Mann lĂ€chelnd in weißem Hemd schaut durch eine Station fĂŒr Physikexperimente hindurch
Der Quantenphysiker Markus Aspelmeyer hofft, eines der grĂ¶ĂŸten ungelösten Probleme der Physik zu lösen: Ist die Schwerkraft quantenmechanischer Natur? Seine Forschung, fĂŒr die er den FWF-Wittgenstein-Preis 2026 erhĂ€lt, könnte den Weg zu einem völlig neuen VerstĂ€ndnis der Naturgesetze ebnen. © FWF/Der Knopfdruecker

Ihre Forschung geht der Frage nach, ob Gravitation den Gesetzen der Quantenwelt folgt. Können Sie die Stoßrichtung Ihrer Arbeit kurz skizzieren?

Markus Aspelmeyer: In der Quantenwelt können sich Objekte so verhalten, als wĂ€ren sie an zwei Orten gleichzeitig. Dieses PhĂ€nomen der QuantenĂŒberlagerung oder auch Superposition widerspricht unserer Alltagserfahrung vollstĂ€ndig, ist in Experimenten aber nachweisbar. Gleichzeitig wissen wir, dass jede Masse eine Quelle von Gravitation ist. Albert Einstein hat gezeigt, dass sich die Raumzeit um Masse krĂŒmmt und diese KrĂŒmmung fĂŒr die Gravitationseffekte verantwortlich ist.

Die Frage, die allerdings noch offen ist, lautet: Was passiert mit dem Gravitationsfeld eines Objekts, das sich in QuantenĂŒberlagerung befindet? Wir nehmen an, dass die Raumzeit selbst ebenfalls in Überlagerung sein muss. Jedoch haben wir bisher keinen experimentellen Nachweis dafĂŒr. Wir möchten also herausfinden, ob es Gravitationsexperimente gibt, die sich nicht mehr durch Einsteins RelativitĂ€tstheorie erklĂ€ren lassen, sondern fĂŒr die eine Quantentheorie der Gravitation nötig ist.

Wie kann man sich ein Experiment dieser Art vorstellen?

Aspelmeyer: In den letzten 20 Jahren haben wir Methoden entwickelt, mit denen wir Festkörper in der GrĂ¶ĂŸe eines Sandkorns so manipulieren können, dass sie mit den Gesetzen der Quantenphysik beschrieben werden mĂŒssen. Diese Quantenobjekte bestehen aus vielen Milliarden Atomen und sind teilweise bereits mit freiem Auge sichtbar. Damit sind sie groß genug, um die Frage zu stellen, ob man ihr Gravitationsfeld messen kann.

Einerseits wollen wir diese Objekte noch grĂ¶ĂŸer machen. Andererseits entwickeln wir extrem prĂ€zise Messsysteme, um die Gravitation von kleinsten Massen erfassen zu können. Noch trennen uns mehrere GrĂ¶ĂŸenordnungen davon, diese beiden Welten zusammenzufĂŒhren. Eine zweite Aufgabe ist noch schwieriger: Wir mĂŒssen die Quantenobjekte in Überlagerung bringen und die Gravitationsfelder der beiden ÜberlagerungszustĂ€nde separat messen können.

„Wir sind die einzige Gruppe weltweit, die mit kleinen Massen sowohl Gravitations- als auch Quantenexperimente macht. “ Markus Aspelmeyer

Inwiefern kommt man damit einer „Weltformel“ nĂ€her, die RelativitĂ€tstheorie und Quantenmechanik zusammenfĂŒhrt?

Aspelmeyer: Schon Einstein hat angemerkt, dass die Allgemeine RelativitĂ€tstheorie nicht ausreicht, um alle GravitationsphĂ€nomene zu beschreiben. Er ging davon aus, dass mit einer Quantentheorie auch die damals neue Gravitationstheorie modifiziert werden mĂŒsse. Sind wir erfolgreich, wĂŒrde sich diese Vermutung bestĂ€tigen. Wir wĂ€ren dann sicher, dass es auch eine Quantentheorie der Gravitation geben muss. Am Papier existieren theoretische ErklĂ€rungsmodelle. Wir wissen aber nicht, ob sie tatsĂ€chlich die Natur beschreiben – weil es bisher nicht möglich war, sie zu testen.

NobelpreistrĂ€ger Anton Zeilinger hat durch seine quantenoptischen DurchbrĂŒche die Quantenphysik revolutioniert. Inwiefern bauen Sie bei Ihrer Arbeit auch auf seiner Grundlagenforschung auf?

Aspelmeyer: Ohne Zeilinger wĂ€re ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Er hatte den Mut, mich in seine Gruppe aufzunehmen, obwohl ich aus einem ganz anderen Forschungsfeld – der Festkörperphysik – komme. Das hat mich zu meiner langjĂ€hrigen BeschĂ€ftigung mit Quanteneigenschaften von Festkörperobjekten gefĂŒhrt. Ich war damals Teil einer neu gegrĂŒndeten Nachwuchsgruppe in Wien und habe von Zeilinger volle Freiheit bekommen, meine Ideen zu verfolgen. Der nĂ€chste Schritt war dann der Schwenk hin zur Gravitation – ein weiterer thematischer Bruch in meiner Forschungslaufbahn.

(c) UniversitÀt Wien

FĂŒr Experimente im Bereich der Quantenphysik mĂŒssen oft aufwendige Instrumente neu entwickelt werden, die auch fĂŒr eine weitere Anwendungsforschung interessant sind. Kann sich aus Ihrer Forschungsarbeit auch eine kommerzielle Nutzbarkeit ergeben?

Aspelmeyer: Ja, durchaus. Der Bereich der Sensorik ist naheliegend. Wir mĂŒssen bei unseren Instrumenten in Bereiche vordringen, die bisher nicht messbar waren – etwa um Gravitation auf kleinsten Skalen zu erfassen. Diese Art von Quantensensoren mĂŒssen wir von Grund auf entwickeln. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es dafĂŒr auch einen Markt gibt. Wenn Bedarf da ist und es Leute mit Interesse an Anwendungsforschung in der Gruppe gibt, steht einer Kommerzialisierung nichts entgegen. In Österreich gibt es dafĂŒr ja viele attraktive Möglichkeiten.

Zum Forschungsprojekt

Die Forschungsgruppe von Markus Aspelmeyer sucht nach einem experimentellen Nachweis fĂŒr die Annahme, dass auch die Gravitation eine quantenmechanische Beschreibung erfordert. Das Ziel ist, Festkörper-Quantensysteme so massereich zu machen, dass diese selbst messbare Gravitationsfelder erzeugen. Anhand von Quantenobjekten dieser Art soll untersucht werden, ob das PhĂ€nomen der QuantenĂŒberlagerung auch Gravitationsfelder betrifft. Damit wĂ€re der Beweis erbracht, dass sich auch die Raumzeit selbst in eine QuantenĂŒberlagerung bringen lĂ€sst.

Der Wittgenstein-Preis verleiht Ihrer Forschungsgruppe neuen Freiraum. Welche Auswirkungen wird das auf Ihre Arbeit und das Erreichen des Forschungsziels haben?

Aspelmeyer: Die neue Finanzierung wird unsere Forschung definitiv nach vorne katapultieren. Wir sind derzeit die einzige Gruppe weltweit, die mit kleinen Massen sowohl Gravitations- als auch Quantenexperimente macht. In beiden Bereichen versuchen wir, Rekorde zu brechen. Der Wittgenstein-Preis gibt uns UnabhÀngigkeit und Momentum, um unseren einzigartigen Ansatz voranzutreiben. Wir spielen mit unserer Forschung in der Champions League und die Auszeichnung ist ein wichtiger Schritt Richtung Meisterschaft.

Wie sehen nun erste weitere Schritte aus?

Aspelmeyer: Unsere wichtigste Ressource ist das Personal. Wir haben ein gutes internationales Bewerberfeld und wir werden uns bemĂŒhen, dass wir herausragende Forscher:innen aus aller Welt ins Team hineinbekommen. Die Gruppe ist schon jetzt sehr international mit Leuten aus 17 Nationen. Wir mĂŒssen zudem genau ĂŒberlegen, wo wir bei den bereits laufenden Experimenten nachschĂ€rfen, wo wir die Gangart Ă€ndern. Mir wurde einmal gesagt, die schwierigste Entscheidung sei, welches Experiment man aufhört, nicht welches man anfĂ€ngt. Da ist etwas dran.

Ist das Wettrennen nach dem Heiligen Gral der Physik – herauszufinden, wie RelativitĂ€tstheorie und Quantenwelt zusammenhĂ€ngen – Ihr eigentlicher Antrieb, oder hat sich dieses Ziel organisch aus Ihrer bisherigen Forschung ergeben?

Aspelmeyer: Auf jeden Fall Letzteres. Ich habe immer nur das gemacht, was mich interessiert hat. Unsere Motivation ist intrinsisch. Ich habe mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass der Wettbewerb erst nach dem Erfolg kommt: Man schafft als Erstes ein tolles Experiment, generiert dadurch Aufmerksamkeit und andere Forschungsgruppen beginnen sich fĂŒr das Thema zu interessieren. Es ist aber eine „friendly competition“: Man lernt voneinander, hĂ€lt sich auf dem Laufenden und treibt gemeinsam das Forschungsfeld voran. Letztlich gibt es kaum etwas Schöneres, als zu beobachten, wie eine Community heranwĂ€chst – wie aus ein paar Ideen, die man ursprĂŒnglich verfolgt hat, eine ganze Gemeinschaft entsteht.

Zur Person

Markus Aspelmeyer ist wissenschaftlicher und geschĂ€ftsfĂŒhrender Direktor des Instituts fĂŒr Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Professor an der FakultĂ€t fĂŒr Physik der UniversitĂ€t Wien. Sein Forschungsfokus liegt auf makroskopischer Quantenphysik, Gravitations-Quantenphysik und der quantenoptischen Kontrolle von Festkörpern. Er hat mehrere Grants des EuropĂ€ischen Forschungsrats ERC eingeworben. Der Wissenschaftsfonds FWF förderte Aspelmeyers Arbeit bisher sowohl mit einem START-Preis als auch mit einer Reihe von Projektfinanzierungen.

Der Wittgenstein-Preis

Der FWF-Wittgenstein-Preis ist Österreichs höchstdotierter Wissenschaftspreis und richtet sich an exzellente Forschende aller Fachdisziplinen. Die mit 2 Millionen Euro dotierte Auszeichnung unterstĂŒtzt die Forschung der PreistrĂ€ger:innen und garantiert ihnen Freiheit und FlexibilitĂ€t bei der DurchfĂŒhrung. Forschende können so ihre wissenschaftliche Arbeit auf international höchstem Niveau vertiefen.