Warum Nierenerkrankungen dem GefĂ€Ăsystem schaden
Chronisch Nierenkranke sterben hĂ€ufig an kardiovaskulĂ€ren Komplikationen. Die Ursache dafĂŒr ist ein geschĂ€digtes und schlecht funktionierendes GefĂ€Ăsystem. Inwieweit ein spezielles Zersetzungsprodukt (Cyanat) des bei Nierenkranken im Blut konzentrierten Harnstoffs verantwortlich ist, hat ein Team um Gunther Marsche von der Medizinischen UniversitĂ€t Graz in einem Projekt des FWF erforscht.
Ein Team â Zwei Entdeckungen
"Wir konnten im humanen Gewebe wie auch im Tiermodell zwei bisher unbekannte Mechanismen identifizieren, wie Cyanat bei chronischer Nierenerkrankung zu einer mangelnden FunktionalitĂ€t des GefĂ€Ăsystems fĂŒhren kann", erklĂ€rt Gunther Marsche. "Bei dem ersten Mechanismus bewirkt Cyanat eine nachteilige VerĂ€nderung eines Lipoproteins, das im unverĂ€nderten Zustand fĂŒr die gesunde Funktion der GefĂ€Ăe eine maĂgebliche Rolle spielt. Im zweiten Fall wird durch Cyanat ein Gen aktiviert, was entzĂŒndliche Reaktionen des GefĂ€Ăsystems verstĂ€rken kann."
Vom guten zum bösen Cholesterin
Bei dem Lipoprotein, das durch Cyanat verĂ€ndert wird, handelt es sich um das als "gutes" Cholesterin bekannte High Density Lipoprotein (HDL). Wie das Team um Marsche zeigen konnte, erfĂ€hrt dieses durch Cyanat eine als Carbamylierung bezeichnete chemische VerĂ€nderung â mit drastischen Folgen, wie Marsche schildert: "Wirkte das HDL zuvor einer GefĂ€Ăverengung entgegen, so reduziert sich diese Schutzwirkung durch Carbamylierung dramatisch. Ja im Extremfall kann es dann sogar zu einer GefĂ€Ăverengung beitragen." Dies ist ein Effekt der speziell bei chronisch Nierenkranken auftreten kann. Denn diese scheiden Harnstoff wesentlich schlechter aus als gesunde Personen und dessen Zersetzungsprodukt, das Cyanat, kommt dann in deutlich erhöhten Konzentrationen im Blut vor.
Gen-Aktivierung
Der zweite Effekt, den Cyanat auf das GefĂ€Ăsystem hat und der von der Gruppe um Marsche identifiziert wurde, wirkt ĂŒber die Aktivierung eines Gens. Dieses codiert fĂŒr ein sogenanntes AdhĂ€sionsmolekĂŒl das auf den Zellmembranen der Endothelzellen sitzt, also jener Zellschicht, die ein GefÀà auskleidet. Die Funktion des als ICAM-1 bezeichneten Proteins besteht darin, bestimmten Zellen des Blutes (Leukozyten) zur BekĂ€mpfung von Infektionen oder Tumoren "den Weg zu weisen". Dazu haben Leukozyten Rezeptoren, die ICAM-1 binden. Marsche konnte nun zeigen, dass die Aktivierung des Gens fĂŒr ICAM-1 durch Cyanat dazu fĂŒhrt, dass mehr Leukozyten gebunden werden und so entzĂŒndliche Reaktionen der GefĂ€ĂwĂ€nde eventuell verstĂ€rkt werden könnten. Diese Wirkkette stellt erstmals eine kausale Verbindung zwischen der bei Nierenkranken oft zu beobachtenden UrĂ€mie, also einer stark erhöhten Harnstoffkonzentration im Blut, und entzĂŒndlichen Reaktionen her.
Von der Erkenntnis zur Therapie
Die Erkenntnisse aus diesem FWF-Projekt sind dringend notwendig, denn mit zunehmendem Altersdurchschnitt der Gesamtbevölkerung steigt auch die Anzahl chronischer Nierenkranker. Deren MortalitĂ€t ist insbesondere auch aufgrund von Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems stark erhöht. Wie es zu diesen Folgeerscheinungen kommt, ist bisher aber kaum verstanden. FĂŒr Marsche ist die grundlegende Bedeutung dieser Entdeckungen im Rahmen des Forschungsprojekts daher klar: "Die Daten aus diesem FWF-Projekt liefern einen Ansatz fĂŒr die klinische Evaluierung von Wirkstoffen, die gegen Cyanat im Blut wirken. Das könnte zur Entwicklung von Medikamenten und Therapien fĂŒhren, die Nierenkranken eine deutlich verbesserte LebensqualitĂ€t ermöglich wĂŒrden."
Zur Person
Gunther Marsche ist am Institut fĂŒr Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen UniversitĂ€t Graz tĂ€tig und forscht auf dem Gebiet des gestörten Cholesterinstoffwechsels und der Entstehung von Arteriosklerose.
Seine Habilitationsarbeit wurde im Jahr 2011 mit dem "Otto-Kraupp-Preis" als beste medizinische Habilitation Ăsterreichs ausgezeichnet.