Mit der Macht ihrer Gedanken versuchen Jugendliche mit Autismus, den Fisch auf dem Bildschirm nach oben oder unten schwimmen zu lassen. Das Training hilft ihnen, Reaktionen und Emotionen zu regulieren. © neurocare group AG, SCP-Neurofeedback mit neuroConn THERA PRAX®

Die Populärkultur prägt das Bild von Autist:innen in der Öffentlichkeit. Doch nicht alle haben eine geniale Inselbegabung, die sie im Casino oder in der Wissenschaftscommunity unverzichtbar macht, wie der Protagonist Raymond Babbitt im Film „Rain Man“ oder Sheldon in der Serie „The Big Bang Theory“. Autismus betrifft auch nicht nur Männer. „Das Verhältnis Männer zu Frauen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) beträgt vier zu eins“, räumt Lilian Konicar mit einem Klischee auf. Seit 2017 leitet die Neurowissenschaftlerin das ABC BRAIN LAB an der Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien. Das Labor fokussiert darauf, Verhalten, Gefühle und Denken gemeinsam zu betrachten und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Klinik zu bringen. Ergebnisse einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten randomisiert-kontrollierten Studie zur Therapie mit Neurofeedback zeigen, dass Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung lernen können, das Aktivitätsniveau ihres Gehirns willentlich zu verändern.

Aufgrund fehlender klinischer Studien für Jugendliche – wie auch für erwachsene Frauen – werden Medikamente in der Autismus-Therapie meist off-label eingesetzt, also ohne dass es dafür eine Zulassung gibt. Auch Verhaltenstherapie wird angewendet und ist hilfreich. Das ABC BRAIN LAB setzte nun für die klinische Studie auf EEG-Neurofeedback als Starthilfe für die Selbstwirksamkeit. Insgesamt 20 diagnostizierte Autist:innen zwischen 12 und 18 Jahren durchliefen ein intensives Neurofeedbacktraining, das ihnen helfen sollte, die Aktivität im präfrontalen Kortex, dort wo die Sinneseindrücke zusammenlaufen, eigenständig zu regulieren. Hier werden zur Situation passende Reaktionen abgewogen und Emotionen reguliert. Eine 20-köpfige Kontrollgruppe wurde nach dem üblichen klinischen Standard behandelt.

Autismus ist vielfältig

Der Begriff Spektrum deutet bereits darauf hin, dass die Symptome von Autismus unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die klinische Diagnostik ist aufwendig und basiert auf strukturierter Verhaltensbeobachtung und Befragungen der Betroffenen sowie ihres Umfelds. Typisch sind grobe Defizite in der sozialen Interaktion, weil soziale Kontextinformationen nicht verstanden werden. Lilian Konicar: „Ironie, Schmunzeln, Augenzwinkern, kurz alles, was zwischen den Zeilen des Gesagten transportiert wird, wird nicht im herkömmlichen Sinne (oder anders) verstanden. Das schränkt die abgestimmte Kommunikation stark ein, wobei manche Autist:innen das wie eine schwierige Fremdsprache lernen können.“

Oft geht ASS mit repetitiven und ritualisierten Verhaltensweisen sowie sensorischer Über- oder Unterempfindlichkeit einher. Neue Situationen sind für viele Autist:innen schwer zu bewältigen, dagegen fällt es ihnen leicht, an regelmäßigen Verhaltensmustern und unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten festzuhalten. Aktuell wird die Diagnose ASS bei einem von 88 Kindern gestellt. „Wer früh hilft, hilft doppelt“ gilt jedenfalls auch für Autismus: Eine solide klinische Diagnose und eine abgestimmte Behandlung können verfestigte Symptome hintanhalten.

Mit der Kraft der Gedanken

Etwas Popkultur war beim neuen Therapieangebot aber auch im Spiel: Das Universum von Star Wars mit „der Macht“ hilft dem Team von ABC BRAIN LAB beim Vermitteln der Behandlungsmethode an die jugendlichen Klient:innen: „Die meisten mögen die Idee mit der Gedankenkraft. Wir begleiten sie bei einem intensiven, aber einfach gestalteten Neurofeedback-Programm, ermutigen sie und führen begleitende Messungen durch“, erläutert Konicar. Die experimentelle Therapie umfasste 24 Sitzungen, in zwei Blöcke mit jeweils zwölf Sitzungen aufgeteilt. Im ersten Block fanden zweimal wöchentlich Sitzungen statt. Daran anschließend folgte eine Pause mit der Möglichkeit, Tagebuch zum eigenständigen Training im Alltag zu führen, anschließend folgten weitere zwölf Sitzungen begleitetes Neurofeedback-Training.

Mit nur wenigen Elektroden – eine EEG-Haube kann gerade für diese Jugendlichen unangenehm sein – wurden die Gehirnströme im präfrontalen Cortex abgenommen, verstärkt und bildlich zurückgespielt. Die Jugendlichen sollten anschließend versuchen, einen Fisch auf ihrem Bildschirm gezielt nach oben oder unten schwimmen zu lassen. Die Bewegungsrichtung repräsentierte die entsprechende Aktivierung oder das Herunterregeln der Hirnaktivität im Zielareal. Daten zur Erfolgsmessung wurden insgesamt auf drei Ebenen erhoben: subjektiv, physiologisch und im Verhalten. Zum einen wurden die Jugendlichen und ihre Eltern mehrfach zu ihrem Wohlbefinden befragt. Mittels funktionaler und struktureller Magnetresonanz sowie eines Ruhe-EEGs vor und nach der Behandlung wurden zweitens Veränderungen der Hirnströme gemessen und drittens am Computer emotionale und kognitive Reaktionen standardisiert getestet.

Verbesserungen ohne Medikamente

„Als Neurowissenschaftlerin interessieren mich physiologische und Verhaltensveränderungen sehr, aber am wichtigsten ist das Wohlbefinden“, sagt Projektleiterin Konicar. Die experimentelle Gruppe zeigte durchwegs Verbesserungen in der jeweiligen Kernsymptomatik, mit messbaren Veränderungen in der sozialen Kommunikation und im Verhalten. Das könnte daran liegen, dass die Regulation der Hirnaktivität des präfrontalen Cortex hilft, andere Menschen besser zu verstehen, und auch dabei unterstützen kann, Verhaltensauffälligkeiten besser zu regulieren. „Wir geben Starthilfe mit unseren Geräten, aber das Ziel ist – wie bei jeder Therapie –, den Input langsam auszuschleichen. Und wir konnten in begleitenden Experimenten zeigen, dass weibliche und männliche Jugendliche darauf ansprechen“, betont die Neurowissenschaftlerin. Die Vorteile des Gedankentrainings sind groß, denn der Ansatz ist nicht invasiv und kommt ohne Medikamente aus. Die Ergebnisse des Projekts liefern nun die wissenschaftliche Evidenz, dass Neurotherapie mit EEG-basiertem Neurofeedback gerade für junge Patient:innen mit Autismus-Spektrum-Störung eine vielversprechende Zukunft hat.

Zur Person

Lilian Konicar hat ihr Doktorat in Neurowissenschaften an der „International Max Planck Research School“ der Eberhard Karls Universität Tübingen absolviert. Seit 2017 leitet sie das ABC BRAIN LAB an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien. Der Forschungsschwerpunkt des Labors liegt auf dem Zusammenspiel zwischen kognitiven, affektiven und verhaltensbezogenen Prozessen beim Menschen. Der Wissenschaftsfonds FWF hat das klinische Forschungsprojekt „Kortikale Selbstregulation von lokaler Hirnaktivität bei ASS“ mit 394.000 Euro gefördert.

Publikationen

Klöbl M., Prillinger K., Diehm R., Doganay K., Lanzenberger R., Poustka L., Plener P., Konicar L.: Individual brain regulation as learned via neurofeedback is related to affective changes in adolescents with autism spectrum disorder, in: Child And Adolescent Psychiatry And Mental Health 2023

Konicar L., Radev S., Prillinger K., Klöbl M., Diehm R., Birbaumer N., Lanzenberger R., Plener PL., Poustka L.: Volitional modification of brain activity in adolescents with Autism Spectrum Disorder: A Bayesian analysis of Slow Cortical Potential neurofeedback, in: Neuroimage Clinical 2021

Konicar L., Prillinger K., Klöbl M., Lanzenberger R. et al.: Brain Stimulation for Emotion Regulation in Adolescents With Psychiatric Disorders: Study Protocol for a Clinical-Transdiagnostical, Randomized, Triple-Blinded and Sham-Controlled Neurotherapeutic Trial, in: Frontiers in Psychiatry 2022

Prillinger K., Radev S. T., Doganay K., Poustka L., Konicar L.: Impulsivity Moderates the Effect of Neurofeedback Training on the Contingent Negative Variation in Autism Spectrum Disorder, in: Frontiers in Human Neuroscience 2022