Mit den ArbeiterInnen-Konzerten in Wiener Gemeindebauten fĂŒhrt der gleichnamige Verein bis heute eine sozialdemokratische Tradition fort. In der frĂŒhen Arbeitermusik-Bewegung finden Kunst als Gemeingut auf hohem Niveau und revolutionĂ€res Potenzial zusammen. © Screenshot/W24

Wohnbau, Ausbau des Gesundheitswesens oder Bildungsreform: Das Rote Wien, also die sozialdemokratisch gefĂŒhrte österreichische Hauptstadt in der Zwischenkriegszeit, ist mit seiner damals innovativen Sozialpolitik zu einem wichtigen historischen Referenzpunkt fĂŒr urbane Modernisierung geworden. Ein PhĂ€nomen dieser Zeit, die auch von intensiven BemĂŒhungen um Volksbildung und Kulturvermittlung geprĂ€gt war, ist das AufblĂŒhen der sogenannten Arbeiter-Musikbewegung. Musikschaffende und Laien fanden sich zu zahlreichen Vereinen zusammen, um Chöre oder andere musikalische Ensembles zu grĂŒnden. Beim musikalischen Repertoire bediente man sich unter anderem auch der traditionellen, bĂŒrgerlich geprĂ€gten Kunstmusik. Selbst Werke Ludwig van Beethovens oder Gustav Mahlers wurden bei den Konzerten aufgefĂŒhrt. Gleichzeitig dienten die AuffĂŒhrungen aber auch als politische Veranstaltungen, die einer sozialdemokratischen Agenda entsprachen und von einem revolutionĂ€ren SelbstverstĂ€ndnis geprĂ€gt waren.

FĂŒr den Musikwissenschaftler Golan Gur ist diese Arbeiter-Musikbewegung, in der Politik und Musik zu einem neuartigen VerhĂ€ltnis zusammenfanden, von besonderem Interesse. Im Projekt „Proletarische Stimmen“, gefördert im Lise-Meitner-Programm des Wissenschaftsfonds FWF, ging er einer Reihe von Fragen in diesem Zusammenhang nach: Wie wurde der Musik eine politische Wirkkraft verliehen? Wie konnte sie fĂŒr die Formung eines politischen Bewusstseins genutzt werden? Wie konnten Werke aus dem klassischen und romantischen Kanon in der damaligen Zeit politisch umgedeutet werden? „Nach dem Ersten Weltkrieg kam es nicht nur zu einer starken Ausweitung der AktivitĂ€ten der Arbeiter-Musikbewegung. Man begann auch, neue Möglichkeiten zu nutzen und in stĂ€rkerem Ausmaß zu experimentieren. Beispielsweise wurden auch Werke von Arnold Schönberg oder Alban Berg aufgefĂŒhrt“, sagt Gur. „Das Besondere dabei: Man versuchte die Musik fĂŒr die politischen Ziele nutzbar zu machen, ohne ihre grundsĂ€tzliche Freiheit dabei einzuschrĂ€nken.“

Treffpunkt fĂŒr Musikschaffende, Intellektuelle und Arbeiterschaft

Die AnfĂ€nge der Arbeiter-Musikbewegung reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurĂŒck, als in Nachfolge der damaligen Arbeiter-Bildungsvereine auch erste Chöre gegrĂŒndet wurden. Ein sozialdemokratisches Engagement der Vereine litt damals noch unter einer strengen Zensur. Ein Arbeitsfokus von Gur liegt auf den ab 1905 veranstalteten Arbeiter-Sinfoniekonzerten und ihrem GrĂŒnder, dem Schriftsteller und Journalisten David Joseph Bach. „Bach war Musikkritiker, selbst ein guter Musiker und ein Freund Arnold Schönbergs. Er war einer der geistigen VĂ€ter der Idee, dass Musik die Welt der Arbeiter:innen widerspiegeln und zur Wegbereiterin einer sozialdemokratischen Gesellschaft werden kann“, erklĂ€rt Gur. Die Arbeiter-Sinfoniekonzerte wurden zu AnlĂ€ssen, die Musikschaffende, Intellektuelle und Arbeiter:innen zusammenfĂŒhrten, bei denen professionelle Instrumentalist:innen und Arbeiterchöre gemeinsam musizierten.

WĂ€hrend vor dem Ersten Weltkrieg noch konservative musikalische Vorstellungen vorherrschten, wurde die Bewegung mit ihrer Einbettung in das Rote Wien moderner. Nicht nur die Zahl der Vereine und Veranstaltungen nahm zu. „Es gab nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Aufwertung, die auch eine neue Rezeption der musikalischen Tradition beinhaltete“, so Gur. „Die Aneignung der Musik wurde dabei auch auf einer theoretischen und interpretatorischen Ebene vollzogen.“ Beispielsweise gab es im Zuge des Beethoven-Jahres 1927 anlĂ€sslich des 100. Todestages eine Vielzahl von Veröffentlichungen in der Presse der Arbeiterbewegung, die seine Musik im Sinne der Arbeiterschaft rezipierten. Gur: „Beethovens Neunte Sinfonie mit ihrer ,Ode an die Freude‘ wurde etwa als Aufruf an die Arbeiterschaft verstanden, sich zu emanzipieren und die sozialistische Revolution voranzutreiben.“ Im Rahmen der Arbeiter-Sinfoniekonzerte wurde gleichzeitig auch ein intensives Band mit Vertreter:innen der damaligen musikalischen Avantgarde geknĂŒpft. Der Komponist und Dirigent Anton Webern – ein SchĂŒler Schönbergs – war etwa lange Zeit Leiter der Konzertreihe und gab mit dem traditionsreichen Arbeiterchor der Buchdrucker „Freie Typographia“ gemeinsame Konzerte.

Das revolutionÀre Potenzial der Musik

Diese Umdeutung der musikalischen Emotion in eine politische Regung, die im Rahmen der Arbeiter-Musikbewegung vollzogen wurde, stellte eine andere theoretische Position der damaligen Zeit infrage – jene, dass Musik eine abstrakte, autonome Einheit sei, die sich nicht mit außermusikalischen Kontexten aufladen ließe und deshalb auch nicht politisch sein könne. David Joseph Bach und seine Mitstreiter:innen sahen das anders. „Bach glaubte, dass das revolutionĂ€re Potenzial der Musik jenem der Wissenschaft, die so viele Neuerungen hervorbrachte, Ă€hnelte“, erklĂ€rt Gur.

Die Frage in welche Kontexte Musik gesetzt werden kann oder darf, ist nicht nur in der historischen Betrachtung relevant, sondern berĂŒhrt auch Fragestellungen der Gegenwart, ist Gur ĂŒberzeugt. „Klassische Musik, die aus einem großbĂŒrgerlichen Milieu des 18. oder 19. Jahrhunderts stammt, bleibt in ihrer Rezeption bis heute oft ebenfalls auf ein bĂŒrgerliches Milieu beschrĂ€nkt. Die Befassung mit der Arbeiter-Musikbewegung zeigt aber, dass die Musik aus einer Vergangenheit durchaus Bedeutungen annehmen kann, die ĂŒber den sozialen Ursprung hinausgehen.“ Relevant ist das auch fĂŒr eine aktuelle Rezeption und Vermittlung von klassischer Musik, die ihre Verbindung zur Bedeutungswelt der Gegenwart nicht verlieren darf. Gur: „Wenn man immer nur die Musik fĂŒr sich betrachtet, ohne sie in Bezug zu anderen Themen innerhalb einer Gesellschaft zu setzen, verliert sie irgendwann auch den Anschluss an diese.“


Zur Person

Golan Gur ist Musikwissenschaftler mit Schwerpunkt Ästhetik und Kulturgeschichte der modernen und zeitgenössischen Musik. Er studierte an der UniversitĂ€t Tel Aviv, der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen und der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin. 2014 und 2015 war er als Newton International Fellow in Cambridge tĂ€tig. Weitere Forschungspositionen fĂŒhrten ihn an das Herbert D. Katz Center for Advanced Judaic Studies an der University of Pennsylvania, an das IFK Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften der KunstuniversitĂ€t Linz und an die Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz. Von 2020 bis 2022 absolvierte Gur ein mit 172.000 Euro dotiertes Lise-Meitner-Fellowship des FWF an der mdw – UniversitĂ€t fĂŒr Musik und darstellende Kunst Wien.