Herr Kuzmics, warum haben Sie sich für das Wahlsystem der Vereinigten Staaten entschieden?
Christoph Kuzmics: Die US-Präsidentschaftswahl ist auch für Europa von großer Bedeutung, da ihre Auswirkungen weit über die USA hinausreichen. Zugleich lässt sich das politische System vergleichsweise gut untersuchen: Mit zwei dominierenden Parteien sind die politischen Positionen klarer zuzuordnen als in Europa, wo viele Parteien und Koalitionsverhandlungen die politische Landschaft komplexer machen. Das heißt, man kann gewisse Dinge dort viel schärfer sehen.
Sie entwickeln ein vereinfachtes Modell der US-Präsidentschaftswahlen auf Basis von drei Faktoren: politische Polarisierung, Wahlbeteiligung und Unsicherheit über den Wahlausgang. Was lässt sich mit einem solchen Modell untersuchen, was man anhand vergangener Wahldaten nicht erkennen könnte?
Kuzmics: Das Besondere an unserem Ansatz ist, dass wir erstmals das Zusammenspiel dieser drei Faktoren gemeinsam untersuchen, denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Wir sehen uns also einerseits das Zusammenspiel zwischen dem, wie sich Parteien positionieren, und wer dann wählen geht an – das versteht man schon ein wenig. Aber die große Unbekannte bleibt die Unsicherheit über den Wahlausgang. Sie wirkt sich sowohl darauf aus, ob Menschen wählen gehen, als auch darauf, wie sich Parteien positionieren.
Welche Annahmen über das Verhalten von Parteien und Wähler:innen sind für Ihr Modell wichtig?
Kuzmics: In unserem Modell positionieren sich die Parteien auf einem politischen Spektrum zwischen links und rechts. Wähler:innen entscheiden sich klarerweise für jene Partei, deren Positionen ihnen am nächsten sind. Die zentrale Frage ist jedoch: Warum gehen Menschen wählen und warum bleiben manche zu Hause? Parteien müssen daher nicht nur überlegen, wie sie sich politisch positionieren, sondern auch, wie sie ihre Anhänger:innen zur Wahl mobilisieren können. Unser Modell untersucht, welche Anreize dabei eine Rolle spielen.
Sie sind noch am Beginn des Projekts, wie lauten Ihre Hypothesen?
Kuzmics: Ältere Modelle gehen davon aus, dass Parteien vor allem um die Stimmen der Menschen in der Mitte konkurrieren. Folglich sollten sich die beiden großen US-Parteien in der politischen Mitte positionieren, um möglichst viele Wähler:innen zu erreichen. Stattdessen entfernen sie sich immer weiter voneinander. Die alten Modelle berücksichtigen jedoch zu wenig, dass Wähler:innen nicht automatisch zur Wahl gehen. Mehr Polarisierung müsste also nicht zwangsläufig zu einer höheren Wahlbeteiligung führen. Gerade in den USA lässt sich dieser Zusammenhang nicht eindeutig beobachten. Unser Modell soll erklären, warum das so ist.