Dehnen â eine effektive Therapie?
Die Zerebralparese stellt die hĂ€ufigste Ursache motorischer Behinderung bei Kindern dar. Sie resultiert aus einer frĂŒhkindlichen GehirnschĂ€digung und wird meist erst entdeckt, wenn die Kinder Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Gehen haben: âDie betroffenen Muskeln wachsen schon ab dem Babyalter nicht mehr mit dem Knochen mit. Deswegen wĂ€re es gut, frĂŒh einzugreifen. Dehnen wird nahezu tĂ€glich als Therapie bei Kindern mit Zerebralparese eingesetzt. Ob regelmĂ€Ăiges Training der VerkĂŒrzung von Muskeln und der Entwicklung möglicher DeformitĂ€ten vorbeugen kann, wurde jedoch noch nicht ausreichend untersuchtâ, beschreibt Annika Kruse von der UniversitĂ€t Graz ihren wissenschaftlichen Fokus. Die Sportwissenschaftlerin mit dem Spezialgebiet der Bewegungswissenschaft misst und bewertet in einem Hertha-Firnberg-Projekt des Wissenschaftsfonds FWF mit UnterstĂŒtzung ihres Forscherkollegen Markus Tilp und des KinderorthopĂ€den Martin Svehlik die Effekte zweier Dehnmethoden auf die Wadenmuskulatur junger Patientinnen und Patienten. Die Messergebnisse zu den kurzfristigen Effekten der Dehnmethoden liegen bereits vor. Sie deuten darauf hin, dass die Dehnung den verkĂŒrzten Muskel gar nicht erreicht, sondern die Sehne im Gelenk die Bewegung ĂŒbernimmt, wie Kruse erlĂ€utert. Noch sind aber nicht alle Messungen ausgewertet.
Eine Störung im Gehirn und VerÀnderungen der Muskulatur
Statistisch kommen in Europa von 1.000 Kindern 1,5 bis 2,5 Kinder mit einer spastischen Zerebralparese auf die Welt. Die Ursachen fĂŒr das Krankheitsbild sind verschieden und die Symptome unterschiedlich ausgeprĂ€gt. WĂ€hrend manche Kinder nur etwas eingeschrĂ€nkt sind, benötigen andere einen Rollstuhl oder mĂŒssen mehrfach operiert werden. Die neuromuskulĂ€re Störung bewirkt u. a. eine erhöhte Eigenspannung der Muskulatur (Spastik), gleichzeitig können die Muskeln nicht willkĂŒrlich angesteuert werden. Folglich sind die Patientinnen und Patienten von MuskelschwĂ€che betroffen und es zeigt sich, dass die spastischen Muskeln nicht mit den Knochen mitwachsen. Warum und wie genau das passiert, weiĂ man noch nicht. In der Folge wird der ganze Bewegungsapparat in Mitleidenschaft gezogen und es kommt u. a. zu KnochendeformitĂ€ten. Wenn etwa die Wadenmuskeln stark verkĂŒrzt sind, ist das eigenstĂ€ndige Gehen beeintrĂ€chtigt. In ihrer Doktorarbeit hat Annika Kruse bereits die Struktur und Architektur der Wadenmuskeln von Kindern mit Zerebralparese nach funktionellem Krafttraining analysiert. Nun untersuchte sie die Effekte eines einmaligen Dehnens ebenso wie die eines achtwöchigen Programmes.
Ist Dehnen eine effektive Therapie?
Um eine gute EinschĂ€tzung der Auswirkungen zu erhalten, wurden u. a. die Muskeleigenschaften, die Muskelkraft, die Gelenksbeweglichkeit und das Gangbild der Kinder und Jugendlichen gemessen. âDie Muskeln, die Kraft, das Gangbild â alles ist verbundenâ, betont Annika Kruse. Im ersten Termin wurden Basiswerte erhoben, das Dehnprogramm einmal durchgefĂŒhrt und gleich danach mögliche Kurzzeiteffekte gemessen. FĂŒr die Studie rekrutierte Kruse Kinder zwischen 6 und 15 Jahren, die selbststĂ€ndig oder kurze Strecken mit Gehhilfen (zum Beispiel KrĂŒcken) gehen können. Diese wurden in zwei Gruppen geteilt, um auch eine Kontrollgruppe zu haben. WĂ€hrend die einen zu Hause mit UnterstĂŒtzung der Eltern acht Wochen mehrmals wöchentlich DehnungsĂŒbungen machten, lebten die anderen ihren Alltag. Um herauszufinden, welche Dehnmethode wirkt, wie sie wirkt und auf welcher Ebene sie wirkt, arbeitete Kruse mit einem Methodenmix. Die Erhebung erfolgte in mehreren Sitzungen u. a. mittels 3D-Ganganalyse mit Infrarot-Kameras (Gangbild), mit einem isokinetischen Dynamometer fĂŒr Krafttestungen und 2D-Ultraschall zur Muskelvermessung. FĂŒr die Etablierung einer 3D-Ultraschalltechnik zur Messung des Muskelvolumens war auch Richard Jaspers von der Freien UniversitĂ€t Amsterdam mit an Bord. Die Sportwissenschaftlerin zeigte die Ăbungen fĂŒr Eltern und Kinder vor und schloss ein Messprogramm an, um die direkte Reaktion der Wadenmuskeln nach dem einmaligen Dehnen zu erfassen.
Die Sehne kompensiert
Entgegen der verbreiteten Vorstellung, die Muskulatur, genauer gesagt den Muskelbauch, auch nach einer kurzen Dehneinheit verlĂ€ngern zu können, zeigt sich in den ersten Ergebnissen, dass sich in der spastischen Muskel-Sehnen-Einheit eher die Sehne dehnen lĂ€sst. âDie vergröĂerte Beweglichkeit im Gelenk, die wir gefunden haben, wird folglich ĂŒber die Sehne bewirkt. Diese Beobachtung ist wichtig fĂŒr die weitere Anwendungâ, so die Sportwissenschaftlerin. Langfristig könnte sich eine Dehnung der Sehne sogar negativ auf das VerhĂ€ltnis zwischen Muskel und Sehne auswirken, wodurch die spastischen Muskeln noch schwĂ€cher werden könnten. Derzeit werden die Daten des mehrwöchigen Trainings ausgewertet. Annika Kruse hofft, dass die finalen Ergebnisse der Studie dabei helfen, das Wissen ĂŒber die spastische Zerebralparese zu erweitern und bald eine gezielte und vor allem effektive Therapie fĂŒr die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen.
Zur Person
Annika Kruse hat 2018 ihr Doktorat am Institut fĂŒr Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der UniversitĂ€t Graz abgeschlossen. In ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit der VerĂ€nderung der morphologischen und mechanischen Eigenschaften der Muskulatur von Kindern mit spastischer Zerebralparese und den Effekten von Krafttraining in dieser Gruppe. Seit September 2018 arbeitet Kruse als Hertha-Firnberg-Stipendiatin des Wissenschaftsfonds FWF an ihrem Projekt zum statischen Dehnen bei Kindern mit spastischer Zerebralparese und nutzt dabei ihr Fachwissen in den Bereichen Training, Bewegungsanalyse, Ultraschalldiagnostik und in der Therapie von Kindern mit Zerebralparese.
Publikationen
Kruse A., Rivares C., Weide G., Tilp M., Jaspers RT: Stimuli for Adaptations in Muscle Length and the Length Range of Active Force Exertion â A Narrative Review, in: Frontiers in Physiology, 2021
Kruse A., Habersack A., Tilp M., Svehlik M.: Acute effects of proprioceptive neuromuscular facilitation stretching in children with spastic cerebral palsy â A preliminary analysis, in: Gait & Posture 90, 2021