Ein großer dunkelblauer See umrahmt von Bergen
Bergseen sind wichtige „Seismografen“ fĂŒr intakte Ökosysteme im Hochgebirge. © Felix Brönnimann, CC BY-SA 4.0

Das Ufer des Sees ist ebenso karg wie die hohen Berggipfel, die ihn umrahmen, die OberflÀche spiegelglatt. Doch dann, ganz plötzlich, schnappt eine Forelle nach einem WasserlÀufer, der auf dem Wasser steht. Was denken Sie: Wie ist der Fisch in diese Meereshöhe gelangt?

Das fragten Forschende 1.318 Personen – online und in Österreich, RumĂ€nien und Frankreich. Rund zwei Drittel glaubten, dass Menschen dafĂŒr verantwortlich waren. Die Befragung war Teil des EU-Forschungsprojektes FishME. Darin ergrĂŒndeten Forschende, wie von Menschen eingebrachte Fische Hochgebirgsseen und ihre Ökosysteme beeinflussen und wie schnell sich diese wieder erholen können, wenn die Tiere entnommen werden.

„Wie die Kanarienvögel in den Minen“

Auch Ruben Sommaruga von der UniversitĂ€t Innsbruck war Teil von FishME. „Hochgebirgsseen“, erklĂ€rt der GewĂ€sserwissenschaftler, „sind vergleichbar mit Kanarienvögeln in Minen.“ Er meint damit: Weil sie weit weg von großen Siedlungen liegen, werden sie meist nicht direkt von Menschen beeinflusst. Wenn Forschende in ihnen VerĂ€nderungen feststellen, etwa solche von chemischen VorgĂ€ngen, die sich im Wasser abspielen, wissen sie: Diese sind auf ĂŒberregionale oder weltumspannende PhĂ€nomene zurĂŒckzufĂŒhren. Eines davon, die ErderwĂ€rmung, setzt den Ökosystemen von (Hoch-)Gebirgsseen bereits stark zu.

Fische von gestern, Fische von morgen

Zudem greifen Menschen immer stÀrker direkt in sie ein, indem sie Fische einbringen. Mancherorts geschah das schon vor langer Zeit. Im 15. Jahrhunderts setzten Mönche, im Auftrag des Habsburger Kaisers Maximilian I., Donaufische in Tiroler Hochgebirgsseen aus. Manche Nachkommen von atlantischen Forellen (Salmo trutta) leben immer noch. Rund 500 schwimmen im Gossenköllesee, der auf rund 2.400 Metern in den Stubaier Alpen liegt.

Auch heute setzen Menschen noch Fische, etwa fĂŒr die Gastronomie oder fĂŒr die Sportfischerei, frei. Ruben Sommaruga vermutet, dass aus diesen GrĂŒnden unter anderem Forellen in den Timmelsjochsee im Tiroler Ötztal und andere Hochgebirgsseen gelangt sind.

FishME

Das EU-Projekt verfolgt einen multidisziplinĂ€ren Ansatz zur Bewertung der Auswirkungen auf  (invasive) Fische in Bergseen. Die Ergebnisse werden in eine sozioökologische Management-Toolbox integriert, um evidenzbasierte Naturschutzarbeit zu unterstĂŒtzen und Manager:innen, politische Verantwortliche und Interessengruppen zu begleiten.

Seesaibling in drei verschiedenen GrĂ¶ĂŸen, die aus Bergseen entfernt werden und bis zu einem Meter lang werden.
Der Wandersaibling (salvelinus alpinus) kommt ursprĂŒnglich nicht in den Alpen vor. Er wird bis zu einem Meter lang. Die von Menschen eingesetzten Fische verdrĂ€ngen einheimische Tierarten und befördern das Wachstum von Plankton. © Rocco Tiberti

Der Fisch außerhalb seines natĂŒrlichen Lebensraums

Im Rahmen von FishME ergrĂŒndete Ruben Sommaruga mit internationalen Kolleg:innen, was die Fische fĂŒr Gebirgs- und Hochgebirgsseen in Österreich, Italien, RumĂ€nien, Frankreich und Spanien in Zeiten der Klimakrise bedeuten. Sie griffen auf Wasser- und Materialproben zurĂŒck, die in den vergangenen 20 Jahren aus 101 alpinen und hochalpinen Seen in Österreich, Italien und Frankreich, entnommen wurden. Ruben Sommaruga, sein Team und Kolleg:innen der UniversitĂ€t Parma nahmen zusĂ€tzlich Proben von Seen auf der italienischen Seite des Apennin und in den österreichischen Alpen. Die Daten zeigten, dass von Menschen eingebrachte Fische bereits weit verbreitet sind. In 54 der 101 analysierten Seen schwammen sie – und das, obwohl ein Großteil davon in Schutzgebieten lag.

Gehören die da hin?

Die Forschenden entnahmen zusĂ€tzlich neue Proben. Ruben Sommaruga und sein Team analysierten FettsĂ€uren, Isotopen sowie den Mageninhalt einiger der Forellen im Gossenköllesee. Sie zeigten, dass sich die Fische vorrangig von Bodenorganismen und tierischem Plankton ernĂ€hrten. Vor allem die Larven von sogenannten ZuckmĂŒcken fanden die Forschenden hĂ€ufig.

„Viele Menschen denken, dass Fische in Hochgebirgsseen gehören“, erklĂ€rt der Limnologe. Dabei ist vor allem Unwissenheit ein Problem. 332 der in FishME befragten Menschen dachten, Fische zu besetzen sei eine gute Maßnahme, 338 gaben keine Antwort, 231 gaben an, es nicht zu wissen. Die Wahrheit, so Sommaruga, ist, dass Fischbesatz fatale Auswirkungen haben kann. Die ErnĂ€hrungsgewohnheiten der eingebrachten Fische schaden Ökosystemen im und rund ums Wasser. Entwickeln sich beispielsweise weniger Larven zu MĂŒcken, fehlen diese als Nahrungsquelle fĂŒr Vögel und Reptilien.

Auch fĂŒr die Fische sind die kargen Seen kein idealer Lebensraum. „Sie sind arm an NĂ€hrstoffen und wenig produktiv. Das bedeutet, die Fischpopulationen können sich nicht in einem gesunden Maße ernĂ€hren und vermehren“, so Sommaruga. Mit seinem Team fand er in manchen FischmĂ€gen auch Jungfische der eigenen Spezies vor. Französische Kollegen fischten Fische mit stark deformierten Köpfen und ĂŒberdimensionierten Augen aus Hochgebirgsseen – eine Folge von MangelernĂ€hrung.

Vergleiche von Bergseen, die ĂŒber einen Zeitraum von vier Jahren ihre ursprĂŒngliche Farbe zurĂŒckerlangt haben.
Fischentnahme in den spanischen PyrenĂ€en: Nachdem invasive Fische aus dem GewĂ€sser entfernt wurden, verĂ€nderten sich die Farben der Seen durch weniger Phytoplankton. © Marc Ventura

Von schwarzen Wasserflöhen und grĂŒnen Seen

Doch ist Fisch gleich Fisch? Die Forschenden verglichen die Auswirkungen in den 54 mit Fischen besetzten Seen und entdeckten: In solchen, in denen Elritzen (Phoxinus phoxinus) oder Saiblinge vorhanden sind, gehen die einheimischen Tierarten stĂ€rker zurĂŒck als in jenen, in denen Forellen leben. „Elritzen sind die schlimmsten Fischarten, die in diese Seen eingeschleppt werden“, sagt Ruben Sommaruga. Die kleinen Fische werden hĂ€ufig als Fischköder eingesetzt und fressen große Mengen an tierischem Plankton wie Wasserflöhe. Diese Kleinstlebewesen wiederum ernĂ€hren sich von pflanzlichem Plankton. Ohne sie kann sich dieses stĂ€rker vermehren, was zu Sauerstoffmangel und hohen NĂ€hrstoffgehalten in den Seen fĂŒhren kann. Dabei begĂŒnstigen steigende Temperaturen bereits vielerorts das Wachstum von pflanzlichem Plankton. „In Seen in PyrenĂ€en, wo die Lufttemperaturen höher liegen als in den österreichischen Alpen, kann man diese Folgen bereits sehr deutlich feststellen“, berichtet der Grundlagenforscher.

Fischentnahme leicht gemacht

Weil Elritzen sehr klein sind, ist es mĂŒhsam, sie wieder zu entnehmen. Dabei kann eben das in manchen FĂ€llen sogar Arten in Ökosystemen erhalten. Das Projekt FishME erforschte, wie schnell sich Plankton und biologische Gemeinschaften von wirbellosen Tieren erholen, wenn die Fische weg sind.

DafĂŒr entfernte das Team Fische aus dem Timmelsjochsee, einem von wenigen Seen in den Alpen, der Daphnia longispina beheimatet, eine dunkle Art von Wasserfloh. „Fische können die Flöhe aufgrund ihrer FĂ€rbung leicht sehen. Aus diesem Grund sind sie vielerorts bereits verschwunden“, erklĂ€rt der Limnologe. Auch im Timmelsjochsee wĂ€re das passiert, hĂ€tte ein Kollege nicht 2022 Forellen darin erspĂ€ht. Die Forschenden holten sich umgehend eine Erlaubnis der lokalen Agrargemeinschaft und legten Netze aus. Nach einem Jahr waren 13 Fische gefangen und die Folgen auf das Ökosystem minimiert. „Wir haben so gezeigt, dass man durch schnelles Handeln Kosten sparen kann“, so der Limnologe. Die Aktion dauerte acht Tage – ein geringer Aufwand im Vergleich zu großflĂ€chigen Entnahmemaßnahmen, die getroffen werden mĂŒssen, wenn sich bereits eine stabile Fischpopulation etabliert hat.

Seen: resilient oder verletzlich?

Damit die negativen Folgen von Fischbesatz auf Ökosysteme im Hochgebirge niedrig bleiben können, braucht es allerdings zuerst Wissen ĂŒber diese Folgen und dann den Willen, die Fische zu entfernen. Aktuell herrscht viel Unwissenheit. So lehnten 453 befragte Menschen Fischentnahme ab, 296 befĂŒrworteten sie. 596 Menschen taten weder das eine noch das andere – haben folglich keine Meinung dazu oder sind sich der Folgen nicht bewusst. In Österreich, sagt Ruben Sommaruga, gĂ€be es zudem eine starke Fischereilobby. Beim Kuratorium fĂŒr Fischerei und GewĂ€sserschutz sowie bei Fischereivereinen sei man bislang auf taube Ohren gestoßen. Dabei wird durch FishME das Handeln erleichtert. Im Projekt entstand ein Werkzeugkasten mit Handlungsempfehlungen zur Fischentnahme. Beispielsweise, welche und wie viele Netze man einsetzen soll – abgestimmt auch auf GrĂ¶ĂŸe und Tiefe des Sees sowie Fischart und Anzahl.

Hochgebirgsseen sind fein justierte Lebenswelten. Je intakter sie sind, desto widerstandsfĂ€higer sind sie, beispielsweise gegen die Folgen der ErderwĂ€rmung. Bringt man Fische in sie ein – aus Unwissenheit, als Einkommensquelle oder zum Sportfischen –, schadet man ihnen. „Es ist sehr wichtig, dass in den Köpfen der Menschen ankommt, dass Fische nicht in Hochgebirgsseen gehören“, betont Ruben Sommaruga. „Sonst könnten die Seen in ihrer Funktion als Warnsysteme fĂŒr das ökologische Gleichgewicht in den Bergen verloren gehen.“

Zur Person

Ruben Sommaruga ist Professor fĂŒr Limnologie am Institut fĂŒr Ökologie der UniversitĂ€t Innsbruck. Er studierte biologische Ozeanografie in Montevideo, Uruguay, promovierte in Innsbruck, forschte international und habilitierte sich 1998 im Fach Limnologie. Seine Forschung befasst sich mit der Ökologie aquatischer Systeme, insbesondere (mikro-)planktischer Ökologie, Biogeochemie, Photoökologie und den Auswirkungen des globalen Wandels auf Bergseen.

Publikationen

Early warning, rapid eradication of alien fish and ecological recovery in an alpine lake, in: Management of Biological Invasions 16 (in press)

Long-term changes of zooplankton in alpine lakes result from a combination of local and global threats, in: Biological Conservation 2025

Diet composition and quality of a Salmo trutta (L.) population stocked in a high mountain lake since the Middle Ages, in: Science of the Total Environment 2022

Minnow introductions in mountain lakes result in lower salmonid densities, in: Biological Invasions 2022