Porträt eines jungen Forschenden mit Sonnenbrille und rotem Hemd auf einem Platz im Freien
Der Mathematiker Jakob Möller forscht in Paris an Gleichungen, die von Namensgeber seines Stipendiums, Erwin Schrödinger, mitbegründet wurden. © privat

Bei Paris denken die meisten höchstwahrscheinlich an gutes Essen, Haute Couture oder den Louvre. Doch Paris ist nicht nur ein globales Zentrum der Mode, der Kunst und der Sternegastronomie, sondern auch eine der wissenschaftlich aktivsten Regionen Europas, wenn nicht sogar der Welt. Dabei macht die Mathematik keine Ausnahme: An Dutzenden Universitäten, Instituten und Grandes Écoles forschen unzählige Mathematiker:innen von höchstem Niveau an Problemen aus allen Bereichen der Mathematik und ihren Anwendungen.

Seit nun etwas mehr als einem Jahr darf ich dank des Erwin-Schrödinger-Stipendiums des Wissenschaftsfonds FWF Teil dieser lebendigen Community sein. Dass Paris das Ziel meines Auslandsaufenthaltes sein würde, war schon früh klar, da zwischen Österreich und Frankreich enge mathematische Bande bestehen. Schon während meines Doktorats konnte ich viele Kontakte knüpfen, von denen ich nun profitiere.

Großes Forschungsgebäude vor einem See
An der École Polytechnique in Paris forschen die angesehensten Mathematiker:innen der Welt. © Wikimedia

Unbezahlbare Auslandserfahrungen

Meine Forschungsstätte ist die École Polytechnique, eine sogenannte Grande École. Das ist eine Art von Hochschule, bei der Kandidat:innen durch ein strenges Auswahlverfahren gehen müssen, um aufgenommen zu werden – in Österreich gibt es das nicht. Die Grandes Écoles führen zwar einerseits zu Exzellenz, werden aber auch oft wegen ihres Elitarismus kritisiert.

Durch die bei uns grundsätzlich sehr liberalen Zugangsregeln ist diese Kultur für einen aus Österreich kommenden Wissenschaftler etwas fremd. Doch im wissenschaftlichen Alltag merke ich wenig davon, denn meine Community ist zwar einerseits extrem leistungsstark, aber auch äußerst großzügig und hilfsbereit. Und aufgrund der Dichte an großartigen Kolleg:innen ist gleichzeitig die Motivation sehr hoch. Hier merke ich, dass Auslandserfahrungen für Wissenschaftler:innen von herausragender Bedeutung sind, um sich weiterzuentwickeln und neue Herausforderungen zu finden.

Wien schreibt Mathematikgeschichte  

Ich arbeite an Problemen der mathematischen Physik und Modellierung, wobei mein Fokus auf der Analyse von Gleichungen aus der Quantenphysik liegt, die durch den Namensgeber des Erwin-Schrödinger-Stipendiums entscheidend mitbegründet wurde. Die nach ihm benannte Schrödinger-Gleichung bildet dabei die Grundlage. Eine der Gleichungen, mit denen ich mich beschäftige, ist die Pauli-Gleichung, die ebenfalls nach einem Wiener benannt ist: Wolfgang Pauli (Physiknobelpreis 1945). Sie ist eine Verallgemeinerung der Schrödinger-Gleichung und beschreibt ein Elektron mit Spin im Magnetfeld.

Mathematische Formel an einer Kreidetafel
Paris ist ein Hotspot der internationalen Mathematik. Hier wird etwa an Analysen von Gleichungen aus der Quantenphysik geforscht. © Jakob Möller

Eine wichtige Forschungsfrage ist das Verhalten im klassischen Grenzwert, das heißt der Übergang zu einer Situation, die durch Newtons Bewegungsgleichungen hinreichend genau beschrieben werden kann, und bei der Quanteneffekte vernachlässigt werden können. Oft sind die Gleichungen, die man dadurch erhält, sogenannte kinetische Gleichungen, die u.a. von Ludwig Boltzmann, einem weiteren Wiener Physiker, begründet wurden und deren Studium eine lange Tradition in Frankreich hat. So zeigt sich wieder die enge Verbindung zwischen der österreichischen und französischen Forschungsgemeinschaft der Mathematik.

Die Entscheidung, nach Paris zu gehen, war also goldrichtig: Ich kann meine im Doktorat erworbenen Kenntnisse gut einbringen, meine Forschung nahtlos fortsetzen und meinen wissenschaftlichen Horizont in einer fruchtbaren Umgebung erweitern. Die Stadt lässt, wie eingangs angedeutet, nichts zu wünschen übrig, was das kulinarische, kulturelle und soziale Herz begehrt, außer dass ich meine großzügige Wiener Wohnung gegen ein winziges Pariser Apartment eintauschen musste. Aber das war es allemal wert.