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Corona Fictions – Was ein Blick in die Literatur über die Zukunft sagt

Corona Fictions als Bewältigungsstrategie? Eine Grazer Forschungsgruppe unter der Leitung von Yvonne Völkl sammelt Corona-Geschichten. Quelle: Michael Rausch-Schott/FWF

„Nous sommes en guerre“ – Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat dem Coronavirus in seiner TV-Ansprache zum ersten Lockdown den Krieg erklärt. Sechsmal wiederholte er das Wort vom Krieg in seiner Rede, aktivierte damit Bilder und Assoziationen in den Köpfen seiner Landsleute. In einer vernetzten Welt können sich nicht nur Viren innerhalb weniger Stunden verbreiten, auch Narrative gehen schnell viral. Sie erreichen ein Publikum über nationale Grenzen hinaus, wirken sinnstiftend und beeinflussen die Lebensrealität der Menschen.

Interpretationen dieser Corona-Erzählungen finden sich auch in kulturellen Produktionen aller Art wieder – in Romanen, Serien, Popsongs und Musikvideos. „Diese literarischen und audiovisuellen Produktionen lassen sich als ‚Corona Fictions‘ zusammenfassen“, erläutert Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Yvonne Völkl vom Institut für Romanistik der Universität Graz. „Corona Fictions zeigen, welche Auswirkungen etwa gesundheitspolitische Maßnahmen auf die Gesellschaft haben, wie diese sie wahrnimmt und bewertet.“

Kultur hilft, die Welt zu verstehen

So haben sich während des ersten Lockdowns im März 2020 zahlreiche Menschen der Kultur zugewandt, um zu verstehen, was gerade passiert. Literarische Werke wie Albert Camus’ „Die Pest“waren in vielen Buchhandlungen ausverkauft, Katastrophenfilme wie Steven Soderberghs „Contagion“ und Wolfgang Petersens „Outbreak“ tauchten wieder in den Listen der meistgesehenen Filme auf. „Literatur kann eine Anleitung zur Bewältigung von außergewöhnlichen Situationen bieten. Sie vermittelt Wissen durch die Erfahrungen anderer“, erklärt Völkl.

Doch wurde nicht nur rezipiert, viele Menschen haben begonnen, ihre eigenen Erzählungen zu schaffen. In diesen Texten, Liedern und Filmen liegen die sprachlichen und bildhaften Fundamente des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Coronavirus. „Das hat mein Team und mich von Anfang an fasziniert. Man könnte Corona Fictions als eine Art Bewältigungsstrategie ansehen“, sagt Yvonne Völkl. Für ihr neues, vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt sammelt sie in den kommenden zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Team (bestehend aus Albert Göschl, Elisabeth Hobisch und Julia Obermayr) solche Corona-Geschichten.

Leitende Forschungsfragen

„Wir möchten wissen, welche Themen besonders dominant sind: Ist es die Angst vor dem Erkranken oder vor dem Sterben, sind es die Auswirkungen der Isolation oder die Schwierigkeiten mit Betreuungspflichten, ist es häusliche Gewalt?“, sagt Völkl. Eine weitere Forschungsfrage beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten zu früheren „Pandemic Fictions“. „Uns interessiert, welche Teile der Metaerzählung reaktiviert werden. Wir untersuchen konzeptionelle und begriffliche Strukturen, wie zum Beispiel Kriegsmetaphern, die das Virus als Feind darstellen. Denn diese Metaphern stimulieren das kollektive Gedächtnis des Publikums.“ Das Forschungsprojekt geht dabei auch darauf ein, wie Corona Fictions zu individueller und kollektiver Resilienz beitragen können. Auch der Repräsentation von sozialen Gruppen und Minderheiten in den Erzählungen soll auf den Grund gegangen werden.

Mithilfe der Zivilgesellschaft

Yvonne Völkl und ihr Team analysieren vorranging Mediengattungen aus romanischsprachigen Ländern. Doch werden weitverbreitete Produktionen in anderen Sprachen ebenfalls inkludiert, wie zum Beispiel das Pandemie-Tagebuch „Wuhan Diary“ der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang oder der Lockdown-Roman „So ist die Welt geworden“ der österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz. Da es keine zentralen Plattformen gibt, die alle Corona Fictions zusammenführen, lässt sich der Sammlungsprozess nicht so einfach alleine bewerkstelligen. Dafür gibt es aber eine Lösung: Citizen Science. In der ersten Phase des Projekts wird – zusätzlich zu mehr als einem Dutzend Projektpartner/innen aus dem In- und Ausland – die Zivilgesellschaft miteingebunden. Völkl: „Über eine digitale Plattform kann die Öffentlichkeit uns Hinweise auf Corona Fictions mitteilen.“ Die Website wird ab Juni online sein (Link siehe unten).

Lebensweltliche Relevanz von Literatur

Warum ist dieses Forschungsprojekt wichtig? „Man kann mit einem Blick in die Literatur – und die verstehe ich multimedial – in gewisser Weise die Zukunft vorhersagen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Bewältigung von Krisen. Historisch gesehen, handeln Menschen fast immer nach den gleichen“, erklärt die Projektleiterin. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit kulturellen Produktionen ermöglicht eine bessere Bewertung von aktuellen Situationen, möglichen Szenarien und von Resilienz. „An Pandemic Fictions lässt sich ablesen, wie sozialer Wandel passiert und auch, wo einseitig geführte gesellschaftliche Diskurse hinführen können.“

Rolle der Geisteswissenschaften im Krisenmanagement

Politische Entscheidungsprozesse werden hauptsächlich von medizinischen Daten und den Naturwissenschaften beeinflusst. „Auch die Geisteswissenschaften sollten in das Krisenmanagement miteinbezogen werden. Ihr Beitrag zum Umgang mit neuartigen Situationen ist nicht zu unterschätzen“, betont Völkl. Die Geistes- und Kulturwissenschaften ermöglichen es, soziokulturelle Aspekte zu berücksichtigen und damit vorhandene Daten zu bereichern. „Dadurch können Entscheidungen für alle Bürgerinnen und Bürger inklusiver gestaltet und auch Kollateralschäden durch traumatisierende Narrative verhindert werden.“ Welche Auswirkungen hat es etwa, wenn man vom „Krieg“ spricht? Ein Blick in kulturelle Erzählungen kann darüber aufschlussreiche Erkenntnisse liefern – und sprachliche Auswege aus der Krise zeigen.


Zur Person

Yvonne Völkl ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, derzeit forscht und lehrt sie am Institut für Romanistik an der Universität Graz. Ihre Tätigkeiten führten sie ins französisch- und spanischsprachige Ausland. Völkl leitet ab Juni 2021 das vom Wissenschaftsfonds FWF im Rahmen der Corona-Akutförderung mit 400.000 Euro finanzierte Forschungsprojekt „Corona Fictions. On Viral Narratives in Times of Pandemics“, in dem jene kulturellen Produktionen gesammelt und erforscht werden, die im Zuge der Coronakrise entstehen. Das Projekt ist für zwei Jahre angelegt.


Beiträge und Links

Pandemic Research Group: From Pandemic to Corona Fictions: Narratives in Times of Crises, in: PhiN-Beihefte 24, 321–344, 2020

Weiterführende Informationen: https://homepage.uni-graz.at/de/yvonne.voelkl/corona-fictions/

Stichwort Citizen Science: Sammlung von Corona Fictions https://corona-fictions.uni-graz.at/
(ab 1.6.2021 online)

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