Grafische Darstellung von US-Wahlboxen auf Tischen mit der Aufschrift "Vote" vor blau-rotem Hintergrund
Die Welt blickt gespannt auf die Midterms 2026 in den USA: Wie werden die Wahlen ausgehen? Ein österreichisches Forschungsteam wird einen genauen Blick auf die Ergebnisse richten. © Allison Saeng/unsplash

Eine gängige These lautet: Politische Polarisierung erhöht die Wahlbeteiligung. Dafür sprechen einige Beispiele wie zuletzt in Deutschland, wo in Sachsen-Anhalt mit 77,8 Prozent oder in Ungarn mit 79 Prozent die Wahlbeteiligung hoch war. Wenn politische Unterschiede zwischen Parteien größer werden, steht für die Wähler:innen mehr auf dem Spiel. Doch das führt nicht immer zwangsläufig dazu, dass mehr Menschen wählen gehen. Bei den US-Präsidentenwahlen 2024 war die Wahlbeteiligung mit 64,5 Prozent niedriger als davor.

Ist politische Polarisierung also tatsächlich ein verlässlicher Motor für höhere Wahlbeteiligung – oder ist der Zusammenhang komplizierter? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Ökonom Christoph Kuzmics von der Universität Graz in einem Projekt, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird.

Anhand eines neuen Modells wollen Kuzmics und sein Team zwei klassische Fragen der politischen Ökonomie besser verstehen: Wie lassen sich das beobachtete Ausmaß an Polarisierung und gleichzeitig das Ausmaß der Wahlbeteiligung erklären? Zu diesem Zweck erstellen die Forschenden spieltheoretische Modelle des politischen Wettbewerbs am Beispiel der US-Präsidentschaftswahlen.

Polarisierung und Mobilisierung

Der Ökonom Christoph Kuzmics entwickelt ein völlig neues spieltheoretisches Modell, das auf den US-Präsidentschaftswahlen basiert. Das Modell soll neue Erkenntnisse darüber liefern, wie Polarisierung, Wahlbeteiligung und Unsicherheit über den Wahlausgang zusammenhängen. Damit möchte der Forscher auch neue Daten zum Wählerverhalten gewinnen. 

Forscher mit blauem T-Shirt steht vor einem Institutsgebäude
Der Mikroökonom Christoph Kuzmics will besser verstehen, warum sich Parteien zunehmend voneinander entfernen. © Jörn Kleinert

Herr Kuzmics, warum haben Sie sich für das Wahlsystem der Vereinigten Staaten entschieden?

Christoph Kuzmics: Die US-Präsidentschaftswahl ist auch für Europa von großer Bedeutung, da ihre Auswirkungen weit über die USA hinausreichen. Zugleich lässt sich das politische System vergleichsweise gut untersuchen: Mit zwei dominierenden Parteien sind die politischen Positionen klarer zuzuordnen als in Europa, wo viele Parteien und Koalitionsverhandlungen die politische Landschaft komplexer machen. Das heißt, man kann gewisse Dinge dort viel schärfer sehen.

Sie entwickeln ein vereinfachtes Modell der US-Präsidentschaftswahlen auf Basis von drei Faktoren: politische Polarisierung, Wahlbeteiligung und Unsicherheit über den Wahlausgang. Was lässt sich mit einem solchen Modell untersuchen, was man anhand vergangener Wahldaten nicht erkennen könnte?

Kuzmics: Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir erstmals das Zusammenspiel dieser drei Faktoren gemeinsam untersuchen, denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Wir sehen uns also einerseits das Zusammenspiel zwischen dem, wie sich Parteien positionieren, und wer dann wählen geht an – das versteht man schon ein wenig. Aber die große Unbekannte bleibt die Unsicherheit über den Wahlausgang. Sie wirkt sich sowohl darauf aus, ob Menschen wählen gehen, als auch darauf, wie sich Parteien positionieren.

Welche Annahmen über das Verhalten von Parteien und Wähler:innen sind für Ihr Modell wichtig?

Kuzmics: In unserem Modell positionieren sich die Parteien auf einem politischen Spektrum zwischen links und rechts. Wähler:innen entscheiden sich klarerweise für jene Partei, deren Positionen ihnen am nächsten sind. Die zentrale Frage ist jedoch: Warum gehen Menschen wählen und warum bleiben manche zu Hause? Parteien müssen daher nicht nur überlegen, wie sie sich politisch positionieren, sondern auch, wie sie ihre Anhänger:innen zur Wahl mobilisieren können. Unser Modell untersucht, welche Anreize dabei eine Rolle spielen.

Sie sind noch am Beginn des Projekts, wie lauten Ihre Hypothesen?

Kuzmics: Ältere Modelle gehen davon aus, dass Parteien vor allem um die Stimmen der Menschen in der Mitte konkurrieren. Folglich sollten sich die beiden großen US-Parteien in der politischen Mitte positionieren, um möglichst viele Wähler:innen zu erreichen. Stattdessen entfernen sie sich immer weiter voneinander. Die alten Modelle berücksichtigen jedoch zu wenig, dass Wähler:innen nicht automatisch zur Wahl gehen. Mehr Polarisierung müsste also nicht zwangsläufig zu einer höheren Wahlbeteiligung führen. Gerade in den USA lässt sich dieser Zusammenhang nicht eindeutig beobachten. Unser Modell soll erklären, warum das so ist.

„Die Frage, warum die Leute wählen, ist noch immer ein Puzzle für die Forschung. “ Christoph Kuzmics

Ein zentraler Aspekt im Projekt ist die Unsicherheit über den Wahlausgang. Können Sie erklären, wie eine Veränderung der Unsicherheit auf die Wahlbeteiligung und die Positionen der Parteien wirkt?

Kuzmics: Die Frage, warum die Leute wählen, ist noch immer ein Puzzle für die Forschung. Dabei spielt die Überzeugung, etwas bewegen zu können, eine große Rolle. Viele Wahlberechtigte glauben nicht daran, dass sie durch ihre Wahlbeteiligung Einfluss auf das Ergebnis haben. Das trifft besonders zu, wenn der Ausgang eher sicher ist. Je unsicherer der Wahlausgang, desto stärker kann der Anreiz sein, wählen zu gehen. Oder wenn Umfragen einen klaren Ausgang erwarten lassen, die tatsächlichen Chancen aber schwer einzuschätzen sind, kann das auch zusätzlich mobilisieren. Als Donald Trump 2016 erstmals zur Präsidentenwahl antrat, war er in den Meinungsumfragen klar der Verlierer, doch in den Wettquoten zeichneten sich Chancen für ihn ab.

Wie definieren Sie Unsicherheit in Ihrem Modell?

Kuzmics: Auf Basis bisheriger Studien gehen wir von zwei Effekten aus, die wir überprüfen wollen: Erstens, höhere Unsicherheit über den Wahlausgang führt eher zu sinkender Wahlbeteiligung. Das wiederum löst indirekt den Effekt der Polarisierung aus. Denn ist die allgemeine Unsicherheit groß, grenzen sich die Parteien stärker voneinander ab, was mehr Menschen (auch an den Rändern des politischen Spektrums) motiviert, wählen zu gehen. Wir wollen herausfinden, welcher dieser Effekte überwiegt.

Welchen Einfluss können Meinungsumfragen auf die Unsicherheit haben und wie reagieren die Parteien darauf?

Kuzmics: Meinungsumfragen zeigen recht gut, welche Partei Menschen unterstützen. Schwieriger ist es wie gesagt, vorherzusagen, wer tatsächlich wählen geht. Parteien können darauf auf zwei Arten reagieren: Sie können ihre politischen Positionen verändern, um neue Wählergruppen anzusprechen. Das sieht man jetzt vor den Midterms, wo sich manche republikanische Kandidat:innen von Trump distanzieren und in eine moderatere Richtung gehen. Oder man versucht, die bestehende Anhängerschaft stärker zu mobilisieren. Wir untersuchen, welchen dieser beiden Strategien mehr Gewicht zukommt.

„Wahlkampfbotschaften können wenig bewirken, wenn die politische Positionierung oder die wirtschaftliche Bilanz nicht überzeugt.“ Christoph Kuzmics

In die amerikanischen Wahlkämpfe fließen Unsummen an Wahlspenden, um Anreize für die Wähler:innen zu setzen. Spielt der Faktor Geld auch eine Rolle?

Kuzmics: Erste Ergebnisse unseres Modells deuten darauf hin, dass die politische Positionierung der Parteien wichtiger ist als die Mobilisierung ihrer Anhängerschaft durch Wahlwerbung. Auch die wirtschaftliche Lage spielt eine zentrale Rolle: Wahlkampfbotschaften und hohe Werbeausgaben können wenig bewirken, wenn die politische Positionierung oder die wirtschaftliche Bilanz nicht überzeugt.

Gibt es einen Punkt, an dem politische Zuspitzung nicht mehr zusätzliche Wähler:innen mobilisiert?

Kuzmics: Das sehen wir im Modell relativ klar, politische Zuspitzung hat Grenzen. Parteien müssen Mehrheiten gewinnen. Bewegen sie sich zu weit an den Rand, erleichtern sie es der Konkurrenz, Wähler:innen in der Mitte anzusprechen. Mehr Polarisierung unter Politiker:innen setzt außerdem nicht zwingend voraus, dass auch die Bevölkerung stärker gespalten ist. Stark polarisierte Wahlen sind grundsätzlich problematisch, da sie insofern äußerst ineffizient sind, als sich die politischen Maßnahmen stark von den Wünschen der meisten Wähler:innen unterscheiden – unabhängig davon, wer gewinnt.

Im zweiten Teil des Projekts testen Sie anhand von öffentlich zugänglichen Daten zu vergangenen US-Präsidentschaftswahlen, wie nahe Ihr Modell an die Realität herankommt. Wie stark muss man das Modell vereinfachen?

Unser flexibles Modell geht davon aus, dass sich Wähler:innen daran orientieren, was für ihr politisches Lager wichtig ist. Gleichzeitig spielen individuelle Faktoren eine Rolle, etwa der Aufwand, der mit der Wahlteilnahme verbunden ist. Natürlich vereinfacht das Modell die Realität. Dennoch kann es die Wahlbeteiligung in verschiedenen US-Bundesstaaten erstaunlich gut erklären: Die berechneten Werte stimmen zu rund 80 Prozent mit den beobachteten Daten überein. Das zeigt, dass der Ansatz hilfreich ist, auch wenn wir noch besser verstehen müssen, was Menschen persönlich zur Wahl motiviert.

Was kann Ihre Forschung zum Verständnis von Wahlverhalten in anderen Ländern beitragen?

Kuzmics: In den USA kann eine der beiden großen Parteien ihr politisches Programm nach einem Wahlsieg weitgehend eigenständig umsetzen. In Europa hingegen müssen Parteien meist Koalitionen bilden und Kompromisse eingehen. Dadurch kann die tatsächlich umgesetzte Politik moderater ausfallen, selbst wenn einzelne Parteien stark polarisierende Positionen vertreten. Unser Modell kann helfen, diese Unterschiede zwischen den politischen Systemen besser zu verstehen.

Welche Erkenntnisse und möglichen Schlüsse erhoffen Sie sich nach Ende des Projekts?

Kuzmics: Wir möchten eine schlüssige Erklärung für die in der Vergangenheit beobachteten Zusammenhänge von Wahlbeteiligung, Polarisierung und Wahlergebnissen bei US-Wahlen über die US-Bundesstaaten und im Zeitverlauf liefern. Damit können wir besser verstehen, warum sich Parteien zunehmend voneinander entfernen. Letztendlich können wir damit auch mögliche Wege für politische Empfehlungen identifizieren. Wenn beispielsweise Unsicherheit eng verknüpft ist mit Polarisierung, dann kann man unser Modell nutzen, um die Auswirkungen regulatorischer Maßnahmen zu analysieren, etwa in Bezug auf Wahlbeteiligung oder auf gezielte Werbung in sozialen Medien – eine mögliche Ursache für Wahlunsicherheit.

Über den Forscher

Christoph Kuzmics ist Professor für Mikroökonomik am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Graz. Davor war er an der Universität Bielefeld und an der Kellogg School of Management der Northwestern University in Illinois tätig. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Entscheidungs- und Spieltheorie, Mechanism Design und der Theorie politischer Prozesse. Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „Polarisierung und Mobilisierung unter Unsicherheit“ läuft bis 2029.