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Wie die EU ihre Krisen meistert

Beim voraussichtlich letzten EU-Gipfel mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. Oktober 2021 standen Baustellen von Migration bis Pandemie auf der Agenda, auch nicht geplante Themen wie die umstrittene Justizreform Polens wurden diskutiert. Quelle: JOHN THYS / AFP / picturedesk.com

Finanzkrise, Migrationskrise, Brexit, eine bröckelnde Rechtsstaatlichkeit, die Coronapandemie und der Klimawandel, jüngst das Urteil Polens, die Landesverfassung vor EU-Recht zu stellen – seit gut zehn Jahren befindet sich die Europäische Union im Krisenmodus. Die Folgen sind eine Europaskepsis, die die als Friedensprojekt gegründete Solidargemeinschaft zunehmend schwächt. Jedenfalls gehören Krisen zum politischen Geschäft und gutes Krisenmanagement ist gefragt. In Unternehmen etwa ist es längst eine Selbstverständlichkeit, Krisenpläne und Krisenbeauftragte für den Notfall zu haben. Denn schlimmstenfalls geht es um das Überleben der Firma. Aus diesem Grund hat sich die ausgebildete Politikwissenschaftlerin Olga Eisele an Literatur über Unternehmenskommunikation orientiert, um ihre Forschungsfrage auf die Politik zu übertragen, die da lautet: Wie meistern die EU und ihre Mitgliedstaaten ihre Krisen und wer gibt dabei den Ton an, die Politik oder die Medien?

Zunächst hat die Wissenschaftlerin der Universität Wien in dem laufenden Projekt die Politik in den Fokus genommen und eine umfassende Datenanalyse aus einem Konvolut von über 90.000 Dokumenten durchgeführt, die sich auf Politik-Aussendungen und Reden der Jahre 2009 bis 2018 stützt. Dabei hat Eisele repräsentativ vier EU-Mitgliedstaaten (Österreich, Deutschland, Irland, Großbritannien) und die Europäische Union selbst unter die Lupe genommen. Die erste systematische Langzeitanalyse dieser Art soll aufzeigen, welche Lehren sich für die Politik daraus ziehen lassen, denn „wie Krisen bewältigt und bewertet werden, könnte über die Zukunft der EU als solche entscheiden“, sagt Eisele.

Was gute Krisenkommunikation auszeichnet

Die Auswertungen der Firnberg-Stipendiatin des Wissenschaftsfonds FWF, die nach Stationen in Deutschland und am IHS in Wien aktuell am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien tätig ist, basieren auf vier Aspekten erfolgreicher Krisenkommunikation: Die Dokumente wurden danach bewertet, wie verständlich Aussagen formuliert sind, wie gut das Potenzial, Ängste zu zerstreuen, umgesetzt wurde, ob öffentliche Anliegen und betroffene Gruppen einbezogen wurden und ob mit einer Stimme gesprochen wurde oder ob eher Widersprüchlichkeiten die eigene Position schwächten. Um diese Ergebnisse vergleichen zu können, hat das Team um Eisele das Krisenmanagement der Exekutive mit Nicht-Krisenkommunikation verglichen.

EU und Deutschland ähnlich

Am auffälligsten fiel dieser Vergleich bei der EU und Deutschland aus, und zwar insofern, als sich für Deutschland nur wenig Unterschied zwischen Krisenmodus und politischer Alltagsrhetorik ausmachen ließ und in der EU gar keiner. „In der EU findet der Diskurs stärker zwischen den Institutionen statt, das, was nach außen dringt, ist mehr auf Koordination als auf Kommunikation angelegt“, erklärt Eisele und zieht daraus folgenden Schluss: „Da Krisenkommunikation die Legitimation von Krisenpolitik nach außen ist, würde das heißen, dass die EU weniger Legitimation betreibt. Das passt gut in das Narrativ über die EU, dass sie weit weg ist von den Bürgerinnen und Bürgern, technokratisch und eher als ein Elitenprojekt wahrgenommen wird.“ Auch im Ländervergleich nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein. Das Land ist als EU-Gründungsmitglied über all die Jahre ein starker Partner der Union geblieben und auch durch die Krisen nicht wesentlich EU-skeptischer geworden, wohingegen die EU-Skepsis in den anderen drei Fallbeispielen der krisengebeutelten Union deutlicher zugenommen hat. Großbritannien stellt mit dem EU-Austritt die EU gänzlich infrage.  

Politik der Angst statt Beruhigung

Betrachtet man die vier krisenrelevanten Dimensionen separat, so zeigt sich, dass sowohl die EU als auch die vier Nationalstaaten in puncto Beschwichtigung und Adressierung von Betroffenen ein ähnliches Verhalten zeigen. Die Krisenmanagerinnen und -manager neigten dazu, sich in Krisen stärker direkt auf Personen oder betroffene Gruppen zu beziehen. Allerdings haben die Repräsentantinnen und Repräsentanten eher eine Politik der Angst betrieben, als Bedenken zu zerstreuen, wie die Analysen zeigen. Das habe möglicherweise zu politischer Frustration und Enttäuschung geführt, resümieren die Forschenden in ihrer Studie. Und Eisele vermutet: „Die Politik der Angst wird strategisch eingesetzt, um die eigene Stärke zu demonstrieren, um Kompetenzen zu erweitern und Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren.“  

Österreich und Irland klarer in der Krisensprache

In Bezug auf die beiden Aspekte der klaren und in den eigenen Reihen abgestimmten Kommunikation fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Deutschland stellt hier wiederum einen Ausnahmefall dar, da die klare Sprache in der Krisenkommunikation im Vergleich zu allen anderen abgenommen hat. Auch hier zeigt sich seine Nähe zur EU, wo Krisenthemen für Außenstehende ebenfalls eher unverständlich abgehandelt wurden. Das könnte Zweifel und Uneinigkeit darüber widerspiegeln, wie Krisen zu bewältigen sind. Die beiden Mitgliedstaaten Österreich und Irland schneiden in diesem Punkt verhältnismäßig gut ab, demnach haben die Regierungschefs ihre Argumente in Krisenzeiten klar und verständlich vorgebracht.  

Nächste Forschungsschritte – Medien im Fokus

Nach diesen ersten Ergebnissen wird Eisele nun die Berichterstattung in den Medien, deren Einflussnahme und Rolle in der Krisenkommunikation der Politik näher betrachten. Etwas Gutes haben die vielen Krisen wenigstens. „Die eigentlichen Probleme, wie etwa das in der Wissenschaft viel diskutierte Demokratiedefizit der EU, werden so sichtbar“, sagt Eisele. Und vielleicht lässt sich aus Krisen doch auch lernen, indem man sie ernst nimmt und künftig auf Warnungen hört, bevor es zu spät ist. Wie bei den Flutkatastrophen im Sommer 2021, als Warnungen des European Flood Awareness System EFAS ignoriert wurden.


Zur Person

Olga Eisele hat in Deutschland Europawissenschaften studiert und am Institut für Höhere Studien (IHS) und der Universität Wien in Politikwissenschaft promoviert. Nach Stationen in Deutschland ist Eisele aktuell als Postdoc am Computational Communication Science Lab (CCL) des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien tätig. Ihr Forschungsprojekt „Drahtseilakt EU-Krisenmanagement“ (2018–2022) wird vom Wissenschaftsfonds FWF im Hertha-Firnberg-Programm mit 234.000 Euro gefördert.


Publikation

Eisele O., Tolochko P., Boomgaarden HG: How do executives communicate about crises? A framework for comparative analysis, in: European Journal of Political Research, 2021 (forthcoming)

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