Disziplinierungsmaßnahmen sollten die Durchflussgeschwindigkeit der Skiläufer an die schnelleren Lifte anpassen. Schmale abgetrennte Wartebereiche zwangen die Wartenden in Zweierreihen auf leicht abschüssigem Terrain. Bildpostkarte Risch-Lau (1965) © Landesbibliothek Vorarlberg

Das Versprechen einer kollektiven Winterfrische macht die Alpen ökologisch verletzlich. Der Wintertourismus in Österreich verwandelt alpine Täler in Industrieflächen. Das zeigt ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt über die Entwicklung des Wintertourismus im 20. Jahrhundert unter Leitung der Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. Für die Projektleiterin schließt das Projekt „Alpine Skiläufer und die Umgestaltung alpiner Täler im 20. Jahrhundert“ eine Forschungslücke. „Umweltgeschichte muss jene gesellschaftlichen Bereiche in den Fokus nehmen, die großen Einfluss auf die jeweilige Umwelt haben", erklärt Winiwarter im Gespräch mit scilog. "Diese Kräfte unterscheiden sich von Region zu Region, von Land zu Land. Für die Umweltgeschichte Österreichs müssen wir also den Tourismus untersuchen, der die heimische Landschaft – neben Land- und Forstwirtschaft – ganz intensiv als Ressource nutzt.“ Durchgeführt wurde das FWF-Projekt zwischen 2012 und 2015 vom Humanökologen Robert Groß. Er suchte und fand historische Quellen zu den ökologischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken des Wintersports von 1920 bis 2010 in drei Vorarlberger Gemeinden. Als Fallstudien dienten Gaschurn und St. Gallenkirch im Montafon (Region Silvretta-Nova) – ein verkehrstechnisch günstig gelegenes, mittelgroßes Skigebiet; Lech am Arlberg – ein gut erschlossenes, großes und international bekanntes Skigebiet mit Vorbildwirkung und das schneereiche Damüls am Übergang zwischen Bregenzerwald und Großem Walsertal als Nachzügler, das bis in die 1950er-Jahre keine wintersichere Straße hatte. „Die drei Regionen ermöglichen im Vergleich Rückschlüsse auf Skigebiete in ganz Österreich“, so Robert Groß vom Zentrum für Umweltgeschichte der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Die Transportkapazität der Liftanlagen ist die Schlüsselgröße, wenn es um den Veränderungsdruck auf ein Skigebiet geht. Mehr SkifahrerInnen pro Stunde auf beinahe gleicher Fläche bedeutet letztlich mehr Gedränge und mehr Unfälle. © Robert Groß

Entwicklungsphasen des Wintertourismus

Als der Wintersport noch ein exklusives Vergnügen war, kam er der Land- und Forstwirtschaft nicht in die Quere. Um 1920 arbeiteten die Bewohnerinnen und Bewohner der drei Gemeinden zumeist in der Alm- oder Elektrizitätswirtschaft, der Holzgewinnung oder im Warentransport (Säumerei). Devisenmangel, Weltwirtschaftskrise und ideologische Überhöhung der „nordischen“ Natur befeuerten die Winterfrische als neue Einnahmequelle. Die Ausrichtung an den Gästen brachte jedoch mit der Zeit nicht nur den Schnee, sondern auch das soziale Gefüge in den Orten ins Rutschen. Dabei war die Entwicklung vom einzelnen Skitourengeher zum Massentransport mittels mechanischer Aufstiegshilfen einschneidend. Der erste Schlepplift Österreichs wurde 1937 in Lech am Arlberg errichtet. Ab den 1950er-Jahren wurden viele Lifte mit günstigen Krediten im Rahmen des Marshallplans (European Recovery Program) gebaut. Für die Infrastruktur rundum mussten die Gemeinden jedoch tief in die Taschen greifen. Und als in den 1970er-Jahren die Naturschutzbewegung aufkam, wurden Pisten endgültig zu gesellschaftlichen Reibungsflächen.

Wachstum in Schüben: Die Bilder zeigen von links nach rechts die Entwicklung der Pisten-Infrastruktur im Skigebiet Silvretta Nova (Montafon) zwischen 1968 und 2001. In der L-förmigen Struktur ist oben die Talstation in St. Gallenkirch und rechts die Talstation Gaschurn angelegt. (Auswertung Horst Dolak) © Robert Groß

Postkartenidylle und Pistenbully-Fahrer in Pension

Auf der Suche nach wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Einflussgrößen durchforstete Robert Groß eine große Vielfalt historischer Zeugnisse: die Österreichische Seilbahnstatistik, Tourismus-Prospekte, Postkarten, Fotoarchive, Zeitungen, Fachzeitschriften und Landkarten. Er führte Interviews mit pensionierten Pistenraupen-Fahrern und anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Nach der quantitativen Auswertung von Pistenkilometern und Liftanlagen identifizierte der Umwelthistoriker zudem die Schlüsselgröße der Modernisierungsspirale, die bis heute Skigebiete antreibt: die laufend ausgeweitete Transportkapazität. Bis heute hängen Skiindustrie-Wertschöpfungsketten davon ab, wie viele Menschen pro Minute am oberen Pistenende ankommen. Das FWF-Projekt zeigt, „dass die Formung der Landschaft und die Formung der Wintersport-Gäste Hand in Hand gehen“, sagt Groß.

Fabriken für touristische Zufriedenheit

Die Studienergebnisse erlauben den Vergleich von Skigebieten mit Fabriken, in denen Skilifte die Förderbänder sind: „Wir erkennen im Wintertourismus eine Industrielandschaft, die nach Kriterien der Effizienz bebaut wird, wobei das Produkt ‚Touristische Zufriedenheit’ heißt“, führen Verena Winiwarter und Robert Groß aus. Mit immer höherem Einsatz von finanziellen Mitteln, natürlichen Ressourcen, Menschen und Maschinen wurde die Effizienz der Skitourismus-Technosphäre erhöht. Die Piste wird so zum „sozio-naturalen Hybrid“. Das einzig natürliche daran? Eine Wiese in Hanglage. Doch auch die Wiesen brauchen ganzjährig Betreuung. Ausgeklügeltes Equipment und viele Ressourcen sind nötig, um diese Flächen im Winter weiß und im Sommer grün zu erhalten. Aus umwelthistorischen Projekten „haben wir gelernt, dass Gesellschaften nicht blind in ihr Verderben rennen. Sie lernen und steuern dagegen. Wir haben mit dem Blick zurück wichtige Entscheidungsgrundlagen dafür aufbereitet. Wir üben nicht nur Fortschrittskritik“, betont Projektleiterin Verena Winiwarter, die sich auch für Transferprojekte starkmacht. Einige Vorarlberger Gemeinden haben bereits erkannt, dass Wachstum nicht die einzige Option ist und Wintergäste auch andere Erlebnisse in alpinen Tälern schätzen.


Zu den Personen Verena Winiwarter ist Professorin für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt am Standort Wien. Winiwarter leitete bereits mehrere interdisziplinäre FWF-Projekte. Sie ist ehemalige Dekanin (2010-2016) der Fakultät für interdisziplinäre Forschung, „Wissenschaftlerin des Jahres“ (2013), und schrieb mit Hans-Rudolf Bork „Geschichte unserer Umwelt. Sechzig Reisen durch die Zeit“, das 2015 zum Umweltbuch des Jahres gekürt wurde. Robert Groß hat „Interdisziplinäre Umweltwissenschaft“ an der Universität Wien und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt studiert. Zwischen März 2012 und Dezember 2015 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im FWF-Projekt „Alpine Skiläufer und die Umgestaltung alpiner Täler im 20. Jahrhundert“. Seit 2013 ist Groß Koordinator des Zentrums für Umweltgeschichte der Uni Klagenfurt.


Beiträge und Publikationen

Groß R.: How Tourism Transformed an Alpine Socio-Natural Site. The Case of Damüls / Vorarlberg. In: Haberl H., Krausmann F., Fischer-Kowalski M. & V. Winiwarter (Hg.): Perspektiven der Sozialen Ökologie - Perspectives of Social Ecology, S. 459-474, 2016
Gross, R., Winiwarter, V.: Commodifying snow, taming the waters. Socio- ecological niche construction in an Alpine village. In: Water History (7), p. 489–509, May 2015. doi: 10.1007/s12685-015-0123-0
Groß R., Winiwarter V.: How Winter Tourism Transformed Agrarian Livelihoods in an Alpine Village. The Case of Damüls in Vorarlberg/Austria. In: Ekonomska I Ekohistorija 10/11, Special Issue History and Sustainability, p. 43-63, 2015 (pdf)
Groß R.: Die Beschleunigung der Berge. Eine Umweltgeschichte des Wintertourismus in Vorarlberg 1920-2010. Reihe „Umwelthistorische Forschung“, Böhlau Verlag (in Vorbereitung)