Bild des Malers Francsco Hayez aus dem 19. Jahrhundert, das die kriegerischen Auseinandersetzungen bei der römischen Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des jüdischen Tempels zeigt
Francesco Hayez: Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem (1867), Gallerie dell'Accademia, Venedig. Fotografiert von Didier Descouens © Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Jerusalem, 70 n. Chr.: Römische Truppen eroberten die Stadt, schlugen einen jüdischen Aufstand nieder und zerstörten den jüdischen Tempel. Was hier als militärische Intervention begann, markierte einen Bruch, der weit über die Antike hinausreichte. „Das war wirklich eine Zäsur für das Judentum, sagt der Historiker Alexander Marx von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Gleichzeitig verschob sich in diesem Moment etwas Grundlegendes: Eine Bewegung, die bis dahin Teil des Judentums war, begann sich als eigene Religion zu formieren. Ohne die Zerstörung Jerusalems, so Marx, wäre das frühe Christentum wohl eine von vielen jüdischen Strömungen geblieben. Erst dieses Ereignis schuf die Bedingungen dafür, dass sich eine neue religiöse Ordnung herausbilden konnte.

Im Mittelalter wurde die Eroberung Jerusalems deshalb nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu gedeutet: als Strafe, als Warnung oder als Schablone zur Erklärung der eigenen Gegenwart. Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „Medieval Reception of the Roman Conquest of Jerusalem“ geht diesen Deutungen nach und zeigt, wie ein einzelnes Ereignis über Jahrhunderte hinweg zur Folie für religiöse, politische und gesellschaftliche Vorstellungen und Handlungen werden konnte.

Der Historiker Alexander Marx forscht zur mittelalterlichen Geistesgeschichte sowie Predigtkultur, besonders im Kontext der Kreuzzüge. Aktuell untersucht er die Rezeption der römischen Eroberung Jerusalems in mittelalterlichen Texten und deren Bedeutung für Antijudaismus und apokalyptische Vorstellungen. 

Ein Ereignis als Deutungsschablone

Das Ereignis wurde bereits von Kirchenvätern im 4. Jahrhundert aufgegriffen und bis ins Spätmittelalter, bis in die Zeit der Kreuzzüge und der Universität Paris, ausführlich rezipiert. Geschichte wurde in dieser Zeit nicht primär als Abfolge von Ereignissen verstanden, sondern als Heilsgeschichte – als Teil eines göttlichen Plans, in dem sich Bedeutung erst durch Deutung, primär durch die Methode der Bibelexegese, entfaltete. In diesem Zusammenhang wurde die römische Eroberung Jerusalems zu einem zentralen Knotenpunkt. „Im Tandem mit der Passion Christi“ ergebe sie „die Trennlinie zwischen Judentum und Christentum, so Marx. Dabei verweist er auf eine Deutung, die sich über Jahrhunderte hinweg wiederholte: Die rund 40 Jahre zwischen der Kreuzigung Christi und der Zerstörung Jerusalems wurden als Frist verstanden, die Gott den Juden zur Umkehr gewährt habe. Dass diese ungenutzt blieb, wurde als göttliche Strafe interpretiert, „um somit Rache für die Kreuzigung zu nehmen, so Marx.

Dieses Deutungsmuster wurde im Mittelalter immer wieder auf neue Kontexte übertragen. Vergangenes wurde zur Folie für die Gegenwart, Ereignisse erschienen als Wiederholungen, Jerusalem diente als wiederkehrender Bezugspunkt, die römischen Kaiser galten als zu imitierende Role-Models. Es entstanden „typologische Kausalitäten, die Sinnzusammenhänge zwischen weit entfernten Ereignissen herstellten. Ein besonders eindrückliches Beispiel findet sich etwa in einer Predigt des Augustiner-Chorherren Martin von León zum Dritten Kreuzzug. In seiner rhetorischen Zuspitzung adressierte er sein Publikum wiederholt als Juden, obwohl er eindeutig zu Christen sprach. Die implizite Botschaft: Wer nicht handelt, verliert seinen Status als Gottes erwähltes Volk. „Wenn ihr jetzt nicht auf Kreuzzug geht, dann passiert euch das Gleiche [wie damals].“ Die Deutung der Vergangenheit wird hier zum politischen Instrument, das zur Teilnahme am Kreuzzug motivieren soll.

Dabei ist eine zentrale Quelle für Marx der jüdische Historiker Flavius Josephus, der den Jüdischen Krieg als Zeitzeuge beschrieb und im Mittelalter breit rezipiert wurde. Doch anstatt seine Darstellung unverändert zu übernehmen, griffen mittelalterliche Autoren selektiv darauf zurück, ließen Details weg oder deuteten sie um, „weil das, was Flavius Josephus schreibt, nicht immer in die christliche Vision von Geschichte passt“. Geschichte erscheint damit nicht als neutrale Überlieferung, sondern als interpretativer Raum. Um diese Dynamiken sichtbar zu machen, arbeitet das Projekt mit einer Vielzahl an Quellen: Chroniken, Predigten, Bibelkommentaren – und das oft direkt in ihrer handschriftlichen Überlieferung.

Mittelalterliche Darstellung der römischen Eroberung Jerusalems um 1.000 aus dem Evangeliar Ottos III.
Mittelalterliche Darstellung der römischen Eroberung Jerusalems um 1.000 aus dem Evangeliar Ottos III. © Bayerische Staatsbibliothek/PD

Chroniken bleiben oft knapp, während Predigten und exegetische Texte ausführlicher darlegen, welche Bedeutung einem Ereignis zugeschrieben wird. Entscheidend ist dabei nicht der einzelne Text, sondern die Vielzahl. „In einer großen Menge von Quellen lassen sich die dominanten Ideen einer Epoche ausmachen.“ Predigten nehmen dabei eine besondere Rolle ein: Sie „stehen wirklich an der Schnittstelle zur breiten Gesellschaft“ und hatten den Anspruch, ein breites Publikum zu erreichen, zu unterrichten und zu diversen Handlungen anzustacheln. Der Vergleich unterschiedlicher Quellen, über Genres und Jahrhunderte hinweg, wird so zur Methode: „Alleine durch diesen Kontrast [zwischen den einzelnen Schriften] sehe ich etwas, das ich sonst nicht sehen würde.

Wie sich Geschichte lesen lässt

Durch die Vielzahl an Quellen entstand rasch der Bedarf an einer systematischen Erfassung. In Zusammenarbeit mit dem Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entsteht eine Datenbank, die als zentrales Werkzeug innerhalb des Projekts dient. Diese „bündelt erstmals rund 2.500 Quellen, inklusive etwa 500 unpublizierter Textstellen, so Alexander Marx. Dadurch wird sichtbar, welche Zusammenhänge zwischen den Quellen bestehen, wer von wem abgeschrieben hat und welche textuellen Traditionen sich durch das Mittelalter ziehen. „Das ergibt so etwas wie eine ‚textuelle Archäologie, die es in dieser Form meines Wissens noch nicht gibt, sagt der Historiker.

Die Datenbank ermöglicht zudem, über den konkreten Gegenstand hinaus auf größere historische Zusammenhänge zu blicken. Berührt werden wichtige Themenfelder wie Antijudaismus, Kreuzzüge oder Apokalyptik. „Ich hoffe, dass die Datenbank auch für Forschende in diesen Bereichen ein nützliches Werkzeug sein kann, so Marx. Schon seine Ergebnisse zu Martin von León zeigen, wie die römische Eroberung Jerusalems historisch immer wieder dazu diente, antijüdische Ideen zu formulieren. Grundsätzlich lädt das Projekt dazu ein, „die größeren Narrative zur mittelalterlichen Epoche zu hinterfragen und genauer zu untersuchen, wie sich solche Denkweisen langfristig herausbildeten.

Somit ist die römische Eroberung Jerusalems um 70 n. Chr. nicht einfach nur ein historisches Ereignis, sondern wird zu einem fortlaufenden Deutungsprozess quer durch die westliche Geschichte. Die Beschäftigung damit zeigt, wie Vergangenheit immer wieder aktualisiert wird. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch die Forschung kein statisches Feld ist und dass selbst aus dem Mittelalter noch viele unbeachtete Quellen darauf warten, erschlossen zu werden. „Überraschungen gibt es immer wieder, erzählt Alexander Marx, und mit jedem Detail verschiebt sich der Blick auf Geschichte ein Stück.

Zur Person

Alexander Marx ist Historiker an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In seiner Forschung beschäftigt er sich mit mittelalterlicher Geistesgeschichte und Predigtkultur, insbesondere im Zusammenhang mit der Mobilisierung von Kreuzzügen, sowie den religiösen Deutungen historischer Ereignisse. Im Zentrum seiner aktuellen Arbeit steht die Rezeption der römischen Eroberung Jerusalems in mittelalterlichen Texten sowie deren Bedeutung für Themen wie Antijudaismus oder apokalyptische Vorstellungen. Das ESPRIT-Projekt „Mittelalterliche Rezeption der römischen Eroberung Jerusalems“ (2024–2027) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 371.000 Euro gefördert.

Mehr zum Projekt

  • Ein zentraler Artikel zur Entwicklung des Projekts analysiert anhand einer Predigt von Martin von León (ca.1130–1203), wie die römische Eroberung Jerusalems im Kontext des Dritten Kreuzzugs (1187–1192) als rhetorisches und theologisches Deutungsmuster eingesetzt wurde.
     
  • Ein weiterer Beitrag untersucht, wie der Theologe Rupert von Deutz (ca.1070–1129) die römische Eroberung Jerusalems nutzte, um den Ersten Kreuzzug (1095–1099) zu verstehen und in eine heilsgeschichtliche Logik einzuordnen.
     
  • Die Projektseite am Institut für Mittelalterforschung (IMAFO) bietet Einblicke in das laufende Forschungsprojekt sowie die entstehende Datenbank (mit regelmäßigen Updates) zur mittelalterlichen Rezeption der Eroberung Jerusalems.