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Neuer Therapieansatz soll Leben mit Spenderlunge nachhaltig verbessern

Die Vienna Lung Transplantation Research Group arbeitet an einer klinischen Studie, die die Nierenfunktion nach einer Transplantion der Lunge deutlich verbessern soll. Quelle: Insung Yoon/Unsplash

Bei Lungenerkrankungen, die bereits in einem weit fortgeschrittenen Stadium sind, kann oft nur noch eine Therapieform vor einem tödlichen Ausgang bewahren – die Transplantation. In einer Zeit, in der die Welt mit der Corona-Pandemie ringt, die in ihren schwersten Ausprägungen zu einem Versagen der Lunge führt, ist die Verbesserung der Transplantationstherapie ein besonders aktuelles Thema. Eine der global führenden Institutionen in diesem Bereich ist die Medizinische Universität Wien, die gemeinsam mit dem AKH Wien heuer bereits eine der weltweit ersten Lungentransplantationen an einer Covid-19-Patientin durchführte.

In der Abteilung für Thoraxchirurgie ist mit der Vienna Lung Transplantation Research Group eine hochspezialisierte Forschungsgruppe angesiedelt, die an einer Weiterentwicklung der Therapieform arbeitet. Unter der Abteilungsleitung von Walter Klepetko, der für die angesprochene, aufsehenerregende Lungentransplantation einer Covid-19-Patientin verantwortlich war, forscht hier der Chirurg und Professor für Lungentransplantationen Konrad Hoetzenecker mit seinem Team, zu dem der Internist Peter Jaksch und der Chirurg Alberto Benazzo gehören.

Peter Jaksch ist der Gewinner des Gottfried-und-Vera-Weiss-Preises des Jahres 2019. Im Rahmen dieser jährlich im Auftrag der Weiss-Stiftung vom FWF ausgeschriebenen Förderung arbeiten die Forschenden der Vienna Lung Transplantation Research Group derzeit an einer bereits laufenden klinischen Studie, die sich auf die Verbesserung der Nierenfunktion nach einer Lungentransplantation konzentriert. Denn mit den Medikamenten, die das Immunsystem ausschalten und auf diese Weise dafür sorgen, dass der Körper die neue Lunge akzeptiert, müssen auch Schäden an weiteren Organen in Kauf genommen werden –, und die Niere ist hier besonders betroffen.

Bisherige Medikamente belasten die Niere langfristig

„Eine Lungentransplantation ist eine große Belastung für den Körper, sowohl postoperativ als auch langfristig gesehen. Gerade in den ersten Jahren kommt es zu Veränderungen in den Organen, und es kann auch zu Komplikationen kommen“, fasst Alberto Benazzo zusammen. „Niereninsuffizienz ist dabei eines der häufigsten Probleme.“ Studien zeigen, dass fünf Jahre nach einer Lungentransplantation über 50 Prozent der Patientinnen und Patienten darunter leiden, nach zehn Jahren sind es über 70 Prozent.

Verantwortlich dafür sind sogenannte Calcineurininhibitoren (CNIs), die zur Immunsuppression – also zur Reduzierung der körpereigenen Abwehrzellen, die sich gegen das neue Organ richten – eingesetzt werden, und die als Nebenwirkung einen nierentoxischen Effekt haben. Am häufigsten wird hier ein Wirkstoff namens Tacrolimus eingesetzt. Benazzo, Jaksch und Kollegen arbeiten in ihrem aktuellen Projekt an einer neuen Immunsuppressionsstrategie, die erlaubt, den Einsatz dieses Medikaments zu reduzieren und gleichzeitig die Toleranz des Immunsystems gegenüber dem neuen Organ zu erhöhen.

Grundsätzlich gibt es zwei Stufen der Behandlung nach der Transplantation, erklärt Benazzo: „Unmittelbar nach der Operation werden im Rahmen einer sogenannten Induktionstherapie immunsupprimierende Medikamente in hoher Dosis verabreicht, die einen Großteil der relevanten Abwehrzellen in kurzer Zeit ausschalten. Danach wird in einer langfristen, sogenannten Erhaltungstherapie die Immunabwehr mit geringerer Dosierung auf dem erforderlichen, niedrigen Niveau gehalten.“

Höhere Toleranz des Körpers gegenüber Spenderorgan

In der Induktionstherapie ist die Medizinische Universität Wien Vorreiter bei der Nutzung von Alemtuzumab – einem Wirkstoff, der eigentlich für die Einschränkung des Immunsystems bei Multipler Sklerose entwickelt wurde und der auf einem grundlegend anderen Konzept aufbaut als die CNIs. Die neue Strategie sieht nun aber vor, Tacrolimus auch in der folgenden Erhaltungstherapie zurückzufahren, und es teilweise mit dem Wirkstoff Everolimus zu ersetzen. „Auch dieses Medikament, das bisher vor allem bei Nierentransplantationen verwendet wurde, beruht auf einem vollkommen anderen Konzept als die CNIs. Es hat nicht nur einen schonenden Effekt auf die Niere. Es gibt auch Daten, die zeigen, dass es die Toleranz des Körpers gegenüber einem transplantierten Organ erhöht“, betont Benazzo.

An der randomisierten Studie, die derzeit läuft, nehmen insgesamt 110 Patientinnen und Patienten teil. 55 von ihnen werden mit der neuen Suppressionsstrategie behandelt. Der Erfolg soll unter anderem an einer Kennzahl gemessen werden, die zeigt, wie gut das in die Nieren einströmende Blut gefiltert wird. Was erhofft sich nun Benazzo, der dieses Studiendesgin entwickelt hat, von der neuen Suppressionsstrategie? „Wenn im nächsten Jahr ein Ergebnis vorliegt, erwarten wir uns, dass es eine 20-prozentige Verbesserung der Nierenfunktion gegenüber der bisherigen Therapie zeigt“, erklärt der Chirurg. „Das zweite Ziel liegt darin, zu überprüfen, ob die neue Wirkstoffkombination tatsächlich zu einer erhöhten Toleranz des Körpers gegenüber dem neuen Organ führt.“


Zu den Personen

Alberto Benazzo ist Chirurg und fokussiert in der medizinischen Forschung auf den Bereich der Transplantationsimmunologie. Gemeinsam mit dem Internisten Peter Jaksch forscht er als Teil der Vienna Lung Transplantation Research Group in der Klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie der Universitätsklinik für Chirurgie der Medizinischen Universität Wien und des Wiener AKH. Jaksch wurde im Jahr 2019 mit dem privat gestifteten und jährlich vom FWF ausgeschriebenen Weiss-Preis ausgezeichnet, der das beschriebene Projekt mit einem Fördervolumen von knapp 382.000 Euro ermöglicht.

Konrad Hoetzenecker ist seit 2010 an der Klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie tätig. Nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt im Rahmen des Graham Memorial Traveling Fellowships der American Association of Thoracic Surgery übernahm Hoetzenecker 2018 die Leitung des Lungentransplantationsprogramms.


Publikationen

Benazzo A, Schwarz S, Muckenhuber M, et al.: Alemtuzumab induction combined with reduced maintenance immunosuppression is associated with improved outcomes after lung transplantation: A single centre experience, in: PLoS One, Jänner 2019
Jaksch P, Ankersmit J, Scheed A, Kocher A, Muraközy G, Klepetko W, Lang G.: Alemtuzumab in lung transplantation: an open-label, randomized, prospective single center study, in: American journal of transplantation, August 2014

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