Ärztin vor dem Krankenhaus, nimmt sich die Schutzmaske vom Gesicht
Antibiotikaresistente Keime stellen in KrankenhĂ€usern ein ernsthaftes Problem dar. Sie fĂŒhren zu schwer behandelbaren Infektionen bis zur Sepsis. © unsplash+

Es fĂ€ngt harmlos ein. Ein Standardeingriff im Krankenhaus, zum Beispiel eine HĂŒft-OP, verlĂ€uft voll nach Plan. Doch bei der Wundversorgung treten Probleme auf. Gerötetes, geschwollenes Gewebe deutet auf eine Infektion hin. Sofort werden Antibiotika verabreicht, um die auslösenden Keime abzutöten. Doch die Wirkung bleibt aus und die Infektion breitet sich aus. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Die offenbar antibiotikaresistenten Bakterien drohen eine Sepsis – eine Blutvergiftung – auszulösen. Die Ärzt:innen mĂŒssen nun den Bakterienstamm identifizieren und ein passendes Reserve-Antibiotikum finden, das fĂŒr EinsĂ€tze dieser Art zurĂŒckgehalten wird. Doch gerade bei Ă€lteren und schwĂ€cheren Patient:innen könnte es zu spĂ€t kommen. Laut Studien sinkt bei unbehandeltem septischen Schock die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Stunde um acht Prozent.

Antibiotikaresistente bakterielle Krankheitserreger gehören zu den grĂ¶ĂŸten Gefahren im heutigen Gesundheitsbetrieb. Wirkungsvolle Alternativen zu gegenwĂ€rtigen Wirkstoffen sind dringend gesucht. An einem besonders vielversprechenden Ansatz arbeitet Nermina Malanovic vom Institut fĂŒr Molekulare Biowissenschaften der UniversitĂ€t Graz. In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt orientiert sie sich an Bausteinen des körpereigenen Immunsystems – sogenannten Peptiden.

Bestimmte dieser kleinen Proteinstrukturen, die Teil einer ersten Verteidigungslinie der menschlichen Immunantwort sind, zerstören eindringende Krankheitserreger auf der Haut oder in SchleimhĂ€uten. „Wir versuchen die Peptide in einer Weise zu modifizieren, dass sie bakterielle Pathogene gezielt im Blut unschĂ€dlich machen“, fasst die Biowissenschaftlerin zusammen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die neu entwickelten Peptide erstaunliche FĂ€higkeiten haben. Sie eliminieren die bakteriellen Krankheitserreger so effizient, dass diese keine Zeit haben, sich anzupassen und Resistenzen zu entwickeln. Gleichzeitig entfalten sie eine entzĂŒndungsvorbeugende Wirkung im Körper und können eine Sepsis verhindern.

Eiweiß gegen resistente Keime

Die Biochemikerin Nermina Malanovic erforscht an der UniversitĂ€t Graz, wie sich Peptide nutzen lassen. Die EiweißmolekĂŒle spielen eine zentrale Rolle in der körpereigenen Immunabwehr, und sie könnten die Lösung fĂŒr das Problem der Antibiotikaresistenzen sein. 

Gute Wirkung, aber HĂŒrden in der Anwendung

Malanovic arbeitet bereits seit knapp 15 Jahren mit Peptiden. Als Postdoc an der UniversitĂ€t Graz untersuchte sie im Rahmen eines großen EU-Projekts deren biophysikalisches Zusammenspiel mit Bakterien – damals mit dem Ziel, Implantate fĂŒr den menschlichen Körper mit einer antimikrobiellen Schicht zu ĂŒberziehen. Sie erkannte, dass es zwar sehr effektive Peptidvarianten gab, diese aber allesamt Probleme in der Anwendung hatten. Beispielsweise waren sie nicht selektiv genug, griffen also nicht nur Krankheitserreger, sondern auch Körperzellen an. Oder sie banden auch an andere Stoffe im Blut, was zu einer Abnahme der freien Wirkstoffkonzentration und damit zu einer verminderten biologischen EffektivitĂ€t fĂŒhrt.

Ihre damalige Forschung zeigte aber, wie der Mechanismus hinter der antibakteriellen Wirkung der MolekĂŒle genau ablĂ€uft. „Die Peptide haften aufgrund ihrer positiven elektrostatischen Ladung an den negativ geladenen Zellmembranen der Bakterien. Mit ihrer helixartigen Struktur bohren sie dann kleine Löcher in diese SchutzhĂŒlle der Mikroorganismen – auch bei jenen, die durch Antibiotika nicht mehr unschĂ€dlich gemacht werden können“, erklĂ€rt Malanovic. „Auf diese Art wird die Membranstruktur zerstört und kann den Zellinhalt nicht mehr halten. Dieser Vorgang lĂ€uft innerhalb von Minuten ab, also schneller, als sich die Bakterien vermehren können. Deshalb ist es auch unwahrscheinlich, dass diese Resistenzen entwickeln.“

Grafische Darstellung eines Peptids in der Interaktion mit der Membran eines Kolibakteriums
Interaktion des antimikrobiellen Peptids LL-37 mit der genetisch manipulierten Membran eines Escherichia-coli-Stamms. Das Darmbakterium E. coli ist grundsĂ€tzlich harmlos. Gelangt es jedoch in die Blutbahn, kann es gefĂ€hrliche Infektionen verursachen. © Lukas Petrowitsch

Ein Peptid mit vielversprechenden Eigenschaften

Im aktuellen FWF-Projekt werden vielversprechende Kandidaten gesucht und ihre Interaktionen genau erforscht. Die Basis gibt das bereits menschliche Peptid mit Namen Cathelicidin LL-37, das bereits in seiner natĂŒrlichen Form im Immunsystem gegen Bakterien vorgeht. Peptide bestehen grundsĂ€tzlich aus einer Anordnung verschiedener AminosĂ€uren – in diesem Fall eben 37. Malanovic und ihr Team nutzen eine davon abgeleitete Sequenz mit der Bezeichnung OP-145, die ĂŒber 24 AminosĂ€uren verfĂŒgt. „Wir konnten in vorlĂ€ufigen Ergebnissen zeigen, dass wir den gewĂŒnschten Eigenschaften in Bezug auf SelektivitĂ€t und Verhalten in der Blutbahn sehr nahe kommen“, erklĂ€rt die Biowissenschaftlerin.

Gleichzeitig konnten die Forschenden den Peptiden neben der antibakteriellen Wirkung aber noch eine zweite FĂ€higkeit verleihen: „Es bindet an bestimmte BakterienbruchstĂŒcke, die bekannt dafĂŒr sind, EntzĂŒndungen auszulösen. Die Komponenten, sogenannte Lipopolysaccharide (LPS) und LipoteichonsĂ€uren (LTA), werden durch die Peptidbindung maskiert, sodass sie vom Immunsystem nicht erkannt werden.“ Eine ĂŒberschießende Immunantwort, die bei einer Sepsis typischerweise zu einer rasch fortschreitenden systemischen EntzĂŒndungsreaktion und damit zu einem lebensbedrohlichen Zustand fĂŒhrt, wird verhindert.

Die Biochemikerin Nermina Malanovic mit ihrem Team am Institut fĂŒr Molekulare Biowissenschaften der UniversitĂ€t Graz
Die Biochemikerin Nermina Malanovic mit ihrem Team am Institut fĂŒr Molekulare Biowissenschaften der UniversitĂ€t Graz © UniversitĂ€t Graz/Tzivanopoulos

Forschungsinfrastruktur schaffen

Malanovic geht es nun darum, das Design eines Peptids, das all diese Wirkungen vereint, weiter zu verbessern. Das passiert etwa, indem die Reihenfolge der AminosĂ€uren im Peptid verĂ€ndert wird, um Eigenschaften zu modifizieren; oder indem die Helixform des MolekĂŒls angepasst wird. Zudem gilt es, die Infrastruktur fĂŒr die Forschung an Peptiden zu verbessern: „In der einschlĂ€gigen Medikamentenentwicklung ist alles auf die pharmazeutische Umsetzung von Antibiotika ausgerichtet. Es gibt bisher beispielsweise kein spezialisiertes Tiermodell fĂŒr die Untersuchung von Peptiden. Es fehlt ein klarer Konsens darĂŒber, wie sich Ergebnisse aus dem Labor auf Tiere ĂŒbertragen lassen“, veranschaulicht die Biowissenschaftlerin. „Gleichzeitig mĂŒssen regulatorische Hindernisse ĂŒberwunden und Investoren und die Pharmabranche auf das Thema Peptide als Alternative fĂŒr Antibiotika sensibilisiert werden.“

GrundsĂ€tzlich sei die Peptidforschung aber voll von SchĂ€tzen, die es noch zu heben gilt – und die weit ĂŒber eine Antibiotikaalternative hinausreichen, betont Malanovic. Die Forscherin meldete etwa nicht nur ein Patent zu einem antimikrobiellen Peptid an, sondern auch eines, das in der KrebsbekĂ€mpfung eingesetzt werden kann. „In der Krebsforschung liegt ein wichtiges Forschungsfeld. Denn Peptide können auch modifiziert werden, um schĂ€dliche Bakterien im Krebsumfeld oder sogar die Tumorzellen selbst zu eliminieren“, erklĂ€rt die Biowissenschaftlerin. „Doch auch eine Reihe weiterer Anwendungen sind denkbar, bis hin zur BekĂ€mpfung von Schimmelpilzen in Lebensmitteln. Das Potenzial ist also enorm.“ Noch ist offen, ob die Forschungserfolge der Arbeitsgruppe auch im Rahmen eines Spin-off-Unternehmens kommerzialisiert werden sollen. Als Pionierin in ihrem Forschungsgebiet legt Malanovic heute jedenfalls die Grundlagen fĂŒr eine Wirkstoffklasse, die neue und besonders zielgerichtete Therapien möglich macht.

Zur Person

Nermina Malanovic ist Senior-Scientist-Gruppenleiterin am Institut fĂŒr Molekulare Biowissenschaften der UniversitĂ€t Graz. An ihrem heutigen Institut promovierte sie auch und war – nach Unterbrechungen durch Karenz und eine ForschungstĂ€tigkeit an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) – auch als Postdoc-Forscherin tĂ€tig. Anfang 2026 erfolgte ihre Habilitation. Das von 2023 bis 2027 laufende Projekt „Best-in-Class Novel Antimicrobial and Antiseptic Peptide“ wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 399.000 Euro gefördert.

Publikationen

Bacterial Cell Fate Under Stress: Lipid Remodeling and Antimicrobial Peptide Attack, in: npj Antimicrobial and Resistance 2026

SAAP-148 Oligomerizes into a Hexamer Forming a Hydrophobic Inner Core, in: ChemBioChem 2025

Bactericidal Activity to Escherichia coli: Different Modes of Action of Two 24-Mer Peptides SAAP-148 and OP-145, Both Derived from Human Cathelicidine LL-37, in: Antibiotics (Basel) 2023