BildungsmobilitÀt
Lernen bringt einen voran. Doch die Kinder tĂŒrkischer Migrantinnen und Migranten weniger als andere – besonders in Österreich. © Shutterstock / Zurijeta

"Innerhalb vieler europĂ€ischer LĂ€nder ist die Benachteiligung der Nachkommen tĂŒrkischer Migranten im Bildungsbereich bekannt", sagt Philipp Schnell. "Doch dass diese Nachteile in einigen LĂ€ndern stĂ€rker ausgeprĂ€gt sind als in anderen, war bisher nicht bekannt, und damit blieben auch die GrĂŒnde fĂŒr diese Unterschiede im Dunkeln." Dank der Doktorarbeit des wissenschaftlichen Mitarbeiters am Institut fĂŒr Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist das nun anders – und mit UnterstĂŒtzung des FWF wurden die Ergebnisse seiner Arbeit nun auch als Buch veröffentlicht.

Österreich in FĂŒhrung

TatsĂ€chlich sind die Ergebnisse des sozialwissenschaftlichen Vergleichs der Situationen in Frankreich, Schweden und Österreich ĂŒberraschend eindeutig: Wenn es um die Benachteiligung der Nachkommen von tĂŒrkischen Migrantinnen und Migranten im Bildungssystem geht, fĂŒhrt Österreich den LĂ€ndervergleich eindeutig an. Doch Schnell identifizierte nicht allein diese Tatsache, sondern konnte auch handfeste GrĂŒnde fĂŒr dieses Ungleichgewicht finden: "Wesentlich ist die IntensitĂ€t der Wechselwirkung zwischen den Strukturen des Schulsystems und familiĂ€ren Ressourcen sowie der Zeitpunkt, zu dem diese Interaktion beginnt. Im österreichischen Bildungssystem wird sie frĂŒher als in anderen LĂ€ndern notwendig", erlĂ€utert Schnell. Gerade aber tĂŒrkische Familien können oftmals die Ressourcen nicht zur VerfĂŒgung stellen, die solche Wechselwirkungen erfordern.

Familie & Schule

Als Beispiel fĂŒr Rahmenbedingungen nationaler Bildungssysteme, die zu einer Wechselwirkung mit familiĂ€ren Ressourcen fĂŒhren, nennt Schnell das gesetzliche Eintrittsalter in vorschulische Einrichtungen – und damit den Zeitraum, in dem Eltern das Lernen des Kindes alleinverantwortlich beeinflussen. Hier schlĂ€gt der in Österreich vergleichsweise spĂ€te Eintritt der Kinder negativ fĂŒr deren spĂ€tere Bildung zu Buche. In eine Ă€hnliche Kerbe schlĂ€gt ein zweiter Punkt, den Schnell als maßgeblich identifizierte: der zeitliche Umfang der schulischen Betreuung. Auch hier verliert Österreich den LĂ€ndervergleich mit Frankreich und Schweden aufgrund des hier vorherrschenden Halbtagssystems. Dies macht eine nachmittĂ€gliche Betreuung weiterer schulischer Leistungen der Kinder durch die Familie notwendig. Aufgrund des oft niedrigen Bildungsniveaus der Eltern kann die erwartete Betreuung in tĂŒrkischen Familien nicht ausreichend beziehungsweise optimal geleistet werden. Doch damit nicht genug, wie Schnell ergĂ€nzt: "Auch der Zeitpunkt, zu dem ĂŒber den weiteren Bildungsweg entschieden wird, hat großen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder. In Österreich ist dieser sehr frĂŒh. – Der Einfluss der Eltern und ihrer Bildungsgeschichte ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr groß."

Aufbau-Arbeit

Dass Philipp Schnell ZusammenhĂ€nge zwischen familiĂ€ren Situationen und Rahmenbedingungen des Bildungssystems identifizieren konnte, ist mit seinem einmaligen Zugang zu Daten der sogenannten TIES-Studie (The Integration of the European Second Generation) zu erklĂ€ren. Mittels dieser umfassenden Studie wurde in 15 StĂ€dten aus acht europĂ€ischen LĂ€ndern (inklusive Frankreich, Schweden und Österreich) eine Erhebung ĂŒber die Lebenswelten von Jugendlichen mit tĂŒrkischem Migrationshintergrund durchgefĂŒhrt, die sich auf die Jahre 2007 und 2008 stĂŒtzte. So standen ihm Informationen zu einer Vielzahl von inner- und außerfamiliĂ€ren Faktoren zur VerfĂŒgung. Diese reichten von der Migrationsgeschichte der Eltern und ihrer sozio-ökonomischen Stellung bis zu Freundschaftsnetzwerke der Kinder und Betreuung in den Schulen.

Systemanalyse

Schnell ergĂ€nzte diese Daten fĂŒr die nun veröffentlichte Studie mit detailreichen Analysen ĂŒber die nationalen Bildungssysteme. Dabei gelang es ihm, die familiĂ€ren Daten sowie Besonderheiten der jeweiligen Bildungssysteme in den Zusammenhang mit den Bildungserfolgen der Jugendlichen zu stellen. Und obwohl er betont, dass der Bildungsstand der Kinder noch immer am stĂ€rksten von dem der Eltern sowie deren beruflicher Position beeinflusst wird, zeigen die von ihm nun veröffentlichten Daten auch einen deutlichen Einfluss bildungspolitischer Rahmenbedingungen.

Zur Person

Philipp Schnell hat Soziologie an der Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t in Bonn und an der Freien UniversitĂ€t Berlin studiert. Er promovierte an der UniversitĂ€t von Amsterdam, bevor er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Institut fĂŒr Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wechselte. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten befasst er sich besonders mit (ethnischen) Bildungsungleichheiten, Integrations- und Partizipationsmustern von Nachkommen von Migrantinnen und Migranten im internationalen Vergleich, quantitativen Methoden sowie IdentitĂ€ts- und Zugehörigkeitsempfinden von Migrantinnen und Migranten auf lokaler Ebene.

Open-Access-Publikation

Educational Mobility of Second-generation Turks: Cross-national Perspectives, P. Schnell, Amsterdam University Press, ISBN 9789089646514