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Gleichstellung: Eine Frage der Offenheit

Um Bewegung in Sachen Gleichstellung zu bringen, braucht es Top-down-Initiativen, sagt Sozialwissenschafterin Marita Haas. Quelle: Luiza Puiu/FWF

Als Frau in einem männlich dominierten Berufsumfeld zu reüssieren, bedeutet, ehrgeizig und kämpferisch zu sein, gesellschaftliche Vorurteile zu überwinden, sich anzupassen oder das Anderssein zu akzeptieren und im Idealfall ein unterstützendes soziales Umfeld zu haben. So oder so ähnlich beschreiben viele Frauen ihre Karriereverläufe in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Ausschlaggebend ist, so die Schlussfolgerung, der individuelle Wille und persönliche Umgang mit Hürden in einem Umfeld, in dem Frauen nach wie vor in der Minderheit sind.

„Entscheidungen und Karriereverläufe werden oft individuell dargestellt“, erklärt Marita Haas, „doch sie können nicht unabhängig von Rahmenbedingungen und organisationalen Strukturen betrachtet werden.“ Um einen tieferen Einblick in die Verflechtungen von individuellen und äußeren Gender-Faktoren im Berufsleben zu erhalten, hat die Sozialwissenschafterin die Lebensgeschichten von Frauen untersucht. Dazu hat Haas in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Firnberg-Projekt unter anderem narrativ-biografische Interviews mit Wissenschafterinnen in technischen Berufsfeldern geführt.

Ermutigendes Umfeld

„Durch das offene Erzählen erfährt man viel über Verschränkungen der Biografie mit institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“, erklärt Haas die Vorteile der Biografieforschung. Die Analysen zeigen, dass Frauen, die sich für männlich dominierte Berufe entscheiden, in der Regel ein ermutigendes Umfeld erlebt haben. Das kann die Familie, die Schule, eine Mentorin/ein Mentor oder auch die Organisation selber sein. Ein offener Zugang erleichtert es demnach, ungewöhnliche Karrierewege einzuschlagen. Die Haltung, „die Welt steht dir offen“, geht dabei meist von einem bildungsaffinen Elternhaus aus, das ermutigt, Dinge auszuprobieren oder auch ungewöhnliche Wege einzuschlagen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es weniger um Vorbilder als um eine gewisse Offenheit in Bezug auf die Lebens- und Karriereplanung geht“, erläutert Haas. Demnach kommt auch den viel zitierten fehlenden Role Models laut der Expertin weniger Bedeutung zu als etwa den fehlenden Strukturen für Geschlechtergleichstellung in relevanten Bereichen wie Bildung und Wirtschaft.

Viele Anstrengungen, wenige Ergebnisse

Inzwischen gibt es europaweit zahlreiche Initiativen, Mädchen und junge Frauen für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern. Geschlechtergleichstellung ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Doch Veränderungen sind, wie das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen in zweijährlichen Erhebungen aufzeigt, noch immer nur geringfügig wahrnehmbar. „Wir sehen, dass Girl’s Days und Mentoring-Programme auf individueller Ebene zwar als unterstützend erlebt werden, allerdings wenig am Gesamtbild ändern“, bestätigt Marita Haas, die auch Unternehmen und NGOs zum Thema Gender und Diversität berät.

Wichtiger sei vielmehr die Frage, wie Förderungsstrukturen aussehen können, die Zusammenarbeit auf Augenhöhe anstreben oder wie Rekrutierungsprozesse gestaltet sind. Das kann laut Haas beispielsweise bedeuten, Mentoring zu öffnen und gegenseitig zu machen. „Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen frischen Blick.“ Um Bewegung in Sachen Gleichstellung in die Firmen zu bringen, müsse Gender jedenfalls genauso ernst genommen werden wie jedes andere Business-Ziel, betont Haas. „Das passiert nur, wenn es Top-down implementiert wird oder etwa auch durch Quotenregelungen. Ich verstehe die Kritik an Quoten, aber zuzusehen wie nichts passiert, ist wesentlich schlimmer.“

Stereotoype Rollenerwartungen vorherrschend

In den Interviews mit den Frauen, die wissenschaftlich im MINT-Bereich tätig sind, wurden Erfahrungen des Andersseins und „Alles ist ganz normal gelaufen“ als vorherrschende Themen identifiziert. „Das sind zwei Seiten einer Medaille“, so Haas im Gespräch mit scilog: Frauen haben also entweder auf ihren Minderheitsstatus und die damit verbunden Hürden verwiesen oder sich auf Grundlage leistungsorientierter Prinzipien an die vorherrschende Kultur angepasst. Das zeige, dass Geschlecht in allen Regeln und Normen implizit eingeschrieben sei, sagt Marita Haas. „Diese Strukturen wirken so stark, dass die Frauen gar nicht umhin kommen als eine Geschichte zu erzählen, die sich mit ihrem Anderssein auseinandersetzt.“

Strukturelle Maßnahmen wie Quoten und Diversitätsinitiativen – das zeigen die Ergebnisse des Projektes –, sind wesentlich, um festgeschriebene Genderrollen nachhaltig aufzubrechen und am Ende des Tages am eigentlichen Ziel, nämlich der Sicherstellung von gleichen Teilhabechancen an Macht, Einkommen und Entscheidungen, anzukommen. Ein Blick auf die eigene Biografie kann dabei helfen, Berufsentscheidungen unabhängig von der Geschlechteridentität zu treffen, ist Haas überzeugt. Für Jugendliche etwa könnte die entscheidende Frage lauten, was bin ich schon, statt was will ich werden?


Zur Person

Marita Haas ist Sozialwissenschafterin mit Fokus auf Gender- und Biografieforschung und hatte bis 2017 eine Hertha-Firnberg-Stelle am Institut für Managementwissenschaften an der Technischen Universität Wien inne. Haas ist Lektorin an verschiedenen Universitäten und berät Organisationen und Unternehmen zu den Themen Diversität und Gleichstellung.


Publikationen

Haas, Marita & Koeszegi, Sabine T.: Spiel mit mir. Die Konstruktion von Geschlecht und Professionalität in Organisationen – eine Rahmenanalyse, in: Forum Qualitative Sozialforschung, 2017
Haas, Marita: Caught between restrictions and freedom: Narrative biographies shed light on how gendered structures and processes affect the drop-out of females from universities, in: Current Sociology, 2016
Haas, Marita; Zedlacher Eva; & Sabine T. Koeszegi: Breaking Patterns? How Female Scientists Negotiate their Token Role in their Life Stories, in: Gender, Work & Organization, 23, 2016

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