Interview & Meinung

Wissenschaft ist nicht Politik

Sie ist „Wissenschafterin des Jahres“ und jetzt auch „COVID-Kommunikatorin 2020“. Die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl (links) hat sich während der Pandemie in den Medien und der Öffentlichkeit durch sachliche und offene Vermittlung von wissenschaftlichen Fakten ausgezeichnet. Quelle: PRVA/APA-Fotoservice/Schedl

Wissenschaft und Forschung sind öffentlich so präsent wie noch nie. Über ihre Leistungen in der Bekämpfung von Corona wird ständig berichtet. Und der Wert von Grundlagenforschung wurde in der Öffentlichkeit selten deutlicher. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind prominent in den Medien und in zahlreichen Gremien der Politikberatung vertreten. Dennoch zeigen empirische Daten sinkendes Vertrauen nicht nur in die Politik, sondern auch in Medien und Wissenschaft. Repräsentative Langzeitstudien wie etwa von Gallup/Medienhaus weisen zwar zu Beginn der Krise noch hohe Glaubwürdigkeitswerte und hohes Vertrauen in etablierte Medien und Expertinnen und Experten aus. Doch diese Zustimmung erodiert deutlich im Zeitverlauf.

Nicht nur Viren verbreiten sich rasend schnell, auch Lügen, Fiktionen und Propaganda. Kontingenz- und Unsicherheitsbewältigung durch Verschwörungstheorien, die Nutzung von (manchmal selbst geschürter) Aufregung und die Mobilisierung der durch den dauerhaften Ausnahmezustand Frustrierten sind wohl einige der Ursachen dieser „Infodemic“. Eine (laute) Minderheit, die moderner Wissenschaft generell skeptisch gegenübersteht und besonders die Schulmedizin ablehnt, verweigert zunehmend auch alle Medien, in denen sie vorkommt. Wissenschaftsfeindlichkeit wird in sozialen Medien als ziviler Ungehorsam oder Satire verbrämt.

In gesellschaftliche Zusammenhänge einbetten

Wissenschaftskommunikation sollte sich folglich nicht im „preaching to the converted“ – also in der Kommunikation mit jenen, die der Wissenschaft ohnedies vertrauen – erschöpfen, sondern auf die Fragmentierung der Öffentlichkeit und im aktuellen Fall auch auf ihre Polarisierung reagieren.

Wissenschaftskommunikation sollte sich nicht im „preaching to the converted“ erschöpfen, sondern auf die Fragmentierung der Öffentlichkeit reagieren.

Es geht dabei nicht um die Demokratisierung von Wissenschaft selbst, die sich an ihren inhärenten Prinzipien orientieren und im Sinne anwendungsoffener Grundlagenforschung nicht immer unter das Joch der öffentlich verhandelten Nützlichkeit beugen soll. Sondern um die Demokratisierung der Kommunikation von und über Wissenschaft und um die kommunikative Einbettung von Wissenschaft in gesellschaftliche Zusammenhänge. Der Weg von einem „Public Understanding of Science“ zu einem „Public Engagement with Science“ führt über viele Kanäle: von der klassischen Medienarbeit (PR) bis zu konkreten Debatten, von sozialen Medien zu Podcasts, von der Teilnahme an der journalistischen Aus- und Weiterbildung bis zu Medientrainings bei Berufungen von Forschenden, von partizipativen Prozessen wie Citizen Science zu neuen Formaten der Kommunikation.

Neues Selbstverständnis von Wissenschaft

Dies bedeutet nicht nur eine Ausweitung der Formen und (budgetären) Mittel, sondern auch ein neues Selbstverständnis von Wissenschaftsorganisationen. Als Plattformen für kuratiertes Wissen sollen sie das jeweils bestgesicherte Wissen in ihren Forschungsfeldern aktiv anbieten und das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung stärken und – auch gegen Widerstände – verteidigen. Wie es etwa die ALLEA (All European Academies Organization) in ihrem Grundsatzpapier von 2019 Trust in Science and Changing Landscapes of Communication zusammenfasst: „Forschende und Wissenschaftsvermittler/innen haben die essenzielle Aufgabe, die Eckpfeiler des Vertrauens – Integrität, Transparenz, Autonomie und Rechenschaftspflicht – zu bewahren und zu festigen, um gegen Vertrauensverlust und schwindende Vertrauenswürdigkeit von Wissenschaft und Forschung anzukämpfen. Sie müssen den plausiblen Beweis erbringen, dass in einer freien und gerechten Gesellschaft zwar alle Menschen gleich sind, aber nicht alle Äußerungen gleich wahr sind.”

Missverstandene Objektivität

Für professionelle Medien heißt dies, dass man „Frames“ wie Konflikt, Wettbewerb (Horse-Race), Human Interest (Einzelfallschilderung) und Personalisierung (an Stelle von Strukturanalysen) nicht auf die Berichterstattung über Wissenschaft anwenden sollte. Denn Wissenschaft ist nicht Politik. In der Wissenschaft steht die Produktion evidenzbasierter Erkenntnisse und nicht das Vertreten von Interessen im Zentrum.

In der Wissenschaft steht die Produktion evidenzbasierter Erkenntnisse und nicht das Vertreten von Interessen im Zentrum.

Zu jeder wissenschaftlich abgesicherten Aussage eine auch noch so abstruse Gegenposition zu finden, führt nicht zu mehr Objektivität, sondern zu Unausgewogenheit (False Balance) und rückt randständige Positionen ungerechtfertigterweise in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dies meint nicht naive Wissenschaftsgläubigkeit in den Redaktionen, sondern transparente Darstellung von wissenschaftlichen Konsensen und dem State of the Art. Das gilt auch für die Akzentuierung und Skandalisierung von Einzelfällen ohne die Darstellung von Wahrscheinlichkeiten, den Zwang zu Spekulationen in Interviews („was wäre, wenn“) und den Versuch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Antworten auf Fragen zu bekommen, auf die es keine gibt – etwa welchen „Sinn“ die Pandemie hätte.

Mehr Diskurs, mehr Transparenz, mehr Förderung

Sinnvoll wäre aber auch mehr Interaktion und Diskurs mit dem Publikum und das offene Ansprechen von Kritik, Zweifeln und Irritationen. Aber auch deutlich zu machen, dass es unter dem Prätext der Meinungsfreiheit keinen Anspruch auf unwahre Tatsachenbehauptungen gibt – weder ethisch noch rechtlich. Viele Medien haben sich redlich bemüht und versucht, sich auf die geänderte Situation einzustellen, aber angesichts der Erlösausfälle, der Kurzarbeit und der geänderten Medienmenüs des Publikums wird es nur mit Appellen an das professionelle Ethos nicht getan sein.

Es braucht Wettbewerbs- und Förderungsstrukturen, die nicht allein an Quantität orientiert sind, sondern auch Wissenschaftsjournalismus fördern.

Es braucht dafür auch entsprechende Rahmenbedingungen: Wettbewerbs- und Förderungsstrukturen, die nicht allein an Quantität orientiert sind, sondern auch Wissenschaftsjournalismus fördern und es ermöglichen, die Wissenschaftsredaktionen mit mehr Stellen auszustatten oder diese überhaupt einzurichten und ein basales Verständnis von Wissenschaft in die Weiterbildung aller Redaktionen zu integrieren.

Nötig wäre die angemessene Regulierung von sozialen Medien und Plattformen, die Förderung der Medien- und Wissenschaftskompetenz des Publikums, zum Beispiel bei der Trennung von Fakten und Fiktionen, und auch die zusätzliche finanzielle Dotation der Kommunikation von Wissenschaft in den öffentlichen Budgets. Kurz: Ordnungspolitik für die Schaffung der Rahmenbedingungen von mehr Qualität – nicht nur, aber auch – der Wissenschaftskommunikation. Denn Wissenschaftskommunikation alleine kann der Fragmentierung der Öffentlichkeit und der Polarisierung der Gesellschaft nicht entgegenwirken. Aber sie kann und soll zumindest die Idee der Aufklärung auch in mediatisierten sozialen Welten verteidigen.


Matthias Karmasin ist Direktor des Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Klagenfurt, wo er Professor für Kommunikationswissenschaft ist. Seit 2011 ist er korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW und seit 2018 ordentliches Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaft. Karmasin hat mehrere Grundlagenprojekte, gefördert durch den Wissenschaftsfonds FWF, geleitet.

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