Die drei Symbole für Judentum (Davidstern), Christentum (Kreuz) und Islam (Mondsichel) vor einem Gebirgszug
Religion kann für Geflüchtete eine Ressource zur Krisenbewältigung sein. Zur Radikalisierung führt ein religiöses Leben eher nicht, zeigt die Forschung. © Joshua Kettle, unsplash

Der Krieg in Syrien sprengte ein Land, in dem verschiedene religiöse Gemeinschaften nebeneinander lebten – neben der Hauptgruppe der sunnitischen Muslim:innen auch schiitische, alawitische und christliche Minderheiten. Angehörige aller Glaubensrichtungen wurden vertrieben. Ein Teil von ihnen erreichte europäische Staaten, in denen Religion – darunter auch der christliche Glaube – kulturell anders gelebt wird als im Vorkriegssyrien. Der politische Blick auf Geflüchtete ist in vielen Aufnahmeländern Europas zudem von einem antimuslimischen Diskurs geprägt. Insbesondere populistische Parteien präsentieren sich als Hüterinnen eines christlichen Abendlandes und zeichnen Muslim:innen als Bedrohung für die Sicherheit.

Mit diesen Bedingungen müssen sich die Vertriebenen zwangsläufig auseinandersetzen. Die Frage, welche Auswirkung dies auf die Religiosität der syrischen Geflüchteten hat, ist in der soziologischen und religionswissenschaftlichen Forschung aber noch kaum gestellt worden. Das länderübergreifende Projekt „Zwischen Intensivierung und Relativierung“, das in Österreich vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird, nahm sich dieser Thematik an. Ein Team um Regina Polak und Christoph Novak vom Institut für Praktische Theologie der Universität Wien kooperiert dafür mit Wissenschaftler:innen der Universitäten Göttingen und Luzern. Nicht nur eine Gegenüberstellung von Österreich, Deutschland und der Schweiz mit ihren unterschiedlichen sozialen und politischen Rahmenbedingungen, auch ein Vergleich zwischen muslimischen und christlichen Vertriebenen entsteht im Rahmen des Projekts.

„Es gibt eine Reihe von Gründen, warum wir syrische Flüchtlinge in den Fokus unserer Forschung rücken“, erklärt Novak. „Die Gruppe ist relativ groß und sie besteht aus verschiedenen muslimischen und christlichen Fraktionen. In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Flüchtlingen wird dieser hohen Pluralität aber kaum Rechnung getragen. Gleichzeitig gibt es noch einige Lücken in der empirischen Forschung über den Zusammenhang von Migration und Religiosität.“ Noch nicht einmal das Religionsbekenntnis der syrischen Flüchtlinge wurde konsequent erhoben.

Das Projekt

Wie verändert Flucht den Glauben? Dieses Forschungsprojekt untersucht erstmals, wie sich Religiosität syrischer Flüchtlinge in Österreich, Deutschland und der Schweiz seit 2011 entwickelt hat. Im Spannungsfeld von Migration, gesellschaftlichen Debatten und religiöser Zugehörigkeit werden die Erfahrungen muslimischer und christlicher Geflüchteter vergleichend analysiert. 

„Religion und Kultur sind bei vielen Flüchtlingen eng verknüpft. “

Neues theoretisches Besteck

Das Projekt tritt jedoch nicht an, fehlendes Zahlenmaterial zu liefern, sondern möchte verstehen, ob, wie und warum sich Religion durch Flucht verändert. „Im Zuge unserer qualitativen Forschungen wollen wir Muster und Mechanismen sichtbar machen, um herauszufinden, ob Religion an Bedeutung gewinnt oder verliert“, betont Novak. Dabei hat sich bereits gezeigt, dass es einer Weiterentwicklung des theoretischen Ansatzes bedarf: „Religiöse Identitäten sind mehrschichtig und erscheinen oft widersprüchlich. Die binäre Vorstellung – Menschen werden religiöser oder weniger religiös – funktioniert deshalb nicht wirklich gut“, sagt Novak. „Wir sind deshalb gerade dabei, das theoretische Besteck zu erweitern.“

Methodisch standen neben Expertenbefragungen Interviews mit christlichen und muslimischen Vertriebenen aus Syrien im Vordergrund. „Wir haben nach dem religiösen Leben in Syrien und dann im Aufnahmeland gefragt – und danach, was sich verändert hat“, veranschaulicht Novak. Ergänzt wurden sie mit einer Einladung, den religiösen Alltag in Fotos festzuhalten. Der partizipative Ansatz des Photovoice-Approach gibt den Teilnehmenden Freiheit für eigene Assoziationen. Die Bilder werden später in separaten Interviews erneut mit den Forschenden besprochen.

Die Interviews machen für die Forschenden deutlich, wie stark Religion und Kultur bei den syrischen Flüchtlingen miteinander verbunden sind – sowohl bei Christ:innen als auch bei Muslim:innen. Religiöse Rituale und Feste sind stark im Alltag verhaftet und ein wesentlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens. Auch die Fotodokumentation der Geflüchteten veranschaulicht diese Einbettung in die Kultur – die Bilder zeigen etwa die vielen Glaubenssymbole in den Wohnungen, machen den Stellenwert von Bibel und Koran deutlich oder geben Einblick in eine Weihnachtspraxis, die intensiver gelebt wird als in Europa üblich.

„Bei den christlichen Befragten erinnerte mich die Art des Praktizierens stark an die Zeit, als der Katholizismus noch eine kulturreligiöse, flächendeckende Wirklichkeit in Österreich war. Wie damals bei uns vor ein, zwei Generationen gibt es bei den syrischen Christ:innen etwa noch die rituellen gegenseitigen Besuche zur Weihnachts- oder Osterzeit“, vergleicht Polak. „In Europa treffen die Flüchtlinge aber auf eine Kultur, in der Religion weitgehend aus dem gesellschaftlichen Alltag herausgenommen und ins Private verschoben ist. Diese Entflechtung stellt für sie ein neues Phänomen dar, mit dem sie zurechtkommen müssen.“

Zwei junge Musliminnen spazieren in einem Park in urbaner Umgebung
Der antimuslimische Diskurs in Österreich, beeinflusst muslimische Frauen besonders stark. © Pexels

Nicht jede:r Muslim:in ist gläubig

Auch eine Identifikation als Muslim:in verweist in erster Linie auf ein praktisches kulturelles Leben und kann nicht automatisch als religiöses Bekenntnis begriffen werden. „Die Selbstbezeichnung als Muslim:in lässt noch kaum Rückschlüsse auf eine innere Überzeugung zu. Diese Differenz war auch in den Interviews immer wieder ersichtlich“, sagt Polak. „Ein Teilnehmer in Deutschland hat mich diesbezüglich sehr beeindruckt: Der Befragte präsentierte ein generelles Selbstverständnis als Muslim, das eine intensive Gläubigkeit vermuten ließ. Auf die konkrete Nachfrage, welche Bedeutung Religion für ihn persönlich habe, hat er sich dann als Atheist bezeichnet.“ Das neue religiöse Umfeld in Europa wird zum Teil widersprüchlich erfahren. „Die Migrant:innen stellen sich auf ein christliches Europa mit seinen vielen Feiertagen und Kirchen ein, sehen dann aber, dass diese Kirchen alle leer bleiben. Muslim:innen wollen die Religionsfreiheit für sich in Anspruch nehmen, bemerken aber, dass Beten im Park oder während der Arbeitszeit nicht akzeptiert ist“, veranschaulicht Polak.

Die Forschenden sind dabei, das erhobene Material im Detail zu analysieren. „Der erste Eindruck ist, dass der nationale Kontext – also ob die Flüchtlinge in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz aufgenommen wurden – verhältnismäßig wenig Einfluss auf das religiöse Leben hat“, sagt Novak. Individuelle Entwicklungslinien stehen im Vordergrund: „Wenn etwa in Syrien die Religiosität lediglich vom gesellschaftlichen Leben getragen war, nicht durch eigene Motivation, bleibt durch den Verlust des sozialen Kontexts auf der Flucht auch das Praktizieren auf der Strecke“, gibt der Forscher ein Beispiel.

Spürbare Konsequenzen der Kopftuchdebatte

Der antimuslimische gesellschaftliche Diskurs, wie er in Österreich vorherrscht, beeinflusst muslimische Frauen besonders stark. „Die Kopftuchdebatte hat Folgen: Frauen, die das Kopftuch tragen wollen, betonen, dass es schwer sei, Religion öffentlich zu leben“, erklärt Novak. „Ansonsten war auffällig, dass besonders viele Teilnehmende in Österreich den Muezzin vermissen. In den beiden anderen Ländern war das dagegen kaum ein Thema. Bisher konnten wir dafür auch noch keine Erklärung finden.“ Die antimuslimischen Ressentiments betreffen auch die christlichen Flüchtlinge, fügt Polak hinzu. „Christ:innen mit dunkler Hautfarbe machen ebenfalls rassistische Erfahrungen. Um sich davor zu schützen, führt das in manchen Fällen zu einer indirekten Distanzierung. Betroffene betonen dann, keine Muslim:innen zu sein.“

Religion erweist sich in der Diaspora oft als Ressource zur Krisenbewältigung. Ein starres, konservierendes Festhalten an der Glaubenspraxis oder eine pauschale Flucht in die Religiosität konnten die Forschenden allerdings nicht feststellen. „Manche Interviewpartner:innen legen darauf Wert, positive Erfahrungen im Heimatland an ihre Kinder weiterzugeben. Das kann dazu führen, dass diese sehr religiös erzogen werden. Religion dient dabei nicht einer individuellen Stabilisierung, sondern einer Sicherung von Identität über Generationen hinweg“, analysiert Polak.

Intakte Community beugt Radikalisierung vor

Eine Radikalisierung, die in den gesellschaftlichen Debatten oft befürchtet wird, ist selten die Folge eines intensivierten religiösen Lebens. „Die Radikalisierungsforschung zeigt, dass Menschen, die religiös in ihre Community eingebettet sind und ihren Glauben im Alltag zum Ausdruck bringen können, nicht zum Fundamentalismus neigen“, erklärt Polak. „Bei jenen, die sich von Glaubensgemeinschaften entfernen, einsam sind und Religion vielleicht über Social Media entdecken, ist hingegen die Gefahr einer Radikalisierung vorhanden.“

Polak nimmt deshalb auch die Kirchen und religiösen Communitys in die Pflicht. „Aus den Interviews lernen wir, dass die Schwierigkeiten mit dem Ausmaß der Individualisierung zunehmen. Die Communitys sollten bei der Frage, wie man im neuen Land die eigene Religion leben kann, Unterstützung bieten“, sagt die Pastoraltheologin. „Die Kirchen müssen sensibler sein für die Herausforderungen des Ankommens in einer neuen Kultur.“ Gleichzeitig sollten Europas Gesellschaften lernen, Integrationsprobleme nicht reflexartig mit Religion zu begründen. „Unser Projekt zeigt, dass religiöse Menschen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld auf Schwierigkeiten treffen“, sagt Novak. „Deshalb würde ein entspannterer Umgang mit Religion in der Gesellschaft wohl allen Beteiligten helfen.“

Zu den Personen

Regina Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog und stellvertretende Institutsvorständin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien. Die katholische Pastoraltheologin hat Philosophie und Theologie in Wien sowie Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess in Salzburg studiert. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Religions- und Werteforschung, Migration und Spiritualität.

Christoph Novak ist Wissenschaftler am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien und Research Fellow am Zentrum für Europapolitik und Demokratieforschung der Universität für Weiterbildung Krems. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem im Bereich religiöser und sozialer Diversität, Stadtforschung und Transformationen der Demokratie. Das von 2024 bis 2027 laufende Projekt „Zwischen Intensivierung und Relativierung“ wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 270.000 Euro kofinanziert.