JĂŒdisches Museum Moskau
In Moskau eröffnete 2012 eines der grĂ¶ĂŸten jĂŒdischen Museen der Welt. Finanziert wurde es von zahlreichen Investoren, der bekannteste unter ihnen ist MilliardĂ€r Roman Abramowitsch. © The Jewish Museum and Tolerance Center

Die Geschichte Russlands verlief in den vergangenen drei Jahrzehnten höchst wechselvoll: Sie umfasst die Aufbruchsstimmung nach dem Ende der Sowjetunion ebenso wie die Entwicklung einer stark von privatisierten, vormals staatlichen Großkonzernen geprĂ€gten Wirtschaft bis hin zu den wachsenden Repressionen unter PrĂ€sident Wladimir Putin, dessen Invasion in die Ukraine zur internationalen Ächtung seines Landes fĂŒhrte. Vor diesem Hintergrund verlief die Entwicklung der Philanthropie in der Russischen Föderation: Seit der Jahrtausendwende entstand eine vielfĂ€ltige, von Stiftungen und Finanziers mitaufgebaute Kulturlandschaft. Die wirtschaftliche Elite des Landes investierte zunĂ€chst in den Aufbau privater und korporativer Kunstsammlungen, spĂ€ter verstĂ€rkt in den zeitgemĂ€ĂŸen Um- und Ausbau staatlicher Kunstinstitutionen und schließlich in eigene Museumsbauten. Die russische Philanthropie hat seit der Perestroika viel erreicht, wenngleich sich ihr Ausmaß in globalen Rankings nach wie vor bescheiden ausnimmt.

Vom Corporate Collecting zum Stiftungsaufschwung

Die auf (post-)sowjetische und russische Museen und Kunstinstitutionen spezialisierte Historikerin Waltraud Maria Bayer hat in ihrem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Private Kunstmuseen und Stiftungen russischer Oligarchen“ nun erstmals die Geschichte der russischen Philanthropie seit den 1990er-Jahren umfassend aufgearbeitet. Sie analysierte eine Vielzahl von gesetzlichen Bestimmungen, Verordnungen, ErlĂ€ssen und kulturpolitischen Programmen, basierend auf russischen analogen und digitalen
(Archiv-)Quellen. In einer Reihe von Fallstudien untersuchte sie weiters die Arbeit ausgewĂ€hlter Stiftungen im Detail – unter Verwendung von Material, das die Stiftungen publizierten. Die Ergebnisse von Bayers Grundlagenforschung liegen in der 2022 erschienenen Open-Access-Publikation „FILANTROPIJA.RU. Kunst- und Museumsstiftungen der Moskauer Wirtschaftselite“ vor.

Die Publikation beginnt mit einem RĂŒckblick auf die Umbruchszeit wĂ€hrend der Perestroika: Erste kulturelle Stiftungen wurden in den spĂ€ten 1980er-Jahren „von oben“ unterstĂŒtzt, beispielsweise von Raissa Gorbatschowa, der Ehefrau von Michail Gorbatschow, dem letzten Staatschef der Sowjetunion. Eine wichtige Rolle spielte Corporate Collecting: Banken und Konzerne betĂ€tigten sich als Kunstsammelnde. In einer zweiten Phase entstand unter PrĂ€sident Boris Jelzin ein wahrer Wildwuchs an Stiftungen und gesponserten Kulturinitiativen, vieles war nicht von Dauer. Eine weitere ZĂ€sur war die Wirtschaftskrise von 1998, als die Inflation anstieg und der Rubel drastisch abgewertet wurde. Einige Vermögende nahmen gerade diese Krise zum Anlass, um kulturelle Stiftungen zu grĂŒnden.

2006 als Jahr der russischen Philanthropie

2006 proklamierte die russische Regierung das „Jahr der Philanthropie“. Mit einer Reihe von Maßnahmen wurde der gemeinnĂŒtzige Bereich in Russland zunehmend reglementiert. Gesetzliche Rahmenbedingungen wurden geschaffen, Stiftungen, Vereine und NGOs wurden eingeschrĂ€nkt. Die Änderungen zeitigten jedoch positive Auswirkungen auf die Bereiche Kultur und Museen. Konzepte aus dem Westen wurden adaptiert ĂŒbernommen und fĂŒr professionelle Kulturprojekte genutzt.

„Die AktivitĂ€ten umfassten ein zunehmend breites Spektrum: vom imperialen Erbe der Zarenzeit und der Ikonenkunst ĂŒber die Moderne und Avantgarde bis hin zum Sozialistischen Realismus und zur Gegenwartskunst. Auch internationale Kunst war vertreten“, zĂ€hlt Bayer auf. Auffallend war: Museums- und Kulturprojekte gingen oft mit großen Immobilien- und Gentrifizierungsinitiativen in russischen Metropolen einher. Ein deklariertes Anliegen einiger Stiftungen war es, das Image Russlands im Ausland zu stĂ€rken. In den 2010er-Jahren entwickelte sich die Philanthropie weiter. Doch der vielfĂ€ltige Austausch mit dem Westen, der ĂŒber Jahre aufgebaut worden war, wurde bereits mit der Annexion der Krim stark gebremst.

Über den Umgang mit FĂ€lschungen

Neun umfangreiche Fallstudien bilden den empirischen Hauptteil der Studie. Eine zentrale Analyse widmet sich dem komplexen Problem der FĂ€lschungen russischer Kunst, das auch internationale Sammlungen und Museen betrifft. Ab 2006 ging die staatliche KulturbĂŒrokratie im Zuge einer Professionalisierungsmaßnahme verstĂ€rkt gegen FĂ€lschungen im heimischen Kunstbetrieb vor. Die Thematik sorgte auch global immer wieder fĂŒr Schlagzeilen, etwa wenn sich Leihgaben und AnkĂ€ufe aus Russland als fragwĂŒrdig erwiesen. Die Genter MuseumsaffĂ€re rund um die Kunstwerke der russischen Moderne aus der Stiftung Dieleghem, die 2017 ihren Ausgang nahm, war besonders aufsehenerregend. Fehlende Dokumentationen und Provenienzen fĂŒhrten dazu, dass eine Ausstellung eingestellt, PrivatmuseumsplĂ€ne in Belgien gestoppt und die russisch-belgischen EigentĂŒmer der Kunstwerke in Untersuchungshaft genommen wurden.

StiftungsportrÀts

Eine aussagekrĂ€ftige, materialreiche Fallstudie ist ferner der nach dem gleichnamigen MilliardĂ€r und Ex-Politiker benannten Potanin Foundation gewidmet, der wohl einflussreichsten Stiftung im russischen Museumsbetrieb. Die seit 1999 bestehende Stiftung finanzierte bis 2019 nicht weniger als 35.000 Projekte. Sie ist unter anderem Hauptsponsor der Eremitage in St. Petersburg. „Die Stiftung Potanin investierte in Russland nicht nur in die organisatorische und bauliche Modernisierung der Museen, sondern machte sich auch sehr um die Professionalisierung der russischen Museumswissenschaften verdient“, resĂŒmiert Bayer. Gleichzeitig kennzeichnet sie ein hohes Ausmaß internationaler AktivitĂ€ten. Potanin war in Europa und in den USA bestens vernetzt; er finanzierte unter anderem Großprojekte im Washingtoner Kennedy Center, im Guggenheim Museum in New York, zuletzt im Centre Pompidou.

Kollektives Engagement jĂŒdischer Investoren

Ein Projekt, das nicht nur durch die Initiative eines einzelnen Stifters realisiert wurde, ist das JĂŒdische Museum und Zentrum fĂŒr Toleranz in Moskau. Hier fanden sich eine ganze Reihe jĂŒdischer Investoren zusammen, um in diesem Vorzeigeprojekt jĂŒdische Geschichte und Kunst zu prĂ€sentieren sowie Dialog und Bildungsinitiativen zu fördern. Der bekannteste Geldgeber, Roman Abramowitsch, ist ein UnterstĂŒtzer jĂŒdischer Organisationen weltweit. Sein Konzern ist an großen Immobilienprojekten beteiligt. Die Kulturprojekte seiner Stiftungen – wie das Museum Garage – entstanden parallel zu Konzernarbeiten.

Waren die Kooperationen der russischen Kultur mit dem Westen nach der Krim-Annexion 2014 schon stark eingeschrĂ€nkt, endeten die meisten mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und den einhergehenden Sanktionen abrupt. AuslĂ€ndische Institutionen stellten ihre Arbeit in Russland (vorĂŒbergehend) ein, auch viele einheimische Finanziers, Wissenschaftler:innen und Expert:innen im Kunstbereich verließen das Land. Bayer: „Die konkreten Auswirkungen des Krieges und der Sanktionen auf den Museums- und Kulturbereich sind noch kaum Gegenstand der Forschung. Angesichts der internationalen Vernetzung der russischen Philanthropie brĂ€uchte es dafĂŒr eine weltweite Anstrengung – fachĂŒbergreifend wie innerhalb der Museumswissenschaften.“


Zur Person

Waltraud M. Bayer ist habilitierte Historikerin und arbeitet zu den Themenbereichen Museen, Sammeln, Kunstmarkt und Philanthropie in Osteuropa. Sie studierte Geschichte sowie Englisch und Russisch in Wien, St. Paul in Minneapolis, Washington D.C. und Moskau. Von 1991 bis 2016 war sie am Institut fĂŒr Geschichte der UniversitĂ€t Graz tĂ€tig. Von 2018 bis 2022 war sie Senior Research Fellow in Wien und arbeitete am Projekt „Private Kunstmuseen und Stiftungen russischer Oligarchen“, das vom Wissenschaftsfonds FWF mit 270.000 Euro gefördert wurde.


Publikationen

Waltraud M. Bayer: FILANTROPIJA.RU. Kunst- und Museumsstiftungen der Moskauer Wirtschaftselite, 2022

Waltraud M. Bayer: Best Practice: FÀlschungsforschung im Kölner Museum Ludwig, arthistoricum.net 2021

Waltraud M. Bayer: A Past That Won’t Pass: Stalin’s Museum Sales in a Transformed Global Context, in: Journal for Art Market Studies (JAMS), Vol. 2 (2), 2018