Projekte

Die nächste industrielle Revolution ist da. Was bedeutet das für Österreich?

Noch sind die Schulen nicht gut gerüstet für die digitale Welt. Doch Bildung ist ein Schlüsselfaktor, um vom technischen Fortschritt profitieren zu können. Quelle: Billetto Editorial/Unsplash

Die Digitalisierung hat längst alle Lebensbereiche erfasst und unseren Alltag grundlegend verändert. Eine von vielen erwartete ökonomische Krise, ausgelöst durch den Einsatz von Maschinen, die Arbeitsplätze verdrängen, ist zwar bislang weitgehend ausgeblieben, doch die nächste Umwälzung steht bereits bevor. Miteinander kommunizierenden, sogenannten smarten Maschinen wird prophezeit, für einen noch tiefer greifenden gesellschaftlichen Wandel zu sorgen. Wie dieser aussehen könnte und was das für ein Land wie Österreich bedeutet, untersucht ein Team um den Ökonomen Heinz Dieter Kurz in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt.

Technologien mit enormen Auswirkungen

„Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien werden zu den sogenannten General Purpose Technologies gezählt, also Technologien mit allgemeiner Anwendbarkeit “, erklärt Projektleiter Kurz. Historische Beispiele sind das Rad, die Dampfmaschine oder die Elektrizität. „Sie sind dadurch charakterisiert, dass sie die Fähigkeit haben, die Arbeitsproduktivität sehr stark zu erhöhen, und dass sie einen sehr breiten Anwendungsbereich haben. Das heißt, sie betreffen das gesamte ökonomische und soziale System. Ein anderes Merkmal ist, dass sie ein großes Potenzial für weitere technologische Erfindungen aufweisen.“ Solche Technologien, kurz GPT genannt, haben enorme Auswirkungen, sagt Kurz: „Das betrifft die Ökonomie insgesamt und damit auch die Strukturen, die in ihr herrschen.“ Ein eindimensionaler Zugang zu solchen tiefgreifenden Entwicklungen genügt also nicht. „Wir nützen multiple Methoden. Die Fragestellung ist weder rein technisch noch rein ökonomisch, sondern hat sozioökonomische und kulturelle Aspekte. Diese Technologien wälzen das gesamte System um, da bleibt kein Stein auf dem anderen“, betont der Forscher.

Altes Wissen wird verdrängt

Kurz spricht in diesem Zusammenhang von „schöpferischer Zerstörung“. „Der Begriff stammt vom großen Ökonomen Joseph Schumpeter. Er hat eine Zeitlang in Graz gelehrt, war in Österreich Finanzminister, bevor er schließlich an die Harvard University gegangen ist. Er war mitverantwortlich dafür, dass Harvard in den Wirtschaftswissenschaften zu Weltruhm gelangt ist“, erklärt Kurz. Mit dem Begriff sei gemeint, dass neues Wissen, das sich in gewissen Produkten materialisiert, nicht einfach an die Seite des alten tritt, sondern das alte verdrängt. „Solche Ereignisse sind in der Regel nicht für alle Personen der Gesellschaft von Vorteil, sondern nur für einige, während sie möglicherweise für andere von großem Nachteil sind“, erklärt der Forscher.

An der aktuellen Entwicklung der IT-Branche ist das laut Kurz gut sichtbar. Er weist auf die wichtige Rolle hin, welche die Politik hier spielt: „Das Internet und viele andere der heute wichtigen Technologien im Informations- und Kommunikationssektor sind ursprünglich durch staatliche Förderungen entstanden.“ Die Politik könne also durchaus eingreifen und quasi die Rolle eines Unternehmers einnehmen.

Auswirkungen auf Österreich

Kurz und sein Team nutzen unter anderem netzwerkanalytische Instrumente und modellbasierte empirische Analysen, um herauszufinden, wie Österreich auf die Veränderung reagieren kann. Ergebnisse legen nahe, dass Österreich, was die Transformationskapazität in Bezug auf die digitale Revolution betrifft, im internationalen Vergleich im stärkeren Mittelfeld liegt. Federführend sind jedoch andere Länder: „Das Besondere an diesen Technologien ist, dass mittlerweile fast monopolartige Institutionen in den USA, aber inzwischen auch in China entstanden sind“, berichtet Kurz. Ein kleines, wissensbasiertes Land wie Österreich könne hier, abgesehen vom Besetzen von Nischen, nicht viel tun. „Hierzulande wird kein Gigant der Informations- und Kommunikationstechnologie entstehen“, so der Forscher, der betont, dass Ähnliches auch für Europa als Ganzes gelte.

„Die EU versucht hier mit Verspätung, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Es ist fraglich, ob die Kosten des Aufbaus einer eigenen IT-Industrie nicht möglicherweise zu groß sind.“ In einzelnen Bereichen, beispielsweise in der Entwicklung mikro- und nanoelektronischer Komponenten und Systeme ist Österreich sehr stark in das europäische Forschungsnetzwerk ECSEL eingebunden. Hier kann Österreich eine wichtige Rolle spielen. Zentral ist jedoch eine Strategie der Politik. „Es gibt eine Polarisierungshypothese, dass höher qualifizierte Arbeitskräfte ihre Chancen außerordentlich verbessern können, wenn sie imstande sind, mit den neuen Technologien umzugehen“, sagt Kurz. Routinearbeiten würden durch Künstliche Intelligenz immer stärker wegrationalisiert, wenngleich dieser Effekt bisher in Österreich nicht so stark sei, wie man das vermutet habe. „Doch das kann sich sehr schnell ändern“, gibt der Forscher zu bedenken.

Fehler haben langfristige Folgen

Heinz Kurz fordert, dass die Politik die unternehmerische Rolle des Staates wahrnimmt: „Mein persönlicher Eindruck ist, dass Österreich da allerhand verschläft.“ Es sei eine Segregation in der Gesellschaft zu befürchten, wie es sie noch nie gegeben hat. Kurz fordert für Schulen die Bereitstellung der Hardware und eine Stärkung der digitalen Bildung: „Ich kenne etliche Familien mit mehreren Kindern, die verfügen nur über einen Computer“, erzählt Kurz. Die Pandemie zeige das Problem besonders drastisch auf, wenn es darum geht, diese Kinder im Homeschooling zu unterrichten. Corona beschleunigt das Auseinanderdriften in der Bildung. „Das hat langfristige Folgen, die kaum absehbar sind.“

Bisher sind die Probleme noch nicht akut. „Größere Arbeitslosigkeit, die durch technische Neuerungen bedingt wäre, sieht man bislang nicht“, bestätigt der Ökonom. Dennoch dränge die Zeit. „Es wird zur Freisetzung von Arbeitskräften kommen. Die Frage ist, wie viele neue Jobs entstehen werden. Und das wird wesentlich von der Wirtschaftspolitik abhängen“, prophezeit der Forscher.


Zur Person

Heinz Dieter Kurz ist Ökonom und ehemaliger Leiter des von ihm gegründeten Schumpeter-Zentrums an der Universität Graz. Der vielfach international ausgezeichnete Forscher interessiert sich für ökonomische Theorie, aber auch die Geschichte des ökonomischen Denkens. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und populärer Schriften über Ökonomie und schreibt für renommierte Tageszeitungen. Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Forschungsprojekt „Wie smarte Maschinen Österreichs Wirtschaft verändern“ wird mit rund 400.000 Euro gefördert und läuft noch bis April 2021.


Publikationen

Zilian S.; Zilian L.: Digital inequality in Austria: Empirical evidence from the survey of the OECD „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“, in: Technology in Society, Vol. 63, 2020
Schütz M.; Strohmaier R.: Power Relations in European RDI collaboration Networks. Disparities in Policy-driven Opportunities for Knowledge Generation in ICT, in: Economics of Innovation and New Technology, 2020
Strohmaier, R.; Schütz M.; Vannuccini S.: A systemic perspective on socioeconomic transformation in the digital age, in: Journal of Business and Industrial Economics, 46, 361–378, 2019
Kurz H.D.; Schütz M.; Strohmaier R. and Zilian S.: Riding a New Wave of Innovations. A Long-term View at the Current Process of Creative Destruction, in: Wirtschaft und Gesellschaft, 44(4): 545-583, 2018

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.