Unterwegs

Irritationen, Perspektivenwechsel und Umdenkprozesse in Mexiko

Judith Schacherreiter
Judith Schacherreiter unterwegs in Mexiko Quelle: Schacherreiter
Judith Schacherreiter
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Judith Schacherreiter

Es war eine – zumindest aus der Sicht vieler FachkollegInnen – ungewöhnliche Entscheidung, ein rechtswissenschaftliches Forschungsprojekt in Mexiko durchzuführen, und noch mehr in Oaxaca, einem der ärmsten Bundesstaaten. Typischerweise sucht man in unserem Fachgebiet eher Forschungsstellen innerhalb Europas oder in den USA. Zwar rechtfertigt mein Forschungsthema meine Ortswahl, aber gerade auch das Forschungsthema selbst stößt teilweise auf Befremden: Ursprung und Geschichte des Privateigentums an Grund und Boden in Mexiko. Als Rechtsvergleicherin untersuche ich dieses Thema in Hinblick auf internationale Rechtseinflüsse und im Vergleich zur europäischen Rechtsgeschichte. In diesem Kontext gehe ich zum Beispiel der Frage nach, inwieweit in Mexiko das Privateigentum an Grund und Boden ein Ergebnis kolonialer Rechtstransfers darstellt und wie sich dieses Konzept zu indigenen Formen des Gemeinschaftslandes verhält. Oaxaca wählte ich als hauptsächlichen Forschungsort, weil es sich hierbei um einen stark landwirtschaftlich geprägten Bundesstaat handelt, in dem sich bis heute zahlreiche indigene Kulturen aufrechterhalten konnten. Bei der Durchführung meiner Forschungen bin ich institutionell mit der Universidad Autónoma „Benito Juárez“ de Oaxaca in Oaxaca und der Universidad Nacional Autónoma de México in Mexiko Stadt verbunden.

Neue Perspektiven

Vielleicht lassen sich meine wichtigsten bisherigen Erkenntnisse dahingehend zusammenfassen, dass sie alle mit einem tiefgehenden Perspektivenwechsel zu tun haben. Es mag banal erscheinen, dass sich Welt und Weltgeschichte aus dem europäischen Blickwinkel anders darstellen als etwa aus der Sicht der Karibik, Afrikas oder Lateinamerikas. Doch wurden mir Bedeutung und Konsequenzen von Kolonialerfahrung und Peripheriestellung in ihrer Widersprüchlichkeit und Gewalttätigkeit erst im Laufe meines Aufenthalts in Mexiko deutlich, ein Erfahrungsprozess, der einerseits mit der konkreten Arbeit an meinem Forschungsthema einhergeht, und anderseits von Gesprächen, Erlebnissen, Beobachtungen und der Auseinandersetzung mit der Kultur dieses Landes lebt. Damit verbunden erlebe ich eine verstärkte Sensibilisierung für das Fortwirken kolonialer Strukturen sowie einen Reflexionsprozess über die Bedeutung meiner eigenen globalen Position und die damit einhergehenden, als „normal“, „natürlich“ oder „neutral“ empfundenen Vorstellungen. Eine solche Erfahrung berührt intellektuell, politisch, kulturell und emotional. Meine konkrete Forschungsarbeit beeinflusst sie insofern, als sie mich dazu zwingt, die eigenen, auf den ersten Blick allgemeingültig erscheinenden Rechtskonzepte grundlegend zu überdenken.

Privateigentum existiert nicht

So stellte ich etwa zunächst indigenes gemeinschaftlich bewirtschaftetes Land als „Gemeinschaftseigentum“ dem uns bekannten „Privateigentum“ gegenüber. Schließlich zeigte sich aber, dass diese Qualifikation voreilig und zu sehr von den eigenen Rechtskonzepten beeinflusst war. Die tatsächliche Pointe liegt darin, dass indigene Gemeinden „ihr“ Land traditionellerweise oftmals überhaupt nicht als Eigentum betrachten, und zwar weder als Gemeinschafts- noch als Privateigentum. Wir haben es insofern mit „Nicht-Eigentum“ zu tun, fernab der Vorstellung einer Herrschafts- und Verfügungsbefugnis des Menschen über Land. So gibt es indigene Sprachen, die auch gar keine Übersetzung für die unseren Rechtswissenschaften so geläufigen Begriffe wie „Sache“ oder „Eigentum“ kennen. „Mutter Land“ (Madre Tierra) im Besonderen hat eine spirituelle und religiöse Stellung.

Nicht das Land gehört den Indigenen, sondern sie gehören zu ihrem Land. Das Verständnis derartiger rechtlicher Unterschiede erfordert eine Auseinandersetzung mit ihrem politischen, geschichtlichen, kulturellen und philosophischen Kontext. Schon alleine die ständige Präsenz dieses Kontextes in der rechtswissenschaftlichen Forschung impliziert in einer traditionell stark auf Rechtsdogmatik und Rechtstext konzentrierten Rechtswissenschaft wie der unsrigen einen fundamentalen Umdenkprozess in Methodik und Rechtsverständnis. Darüber hinaus zwingt sie auch dazu, als so selbstverständlich erscheinende Rechtsinstitute wie das Eigentum zu kontextualisieren und bis in seinen Wesenskern hinein zu relativieren.

Methodische Erkenntnisse

Mein Aufenthalt in Mexiko selbst war und ist für mich unerlässlich, um dies zu erkennen und bei der Forschungsarbeit die entsprechenden methodischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Abgesehen von Literatur- und Archivrecherche vor Ort ermöglicht mir dieser Aufenthalt nämlich, mich auf dieses Land und die neuen Perspektiven, die es mir eröffnet, wirklich einlassen zu können. Und genau darin sehe ich ein notwendiges Fundament meiner rechtsvergleichenden Forschungsarbeit: mich einzulassen, meine eigene Welt zu relativieren, mich in jeder Minute als Lernende zu verstehen und daher laufend zu beobachten und aufmerksam zu sein. Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die eine solche Einstellung ermöglicht, können verunsichern oder sogar erschrecken. Vor allem aber beeindrucken sie und eröffnen neue Welten, die in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht berühren, irritieren und damit unaufhörlich Reflexionsprozesse
provozieren. Daher betrachte ich es als eine große Chance, hier forschen und arbeiten zu können, in Oaxaca, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Ich will
versuchen, diese Chance bestmöglich und verantwortungsvoll zu nutzen.

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