Unterwegs

Ajò – los geht’s nach Sardinien!

Karin Schnass unterwegs auf Sardinien. Quelle: Karin Schnass (alle)
Karin Schnass
Karin Schnass

Es fängt ganz harmlos an: Vier Monate Erasmus in England, neun Monate Leonardo in den Niederlanden und plötzlich hat man ein Schweizer Doktorat, einen italienischen Mann und eine italienisch-österreichische Tochter. Da ist der nächste Schritt ganz offensichtlich – nein, nicht Stanford, was die Karrierechancen unheimlich verbessert, sondern Linz, was die Distanz zu den Großeltern enorm verringert. Eineinhalb Jahre und einen (für Italiener) traumatisierenden Winter später darf man sich dann natürlich nicht wundern, wenn auf die Frage: „Schatz, wo würdest du gern als Nächstes hingehen?“, die Antwort kommt: „Hm, nach zehn Jahren Alpen wär’ mir mehr nach Meer – Sardinien!“ Schluck – positiv denken – er hätte auch sagen können: Tahiti oder Libyen. Also, wie organisiert man ein Forschungsprojekt in Sardinien? Für Meeresbiologen aufgelegt, für Mathematiker hilft nur diabolische Methodik.

Projektanbahnung

Als Erstes braucht man eine Gastinstitution, die Spitze ist in dem, was sie tut. Gut, dass ein Freund auf einer Konferenz einmal jemanden getroffen hat, der in einem Computer Vision Labor bei Alghero arbeitet. Stunden später ist das Labor gefunden, versteckt in der Fakultät für Architektur der Uni Sassari, mit Forschungsspezialität Biometrik. Glück gehabt, ich habe einmal mit Gesichtserkennung herumgespielt und möchte weiter Dictionary Learning machen, da ist
Schritt 2 – das Forschungsprojekt – glasklar: „Dictionary Learning for Biometric Data“. Schritt 3, 4 und 5 sind jetzt, das Projekt an den Laborleiter verkaufen (einfach), es schreiben (furchtbar) und warten, ob es angenommen wird (nervenaufreibend). Und dann, zwei Monate vor Ende der Karenz, das AMS im Nacken, die gute Nachricht: Wir gehen nach Alghero. Also schnell das Italienisch aufpolieren, Kinder und Wohnung einpacken, und auf geht’s nach Sardinien. Anfängliche Probleme wie kein Wasser im Haus oder Verwaltungskram erledigt man mit Ruhe und Autocertificazione (Eigenbestätigung). Dass der Chef nie da ist, ist auch kein Problem, da der zweite Laborleiter für alle nötigen Unterschriften zu haben ist, und die ganze Gruppe zum Arbeiten und Tratschen.

Den Rahmenbedingungen anpassen

Na, dann steht der Forschung ja nichts mehr im Weg, außer langsame Computer, gelegentlicher Zusammenbruch des Internets und 18 km Fahrradstrecke von
Alghero nach Tramariglio. Die einmal erledigt, forscht man dann dafür 200 m vom Strand und 5 km von Capo Caccia entfernt, und bei Regen und Wind kann man auch schummeln und daheim arbeiten. Apropos Regen und Wind: So viel wie vergangenen Winter habe ich davon nicht einmal in Holland gesehen. Außerdem sind die Sarden überzeugt, in einem heißen Land zu wohnen, wo Isolation unnötig ist, was trotz Wärmepumpe zu Innen- gleich Außentemperatur gleich traumatisierendem Winter (für alle) führt. Im Sommer haben sie damit natürlich recht und so erfreuen sich Papa, Kinder und die eingeflogenen Freunde und Verwandten am Strand, während Mama im klimaveranlagten Labor zwischen den Pinguinen Projekte und Bewerbungen schreibt.

Denn nach knapp einem Jahr, wenn man mit Arbeitskollegen, Kindergarteneltern, Kletterpartnern der besseren Hälfte und Wanderverein endlich ein soziales Umfeld aufgebaut hat, ist es schon wieder höchste Zeit, an das Ende des Stipendiums zu denken. Dann stellen sich auch Fragen wie: Hätte Stanford trotz guter Ergebnisse nicht besser am CV ausgeschaut?, oder: Ist es Zeit, sesshaft zu werden, selbst wenn es das Ende der Forschung ist? Die Antwort lautet wahrscheinlich in beiden Punkten ja, aber bis zur endgültigen Entscheidung haben wir ja noch neun Monate in „Bella Sardegna“.

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