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Hundert Jahre CarinthiJa

Vorbereitungen zum Theaterprojekt „Servus Srečno Kärntenpark“, das am 1. Oktober 2020 anlässlich 100 Jahre Volksabstimmung Premiere feiert. Quelle: Stadttheater Klagenfurt

Am 10. Oktober 2020 jährt sich das Kärntner Plebiszit zum 100. Mal. Diesen Transformationspunkt in der Landesgeschichte will der Autor und Regisseur Bernd Liepold-Mosser mit seinem künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekt „Performing Reality“ aktivieren und neu besetzen. Im Zentrum der Auseinandersetzung von Forschenden und Studierenden des Instituts für Kulturanalyse der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt einerseits und Kärntner Kulturschaffenden andererseits steht der Dispositiv-Begriff, geprägt von Michel Foucault. „Als Dispositiv bezeichnet Foucault die spezifische historische Konstellation von Begriffen, Diskursen und Aktivitäten, die Denkmöglichkeiten und Denkunmöglichkeiten in einer bestimmten Zeit rahmen“, erläutert Bernd Liepold-Mosser.

In Kärnten bestimmen das Plebiszit („Volksabstimmung“) bzw. der „Abwehrkampf“ ab 1918, in dem Gebietsansprüche des späteren Jugoslawien zurückgedrängt wurden, bis heute das Dispositiv. Sie sind Referenzpunkte für politische Spaltungstendenzen mit Parolen wie „Kärnten muss Deutsch sein“, und „Kärntens Grenzen werden in Frage gestellt“. Der Projektleiter, aufgewachsen, sozialisiert und politisiert in Kärnten, hat die politischen Spannungen in Griffen als Leiter des Peter-Handke-Archivs hautnah mitbekommen. Am Rand des zweisprachigen Gebietes war der Assimilierungsdruck, die slowenische Sprache und Kultur aufzugeben, besonders massiv. Nach 1945 blieb der Deutschnationalismus erhalten, wo er zuvor schon war, und schlug sich etwa im “Ortstafelsturm” oder der populistischen Haider-Ära nieder.

Alternative Perspektiven

Mit drei aus dem Projekt entwickelten Theaterstücken will Bernd Liepold-Mosser alternative Perspektiven aufzeigen: „Wir sehen die Volksabstimmung 1920 als Transformationspunkt, an dem Erzählungen und Diskurse auch eine andere Abzweigung hätten nehmen können: Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs haben die Gebietsentscheidungen in einer demokratischen Abstimmung gelöst. Das war eine exemplarische Anwendung von direkter Demokratie.“ 1920 haben zwei Drittel für einen Verbleib von Unterkärnten bei Österreich gestimmt, auch ein hoher Anteil der Kärntner Sloweninnen und Slowenen, sonst wäre das Ergebnis anders ausgefallen.

Erst in den vergangenen Jahren hat man begonnen, alternative Blicke auf die gemeinsame Geschichte zu werfen. Liepold-Mosser vermutet hinter dieser Entwicklung eine Mischung verschiedener Einflussfaktoren: Neben der zeitlichen Distanz sind das auch die offizielle Politik und ihre Perspektiven und Diskurse, der Zerfall Jugoslawiens sowie der Beitritt Österreichs und Sloweniens zur EU. Wenn die Grenzen fallen, so scheint es, können alte Feindbilder und Konfliktlinien blasser werden. Aber auch der fulminante soziale Aufstieg nicht weniger Kärntnerinnen und Kärntner aus der Minderheit dürfte das Seine beigetragen haben.

Das Theater als Labor und Vermittler

Wie greifen nun Kunst und Wissenschaft im Rahmen des Programms zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK) des Wissenschaftsfonds FWF ineinander? Dazu der Projektleiter: „Das Theater, so wie ich es verstehe, betreibt eine Art von Forschung. Es ist ein Laboratorium für die Erkundung von Verhältnissen. Nicht ausschließlich mit der methodischen Grundlage der Wissenschaft und rein rationaler Argumentation, aber mit Methoden der Erkundung, die auch emotionale und ästhetische Kriterien umfassen“, erklärt der Regisseur. In der transdisziplinären Auseinandersetzung mit Ute Holfelder, Roland W. Peball und Klaus Schönberger vom Institut für Kulturanalyse der Universität Klagenfurt, dem Literaturwissenschaftler Wilhelm Kuehs sowie Ute Liepold vom Theater Wolkenflug befruchten sich die verschiedenen Zugänge und Erkenntnisse gegenseitig. Ergebnis des dreijährigen Projekts sind neben wissenschaftlichen Publikationen und Ausstellungen die drei Theaterstücke „Das andere Land“, „Fluid Identities“ und „Kärntenpark“ mit drei Ensembles an drei Spielstätten in Kärnten. Coronabedingt musste das Stück „Fluid Identities“ über neue Identitätskonstruktionen auf April 2021 verschoben werden.

Der Lack ist ab im Historyland

Momentan finden die Probenarbeiten zu dem Theaterprojekt Servus Srečno Kärntenpark statt, das am 1. Oktober 2020 am Stadttheater Klagenfurt seine Premiere erleben wird. Das Stück bringt Kärnten als etwas verlotterten, unterfinanziertem Erlebnispark mit historischen Stationen auf die Bühne, in dem die glanzvolle Darstellung der Vergangenheit Risse bekommt. Mit Musik und Schauspielerei erreichen wissenschaftliche Ergebnisse die Menschen unmittelbar. Sie werden zur Auseinandersetzung angeregt. Die Frage: „Wie erreicht man jene, die nicht ohnehin schon überzeugt sind?“ steht für den der Kärntner Regisseur bei jeder Art von politischem Theater im Raum. Liepold-Mosser war es daher wichtig, nicht in der Off-Szene oder im Elfenbeinturm aufzuführen, sondern wichtige Orte des kulturellen Lebens zu bespielen und so ein breites Publikum  zu erreichen. „Es brauchen allerdings auch die Überzeugten Ermutigung. Mit Humor können verkrustete Strukturen noch einmal anders ausgehebelt werden, ohne große Argumentation. Man kann versuchen, das schwere Erbe gemeinsam über Bord zu werfen“, sagt Projektleiter Liepold-Mosser.


Zur Person

Bernd Liepold-Mosser arbeitet seit 2001 als freischaffender Regisseur, Produzent und Autor für Theater, Oper und Film mit Produktionen an Spielstätten in Deutschland, Österreich und Slowenien. Er leitet das vom FWF geförderte künstlerisch-wissenschaftliche PEEK-Projekt „Performing Reality“ (2018-2021). Liepold-Mosser ist auch Lektor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, war künstlerischer Leiter des EU-Interreg-Projekts „Brezmejnost – Grenzenlos“ (2009-2012) und leitete von 1996 bis 2001 das Peter-Handke-Archiv in Stift Griffen in Kärnten. Er ist Intendant des neu gegründeten „Klagenfurt Festival“.


Projektwebseite „Performing Reality“: http://volksabstimmung2020.aau.at


Publikationen

Holfelder, Ute und Studierende des Studiengangs Angewandte Kulturwissenschaft: Sprehod po Klagenfurtu 1920|2020 Spaziergang durch Celovec. Erkundungen zum 10. Oktober 1920 in Klagenfurt/Celovec, Drava Verlag 2020
Holfelder, Ute; Wilhelm Kuehs; Ute Liepold; Bernd Liepold-Mosser; Roland W. Peball; Klaus Schönberger: Dispositiv Kärnten/Koroška oder Das andere Land. Eine Ko-Produktion zwischen Kulturwissenschaft und Theater. Klagenfurt/Celovec, Johannes Heyn-Verlag 2020
Holfelder, Ute: Deutschnationale Inszenierung von ‚Volkskultur‘. Die 10.-Oktoberfeiern in Kärnten, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 2020 (im Erscheinen)
Holfelder, Ute /Klaus Schönberger: Die Besetzung der Landschaft – Contentious Cultural Heritages in Kärnten/ Koroška. Anmerkungen zur kulturellen Grammatik der Erinnerung an den 10. Oktober, in: Kärntner Jahrbuch für Politik 2020 (im Erscheinen)

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