Historischer Stadtteil von Edinburgh
Beim Erkunden von Edinburgh tauchen bei dem Philosophen Renan Silva Harry Potter-Szenen auf. © privat

Da ich in Wien promoviert hatte, war ich bereits daran gewöhnt, in einer wunderschönen historischen Stadt zu leben. Doch während Wien mich an Märchen erinnert, wirkt Edinburgh, mein derzeitiges Zuhause, wie die Kulisse eines Harry-Potter-Films. Hinzu kommt, dass die University of Edinburgh zu den weltweit führenden Einrichtungen in meinem Forschungsgebiet zählt – kein Wunder also, dass sie meine erste Wahl war, als ich nach einer Universität für mein Schrödinger-Auslandsstipendium suchte.

Ich war also hocherfreut, als mein jetziger Mentor an der University of Edinburgh, Mark Sprevak, sich bereit erklärte, mich aufzunehmen. Wir hatten uns zuvor noch nie getroffen und ich hatte keinerlei Kontakte an der Universität. Ich habe ihm einfach eine E-Mail geschrieben – und er sagte zu. Mich interessierten besonders seine Fachkenntnisse in der Philosophie der Informatik sowie die Tatsache, dass die philosophische Fakultät der Universität für ihre Stärken in der Philosophie des Geistes und der Wissenschaftsphilosophie bekannt ist.

Staaten und ihr Verhalten prägen unser Leben und globale Entwicklungen. Um ihr Handeln besser zu verstehen, analysiert Renan Silva die Frage, ob Staaten menschen- oder computerähnliche Eigenschaften besitzen. 

Junger Mann mit Brille und dunklen Haaren vor dem Castle of Edinburgh
Der Philosoph und Schrödinger Fellow Renan Silva arbeitet in Edinburgh mit weltweit führenden Forschenden auf seinem Gebiet zusammen. © privat

Das Wesen von Staaten erforschen

In meinem Schrödinger-Projekt geht es um die Frage, ob Staaten (Länder) als Akteure betrachtet werden können – was oft der Fall ist – und ob sie tatsächlich Berechnungen durchführen, ähnlich wie es Gehirne und digitale Computer tun. Während es für Politikwissenschaftler:innen üblich ist, Staaten als Akteure und Rechensysteme zu modellieren, ist das Wesen staatlicher Handlungsfähigkeit und Berechnung noch weitgehend ungeklärt.

Meine Forschung stützt sich auf verschiedene Teilgebiete der Philosophie und der Sozialwissenschaften, daher hielt ich es für sinnvoll, den ersten Teil meines Stipendiums in Edinburgh an einem philosophischen Institut und die Phase nach meiner Rückkehr nach Wien an einem Institut für internationale Beziehungen zu verbringen.

breite Straße mit Allee und historischem Denkmal
Die Princes Street in Edinburgh ist die Haupteinkaufsstraße im Zentrum der Stadt; im Süden mit Blick auf Princes Street Gardens, die Old Town und Edinburgh Castle. © privat

Zugehörigkeit trotz Kulturschock

Obwohl ich zuvor an einer großen Universität studiert hatte (meinen Bachelor-Abschluss machte ich am King’s College London), war es ein Kulturschock, von der Central European University (CEU) in Wien, an der ich promovierte, an die University of Edinburgh zu wechseln. Die CEU ist relativ klein – ein Ort, an dem man dem Präsidenten oder der Rektorin noch auf den Gängen begegnet. Die University of Edinburgh hingegen ist viel größer und älter. Glücklicherweise gelingt es ihr dennoch, ein Gemeinschaftsgefühl zu bewahren, gleichzeitig bietet sie hervorragende Arbeitsbedingungen.

Visum erleichtert Beziehungen mit UK

Leider müssen Bürger:innen der Europäischen Union (EU) seit dem Brexit ein Visum beantragen, wenn sie sich länger als sechs Monate im Vereinigten Königreich aufhalten wollen. Trotzdem möchte ich alle potenziellen Schrödinger-Bewerber:innen auffordern, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Sie haben vermutlich Anspruch auf ein „Global Talent-Visum“, eines der besten britischen Visa, die es gibt. Und obwohl es relativ teuer ist (derzeit rund 890 Euro für das Visum selbst plus 1.200 Euro pro Jahr für den sogenannten „Gesundheitszuschlag“), können EU-Bürger:innen den Antrag über die App der Regierung stellen, was sehr schnell und einfach funktioniert.

Zudem sollte man bedenken, dass es zwar einfacher ist, in ein Land im Schengen-Raum zu ziehen, es aber viel schwieriger ist, in Städten wie Paris oder Zürich eine gute und leistbare Unterkunft zu finden als in Edinburgh oder anderen britischen Großstädten – natürlich mit Ausnahme von London.