, wo Grundlagen für politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erstellt wurden. Auf neutralem Boden bildeten sich Arbeitsgruppen mit den besten Expert:innen weltweit. Die Akteur:innen waren gut vernetzt, es herrschte reger Austausch zwischen Forschung, Politik und Wirtschaft. Auch so manche Karriere verlief entlang dieser Linien, wie jene von Pjotr Awen. Der russische Ökonom forschte ab den 1980er-Jahren am IIASA, war in den 1990ern führend an der Transformation der Sowjetunion beteiligt und hatte eine Schlüsselfunktion in der Alfa-Bank, der größten Privatbank Russlands, inne. Am Aufbau des Instituts maßgeblich beteiligt waren von amerikanischer Seite Howard Raiffa, der als Gründungsdirektor des IIASA, direkt von der Harvard-Universität nach Wien kam. Sein Ansprechpartner in Moskau war Jermen Gvishiani, der stellvertretende Vorsitzende des Staatskomitees für Wissenschaft und Technologie. Als Schwiegersohn des sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin nahm Gvishiani zudem in der kommunistischen Parteiführung einen hohen Rang ein.

Historische Netzwerkanalyse

„Elite, Ideen und Transfers spielten eine bedeutende Rolle am IIASA“, bestätigt Oliver Rathkolb. Gemeinsam mit seinem Team (Petra Mayrhofer und Pavel Szobi) arbeitet der Historiker in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt erstmals die Geschichte des IIASA und des 1982 ebenfalls in Wien gegründeten Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) auf. Dabei interessiert die Forschenden die Frage, wie das damals einzigartige Modell des Ideen- und Wissensaustausches als Entspannungspolitik in der Zeit des Kalten Krieges funktionierte und welche Langzeiteffekte es über das Ende ab 1989 hinaus hatte. Nach einer intensiven Recherchephase wird derzeit gemeinsam mit Datenexpert:innen von FAS Research eine Netzwerkanalyse von über 700 Personenangaben u. a. aus den Archiven des IIASA und IWM erstellt.

Von den Netzwerkdaten und Visualisierungen erhoffen sich die Forschenden neue Erkenntnisse über die Akteur:innen, ihre Netzwerke, Aufenthalte und beruflichen Stationen sowie die inhaltliche Zusammenarbeit. Darüber hinaus werden zahlreiche Interviews mit Expert:innen geführt, die an den Instituten mitgewirkt haben. Einer der bekanntesten noch lebenden Gesprächspartner des Wiener Forschungsteams ist der in Prag geborene Karl Schwarzenberg, der frühere Außenminister der Tschechischen Republik. Er war mit dem IWM eng verbunden. „Fürst Schwarzenberg nimmt aus diesem Diskurs am IWM sehr viele Ideen mit in die Politik“, berichtet Rathkolb. „Es wird unterschätzt, wie wichtig das Netzwerken und der Austausch mit Kolleg:innen aus unterschiedlichen Umfeldern ist. Das ist einer der Effekte, weshalb es sich ausgezahlt hat, im Kalten Krieg in Diskurs zu bleiben.“

Zur Person

Oliver Rathkolb hat Geschichte und Rechtswissenschaften in Wien studiert und war langjähriger Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien. Seine Schwerpunkte sind u. a. die Geschichte der österreichischen Republik, die NS-Perzeptionsgeschichte, die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Geschichte des Kalten Kriegs. Rathkolb ist Mitglied zahlreicher Gremien und wissenschaftlicher Beiräte, er war Gastprofessor an der Harvard-Universität und der University of Chicago und ist Autor einer Vielzahl von Monografien und Sammelwerken, u. a. erschienen „The Paradoxical Republic. Austria 1945–2020“, Berghahn Books, New York-Oxford 2021 und „Schirach. Eine Generation zwischen Goethe und Hitler, Molden Verlag, Wien 2020.

IWM
Ein Meilenstein in der Geschichte des IWM bildet die 1990 organisierte Konferenz „Mitteleuropa auf dem Weg zur Demokratie“. Führende Intellektuelle und Politiker:innen aus Europa, Nordamerika und der Sowjetunion fanden in Wien zusammen, um die Zukunft Europas in einer Zeit dramatischer Veränderungen zu diskutieren. (Von links: Jurij N. Afanasiev, Erhard Busek, Timothy Garton Ash, Karl Schwarzenberg, Lane Kirkland, Aleksander Smolar) © IWM/Renate Apostel

Politischer Diskurs am IWM

Wenngleich die beiden Wiener „Ost-West-Drehscheiben“ anders konzipiert sind, eint sie die wissenschaftliche Diplomatie auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Während das IIASA als NGO von seinen staatlichen Mitgliedern unterstützt wird und den Fokus auf Grundlagenforschung richtet, ist das Netzwerk des IWM von der gemeinsamen ideologischen Basis und vom politischen Diskurs geprägt. Gegründet von dem polnischen Philosophen Krzysztof Michalski (1948–2013), der enge Beziehungen zu den USA und zu Papst Johannes Paul II. hatte, werden am IWM sozial- und geisteswissenschaftliche Ideen diskutiert und neue Modelle entwickelt. Viele IWM-Fellows, die in Wien waren, spielten später in der Politik Osteuropas eine wichtige Rolle und saßen Ende der 1980er-Jahre mit am runden Tisch, als der Weg vom Kommunismus hin zur Demokratie verhandelt wurde.

„Das Problem war, und das wurde im Westen nicht wahrgenommen, dass die soziale Dimension dieser Transformation nicht überall gelungen ist, so wie es nach 1947 mit dem Marshallplan gemacht wurde“, sagt Rathkolb. Dieser Aspekt wurde zwar am IWM viel diskutiert, aber letztlich vom einsetzenden Turbokapitalismus ab 1989 überholt, der weite Teile der Bevölkerung sich selbst überließ und einen massiven Braindrain in den Westen zur Folge hatte. „Die Folgen merken wir bis heute und sind auch einer der Gründe für die Verwerfungen im heutigen Russland“, betont der Historiker.

Wissenschaftsdiplomatie für die Gegenwart

Trotz politischer Interventionen und Versäumnisse haben das IWM und das IIASA die Zeit nach dem Kalten Krieg überlebt. Netzwerke und soziale Kontakte hielten und die wichtige Beziehungsarbeit über nationale Grenzen hinweg wird bis heute gepflegt. Inzwischen arbeiten am IIASA mehr als 400 Forschende aus 53 Ländern Seite an Seite. Sowohl das IIASA als auch das IWM avancierten zu Vorbildern für wissenschaftlichen Austausch im 21. Jahrhundert. Die unabhängige Grundlagenforschung am IIASA zu Klimakrise, Demografie, Energiesicherheit oder Ökonomie liefert nicht nur weltweit einzigartiges empirisches Wissen, sondern auch wichtige Lösungsmodelle für den politischen Diskurs. Dem IWM ist es seit den1980ern gelungen, das historische Erbe Osteuropas im Westen sichtbar zu machen und die Kontakte global auszubauen.

Beide Institutionen sind sich übrigens ihrer historischen Rolle bewusst. „Jetzt ist es für die Weltgemeinschaft an der Zeit, die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit zu verstärken, als Reaktion auf die derzeitigen Herausforderungen, unter anderem Klimawandel, globale Pandemien und bewaffnete Konflikte, und sich nicht aus dieser informellen Diplomatie zurückzuziehen“, heißt es im Wiener Statement für Wissenschaftsdiplomatie, welches das IIASA 2022 anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums veröffentlicht hat. Sich noch aktiver in den politischen und öffentlichen Diskurs einzubringen, das sieht auch Oliver Rathkolb als eine zentrale Aufgabe der beiden Role-Models für internationale Forschungszusammenarbeit. „Der Kalte Krieg ist zu Ende, gleichzeitig haben wir völlig neue geopolitisch kontroverse Situationen. Da brauchen wir solide Forschung und sozialwissenschaftliche globale Diskurse, die die parlamentarische Demokratie auch in Perioden massiver internationaler Verwerfungen am Leben halten“, so der Historiker.

Das Forschungsprojekt „Ideentransfers durch ,Expert Clearing Housesʽ in Wien“ (2020–2024) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 370.000 Euro gefördert.

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