Wie verÀndert die Flucht nach Europa den Glauben?
Der Krieg in Syrien sprengte ein Land, in dem verschiedene religiöse Gemeinschaften nebeneinander lebten â neben der Hauptgruppe der sunnitischen Muslim:innen auch schiitische, alawitische und christliche Minderheiten. Angehörige aller Glaubensrichtungen wurden vertrieben. Ein Teil von ihnen erreichte europĂ€ische Staaten, in denen Religion â darunter auch der christliche Glaube â kulturell anders gelebt wird als im Vorkriegssyrien. Der politische Blick auf GeflĂŒchtete ist in vielen AufnahmelĂ€ndern Europas zudem von einem antimuslimischen Diskurs geprĂ€gt. Insbesondere populistische Parteien prĂ€sentieren sich als HĂŒterinnen eines christlichen Abendlandes und zeichnen Muslim:innen als Bedrohung fĂŒr die Sicherheit.
Mit diesen Bedingungen mĂŒssen sich die Vertriebenen zwangslĂ€ufig auseinandersetzen. Die Frage, welche Auswirkung dies auf die ReligiositĂ€t der syrischen GeflĂŒchteten hat, ist in der soziologischen und religionswissenschaftlichen Forschung aber noch kaum gestellt worden. Das lĂ€nderĂŒbergreifende Projekt âZwischen Intensivierung und Relativierungâ, das in Ăsterreich vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird, nahm sich dieser Thematik an. Ein Team um Regina Polak und Christoph Novak vom Institut fĂŒr Praktische Theologie der UniversitĂ€t Wien kooperiert dafĂŒr mit Wissenschaftler:innen der UniversitĂ€ten Göttingen und Luzern. Nicht nur eine GegenĂŒberstellung von Ăsterreich, Deutschland und der Schweiz mit ihren unterschiedlichen sozialen und politischen Rahmenbedingungen, auch ein Vergleich zwischen muslimischen und christlichen Vertriebenen entsteht im Rahmen des Projekts.
âEs gibt eine Reihe von GrĂŒnden, warum wir syrische FlĂŒchtlinge in den Fokus unserer Forschung rĂŒckenâ, erklĂ€rt Novak. âDie Gruppe ist relativ groĂ und sie besteht aus verschiedenen muslimischen und christlichen Fraktionen. In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit FlĂŒchtlingen wird dieser hohen PluralitĂ€t aber kaum Rechnung getragen. Gleichzeitig gibt es noch einige LĂŒcken in der empirischen Forschung ĂŒber den Zusammenhang von Migration und ReligiositĂ€t.â Noch nicht einmal das Religionsbekenntnis der syrischen FlĂŒchtlinge wurde konsequent erhoben.
Das Projekt
Wie verĂ€ndert Flucht den Glauben? Dieses Forschungsprojekt untersucht erstmals, wie sich ReligiositĂ€t syrischer FlĂŒchtlinge in Ăsterreich, Deutschland und der Schweiz seit 2011 entwickelt hat. Im Spannungsfeld von Migration, gesellschaftlichen Debatten und religiöser Zugehörigkeit werden die Erfahrungen muslimischer und christlicher GeflĂŒchteter vergleichend analysiert.
âReligion und Kultur sind bei vielen FlĂŒchtlingen eng verknĂŒpft. â
Neues theoretisches Besteck
Das Projekt tritt jedoch nicht an, fehlendes Zahlenmaterial zu liefern, sondern möchte verstehen, ob, wie und warum sich Religion durch Flucht verĂ€ndert. âIm Zuge unserer qualitativen Forschungen wollen wir Muster und Mechanismen sichtbar machen, um herauszufinden, ob Religion an Bedeutung gewinnt oder verliertâ, betont Novak. Dabei hat sich bereits gezeigt, dass es einer Weiterentwicklung des theoretischen Ansatzes bedarf: âReligiöse IdentitĂ€ten sind mehrschichtig und erscheinen oft widersprĂŒchlich. Die binĂ€re Vorstellung â Menschen werden religiöser oder weniger religiös â funktioniert deshalb nicht wirklich gutâ, sagt Novak. âWir sind deshalb gerade dabei, das theoretische Besteck zu erweitern.â
Methodisch standen neben Expertenbefragungen Interviews mit christlichen und muslimischen Vertriebenen aus Syrien im Vordergrund. âWir haben nach dem religiösen Leben in Syrien und dann im Aufnahmeland gefragt â und danach, was sich verĂ€ndert hatâ, veranschaulicht Novak. ErgĂ€nzt wurden sie mit einer Einladung, den religiösen Alltag in Fotos festzuhalten. Der partizipative Ansatz des Photovoice-Approach gibt den Teilnehmenden Freiheit fĂŒr eigene Assoziationen. Die Bilder werden spĂ€ter in separaten Interviews erneut mit den Forschenden besprochen.
Die Interviews machen fĂŒr die Forschenden deutlich, wie stark Religion und Kultur bei den syrischen FlĂŒchtlingen miteinander verbunden sind â sowohl bei Christ:innen als auch bei Muslim:innen. Religiöse Rituale und Feste sind stark im Alltag verhaftet und ein wesentlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens. Auch die Fotodokumentation der GeflĂŒchteten veranschaulicht diese Einbettung in die Kultur â die Bilder zeigen etwa die vielen Glaubenssymbole in den Wohnungen, machen den Stellenwert von Bibel und Koran deutlich oder geben Einblick in eine Weihnachtspraxis, die intensiver gelebt wird als in Europa ĂŒblich.
âBei den christlichen Befragten erinnerte mich die Art des Praktizierens stark an die Zeit, als der Katholizismus noch eine kulturreligiöse, flĂ€chendeckende Wirklichkeit in Ăsterreich war. Wie damals bei uns vor ein, zwei Generationen gibt es bei den syrischen Christ:innen etwa noch die rituellen gegenseitigen Besuche zur Weihnachts- oder Osterzeitâ, vergleicht Polak. âIn Europa treffen die FlĂŒchtlinge aber auf eine Kultur, in der Religion weitgehend aus dem gesellschaftlichen Alltag herausgenommen und ins Private verschoben ist. Diese Entflechtung stellt fĂŒr sie ein neues PhĂ€nomen dar, mit dem sie zurechtkommen mĂŒssen.â
Nicht jede:r Muslim:in ist glÀubig
Auch eine Identifikation als Muslim:in verweist in erster Linie auf ein praktisches kulturelles Leben und kann nicht automatisch als religiöses Bekenntnis begriffen werden. âDie Selbstbezeichnung als Muslim:in lĂ€sst noch kaum RĂŒckschlĂŒsse auf eine innere Ăberzeugung zu. Diese Differenz war auch in den Interviews immer wieder ersichtlichâ, sagt Polak. âEin Teilnehmer in Deutschland hat mich diesbezĂŒglich sehr beeindruckt: Der Befragte prĂ€sentierte ein generelles SelbstverstĂ€ndnis als Muslim, das eine intensive GlĂ€ubigkeit vermuten lieĂ. Auf die konkrete Nachfrage, welche Bedeutung Religion fĂŒr ihn persönlich habe, hat er sich dann als Atheist bezeichnet.â Das neue religiöse Umfeld in Europa wird zum Teil widersprĂŒchlich erfahren. âDie Migrant:innen stellen sich auf ein christliches Europa mit seinen vielen Feiertagen und Kirchen ein, sehen dann aber, dass diese Kirchen alle leer bleiben. Muslim:innen wollen die Religionsfreiheit fĂŒr sich in Anspruch nehmen, bemerken aber, dass Beten im Park oder wĂ€hrend der Arbeitszeit nicht akzeptiert istâ, veranschaulicht Polak.
Die Forschenden sind dabei, das erhobene Material im Detail zu analysieren. âDer erste Eindruck ist, dass der nationale Kontext â also ob die FlĂŒchtlinge in Deutschland, in Ăsterreich oder in der Schweiz aufgenommen wurden â verhĂ€ltnismĂ€Ăig wenig Einfluss auf das religiöse Leben hatâ, sagt Novak. Individuelle Entwicklungslinien stehen im Vordergrund: âWenn etwa in Syrien die ReligiositĂ€t lediglich vom gesellschaftlichen Leben getragen war, nicht durch eigene Motivation, bleibt durch den Verlust des sozialen Kontexts auf der Flucht auch das Praktizieren auf der Streckeâ, gibt der Forscher ein Beispiel.
SpĂŒrbare Konsequenzen der Kopftuchdebatte
Der antimuslimische gesellschaftliche Diskurs, wie er in Ăsterreich vorherrscht, beeinflusst muslimische Frauen besonders stark. âDie Kopftuchdebatte hat Folgen: Frauen, die das Kopftuch tragen wollen, betonen, dass es schwer sei, Religion öffentlich zu lebenâ, erklĂ€rt Novak. âAnsonsten war auffĂ€llig, dass besonders viele Teilnehmende in Ăsterreich den Muezzin vermissen. In den beiden anderen LĂ€ndern war das dagegen kaum ein Thema. Bisher konnten wir dafĂŒr auch noch keine ErklĂ€rung finden.â Die antimuslimischen Ressentiments betreffen auch die christlichen FlĂŒchtlinge, fĂŒgt Polak hinzu. âChrist:innen mit dunkler Hautfarbe machen ebenfalls rassistische Erfahrungen. Um sich davor zu schĂŒtzen, fĂŒhrt das in manchen FĂ€llen zu einer indirekten Distanzierung. Betroffene betonen dann, keine Muslim:innen zu sein.â
Religion erweist sich in der Diaspora oft als Ressource zur KrisenbewĂ€ltigung. Ein starres, konservierendes Festhalten an der Glaubenspraxis oder eine pauschale Flucht in die ReligiositĂ€t konnten die Forschenden allerdings nicht feststellen. âManche Interviewpartner:innen legen darauf Wert, positive Erfahrungen im Heimatland an ihre Kinder weiterzugeben. Das kann dazu fĂŒhren, dass diese sehr religiös erzogen werden. Religion dient dabei nicht einer individuellen Stabilisierung, sondern einer Sicherung von IdentitĂ€t ĂŒber Generationen hinwegâ, analysiert Polak.
Intakte Community beugt Radikalisierung vor
Eine Radikalisierung, die in den gesellschaftlichen Debatten oft befĂŒrchtet wird, ist selten die Folge eines intensivierten religiösen Lebens. âDie Radikalisierungsforschung zeigt, dass Menschen, die religiös in ihre Community eingebettet sind und ihren Glauben im Alltag zum Ausdruck bringen können, nicht zum Fundamentalismus neigenâ, erklĂ€rt Polak. âBei jenen, die sich von Glaubensgemeinschaften entfernen, einsam sind und Religion vielleicht ĂŒber Social Media entdecken, ist hingegen die Gefahr einer Radikalisierung vorhanden.â
Polak nimmt deshalb auch die Kirchen und religiösen Communitys in die Pflicht. âAus den Interviews lernen wir, dass die Schwierigkeiten mit dem AusmaĂ der Individualisierung zunehmen. Die Communitys sollten bei der Frage, wie man im neuen Land die eigene Religion leben kann, UnterstĂŒtzung bietenâ, sagt die Pastoraltheologin. âDie Kirchen mĂŒssen sensibler sein fĂŒr die Herausforderungen des Ankommens in einer neuen Kultur.â Gleichzeitig sollten Europas Gesellschaften lernen, Integrationsprobleme nicht reflexartig mit Religion zu begrĂŒnden. âUnser Projekt zeigt, dass religiöse Menschen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld auf Schwierigkeiten treffenâ, sagt Novak. âDeshalb wĂŒrde ein entspannterer Umgang mit Religion in der Gesellschaft wohl allen Beteiligten helfen.â
Zu den Personen
Regina Polak ist Professorin fĂŒr Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog und stellvertretende InstitutsvorstĂ€ndin am Institut fĂŒr Praktische Theologie der UniversitĂ€t Wien. Die katholische Pastoraltheologin hat Philosophie und Theologie in Wien sowie Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess in Salzburg studiert. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Religions- und Werteforschung, Migration und SpiritualitĂ€t.
Christoph Novak ist Wissenschaftler am Institut fĂŒr Praktische Theologie der UniversitĂ€t Wien und Research Fellow am Zentrum fĂŒr Europapolitik und Demokratieforschung der UniversitĂ€t fĂŒr Weiterbildung Krems. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem im Bereich religiöser und sozialer DiversitĂ€t, Stadtforschung und Transformationen der Demokratie. Das von 2024 bis 2027 laufende Projekt âZwischen Intensivierung und Relativierungâ wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 270.000 Euro kofinanziert.