Volkswirtin Alyssa Schneebaum zeigt auf, wie soziale und biografische Faktoren Bildungs- und Karrierewege beeinflussen. © Pixabay CC0

Aus der Vogelperspektive nimmt in der Volkswirtschaftslehre die Makroökonomie die Leistung ganzer Staaten und Gesellschaften ins Visier: Mittels Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dessen Steigerung werden Zustand und Wachstum gemessen. Der sogenannte Gini-Koeffizient misst hingegen die Wohlstandverteilung. Denn wenn ganz wenige fast alles haben und sehr viele ganz wenig, sorgt das für sozialen Zündstoff. Mikroökonomen und Mikroökonominnen wie Alyssa Schneebaum untersuchen das Wirtschaftsleben hingegen im Detail, auf Ebene der Unternehmen, Haushalte oder von Personengruppen. In einem Hertha-Firnberg-Projekt unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF hat die Volkswirtin für Österreich und andere Länder der Europäischen Union gezeigt, wie sich Unterschiede in Bildungsgrad oder Lohnhöhe auf soziale und biografische Merkmale von verschiedenen Gruppen zurückführen lassen: „Ich interessiere mich nicht nur für das Wohlergehen der Gesamtbevölkerung, sondern auch dafür wie es einzelnen Gruppen geht. Ich will nicht nur wissen, wie es Frauen als Gruppe geht, sondern genauer: Wie geht es – zum Beispiel – Frauen mit Migrationshintergrund, Frauen zwischen 30 und 40 Jahren oder Frauen mit Kindern im Vergleich zu anderen“, erklärt Schneebaum. Der Nachweis gelang der Forscherin auf Basis einer Theorie aus den Gender Studies und mit bewährten Methoden der Volkswirtschaftslehre.

Von der Gesamtbevölkerung zu den Subgruppen

Alyssa Schneebaum hat in den USA nicht nur Ökonomie, sondern auch Gender Studies studiert: „Es ist für mich normal anzunehmen, dass Menschen sich nicht nur in ihrem Geschlecht, sondern auch in anderen Aspekten ihrer Identität unterscheiden können.“ Also analysierte die Volkswirtin Datensätze zu Einkommen und Lebensumständen in der EU (EU-SILC-Statistik) und den USA, in denen Aspekte der Identität miterhoben wurden wie zum Beispiel Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund, höchste abgeschlossene Ausbildung der Person und ihrer Eltern. Die Postdoktorandin am Department für Economics der Wirtschaftsuniversität Wien koppelte für diese feinkörnigen Auswertungen die intersektionale Analyse aus den Gender Studies mit anerkannten mikroökonometrischen Methoden.

Kreuzungspunkte und Wegmarken

Intersektionalität bedeutet hier, dass sich an den Kreuzungspunkten verschiedener Identitätsmerkmale Subgruppen gut unterscheiden lassen. Sie können gleichzeitig als Wegmarken für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt oder auf dem Bildungspfad wirken. Es ist also nicht egal, ob man Männer ohne Migrationshintergrund zwischen 40 und 50 betrachtet oder Männer mit Migrationshintergrund zwischen 40 und 50. Mit der Aufteilung Männer/Frauen, wie sie in der Statistik oft vorgenommen wird, kommt man Ungleichheiten, die sich daraus ergeben, nicht auf die Spur. „Nicht alle Fragen konnte ich länderweise untersuchen, weil beim Auswählen mehrerer Identitätsmerkmale die Samples rasch zu klein werden und es zu statistischen Verzerrungen kommt“, erklärt Alyssa Schneebaum. Ein wichtiges Ergebnis ihrer Forschungsarbeit aber bezieht sich auf die Bildungsmobilität über die Generationen. Die Volkswirtin wies für mehrere Länder Europas nach, dass Kinder, deren Eltern in einem anderen Land geboren wurden, vielfach besser ausgebildet sind als ihre Eltern. Kinder mit einheimischen Eltern hingegen waren eher nicht besser ausgebildet als die Vorgeneration. Von den elf untersuchten Ländern schaffte die zweite Generation in Großbritannien den größten Bildungssprung, hatte also die besten Chancen mehr Bildung zu bekommen als die Elterngeneration. In Österreich und Tschechien war dieser positive Unterschied allerdings nicht festzustellen. Nur in Lettland und Estland sind eher Kinder ohne Migrationshintergrund besser ausgebildet, als deren Elterngeneration.

Der Kindergarten als beste Bildungsbasis

Zudem hat Schneebaum erstmals Effekte des Kindergartenbesuchs in Österreich untersucht. Grundsätzlich haben Menschen, die einen Kindergarten besucht haben, als Erwachsene höhere Löhne, mehr Bildungsjahre und eine höhere Abschlussquote im tertiären Bildungsbereich (Hochschule). Einige Gruppen profitieren aber mehr als andere: Am meisten profitiert auch hier die zweite Generation mit Migrationshintergrund, aber auch Kinder bildungsferner und/oder finanziell schlechter gestellter Eltern. Dabei erzielen Männer die größten Erträge hinsichtlich ihrer Löhne, während Frauen beim Bildungsniveau am stärksten profitieren. Alyssa Schneebaum hat mit ihrem Hertha-Firnberg-Projekt eine Brücke zwischen den Disziplinen geschlagen: „Durch die multidisziplinäre Arbeit wird klar, dass auch Fördermaßnahmen noch besser abgestimmt werden können. Mir als Wissenschaftlerin ist klar geworden, dass unterschiedliche Merkmale unserer Identität interagieren und sehr große Auswirkungen auf die Teilhabe an der Wirtschaft haben. Ich würde diese Aspekte in einer Analyse also nie mehr weglassen.“ Vielleicht schiebt sie mit ihrer Methode gerade ein Trojanisches Pferd von einem Randgebiet der Ökonomie in die klassische Volkswirtschaftslehre hinüber.

Zur Person

Alyssa Schneebaum studierte Volkswirtschaftslehre und Gender Studies an der Bucknell University und absolvierte ihre Doktorat an der University of Massachusetts-Amherst (USA). 2012 wechselte sie an die Wirtschaftsuniversität Wien und arbeitet seit 2013 als Postdoc- Projektassistentin. Ihre Spezialgebiete sind angewandte Mikroökonomie, Gender in the Economy, Familien, Arbeitsmarkt und Ungleichheit. Sie ist Consultant des Williams Institute der UCLA.

Publikation

Oberdabernig, Doris and Alyssa Schneebaum: Catching up? The educational mobility of migrants' and natives' children in Europe. Applied Economics 49(37): 3701-3728, 2017