Interview & Meinung

„Es ist schwer zu erklären, warum das so lange braucht“

Ulrich Pöschl ist Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Seit 20 Jahren engagiert er sich für freien Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Quelle: Carsten Costard/MPI für Chemie

FWF: Seit rund 20 Jahren setzen sich Forschungs- und Förderungsinstitutionen dafür ein, das wissenschaftliche Publikationswesen in das digitale Zeitalter zu überführen und den freien Zugang zu Wissen zu ermöglichen. Eine Vielzahl an Initiativen hat seither einiges vorangebracht. Nun kommt mit Plan S ein weiterer Vorstoß, was halten Sie davon?

Ulrich Pöschl: Open Access als freier Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen durch das Internet entwickelte sich in der Wissenschaft bereits seit Anfang der 1990er Jahre. Die Motivation und Grundprinzipien stammen direkt von aktiv forschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wurden also „Bottom-up“ entwickelt und in Gang gebracht. In den frühen 2000er Jahren wurden diese Prinzipien auch von wissenschaftlichen Institutionen aufgenommen. Beispielsweise wurde die Berliner Erklärung für Open Access aus dem Jahre 2003 von mehr als 600 führenden Wissenschaftsorganisationen weltweit unterzeichnet. Viele davon arbeiten auch in der globalen Initiative OA2020 zusammen, um einen wissenschaftsgerechten Übergang zu Open Access möglichst bald zu erreichen. Dadurch stieg der Anteil frei zugänglicher und frei nutzbarer Fachzeitschriftenartikel in den vergangenen Jahren immerhin auf rund 15 Prozent.

Ein Großteil der öffentlich finanzierten Forschungsergebnisse bleibt jedoch immer noch hinter den Subskriptions- und Bezahlschranken traditioneller Wissenschaftsverlage weggeschlossen und kann weder in Forschung und Lehre noch in der Öffentlichkeit und Wirtschaft effizient genutzt werden. Daher kommt nun mit Plan S eine „Top-down“-Initiative hinzu, mit der auch öffentliche und gemeinnützige Forschungsförderer Open Access einfordern. Dieser Ansatz ist eine wichtige Ergänzung zu den bisherigen „Bottom-up“-Initiativen aus der Wissenschaft und wird den längst überfälligen Übergang zu einem zeitgemäßen Publikationswesen beschleunigen.

All diese Bemühungen richten sich darauf, den Austausch von Wissen und die Vermittlung von Bildung zu erleichtern und zu verbessern. Dies gilt sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch für die menschliche Gesellschaft weltweit. Gerade in Zeiten der alternativen Fakten und postfaktischer Behauptungen kann man diese Werte gar nicht überschätzen. Einer von vielen wichtigen Aspekten ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse und das Allgemeinwissen wieder weiter zusammenzuführen. Diesbezüglich lässt sich der Nutzen von Open Access auch am Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia erläutern, die zum schnellen Nachschlagen auch von Wissenschaftlern häufig genutzt wird. Die Abbildungen zu wissenschaftlichen Inhalten auf diesen und anderen Webseiten sind aber meist eher dürftig, da die entsprechenden Originalabbildungen aufgrund der Copyright-Übertragung an Verlage sogar von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst nicht mehr frei genutzt werden dürfen. Daher sind wissenschaftliche Inhalte im Internet oft weit weniger gut und verständlich dargestellt, als es möglich und wünschenswert wäre.

Wikipedia ist ein gutes Beispiel für den Nutzen von Open Access.

Ulrich Pöschl

FWF: Was bedeutet die Umsetzung von Plan S für die Forschenden?

Pöschl: Eine Open-Access-Publikation ist viel mehr wert als ein weggesperrter Artikel – sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die Wissenschaft selbst. Die Forschenden profitieren von einer schnelleren und weiteren Verbreitung ihrer Ergebnisse, von einem ungehinderten Austausch des Wissens zwischen unterschiedlichen Disziplinen, und indem die Autorinnen und Autoren das Copyright auf die veröffentlichten Texte und Abbildungen behalten. Dieser Aspekt mag Außenstehenden als nebensächliches Detail erscheinen, ist aber von enormer Bedeutung und in Plan S aus gutem Grund als Prinzip Nummer Eins verankert. Durch Plans S werden Oligopolstrukturen aufgebrochen und auch große Wissenschaftsverlage dazu gebracht, Open-Access-Veröffentlichungen in etablierten Fachzeitschriften auf wissenschaftlich und finanziell angemessene Weise zu ermöglichen, was bisher oft an der Vormachtstellung und dem exzessiven Profitstreben der Verlage scheiterte. Für die Forschenden selbst soll dadurch kein oder möglichst wenig Aufwand entstehen – weder zeitlich noch finanziell. Das Ziel von Plans S, OA2020 und verwandten Initiativen ist ein möglichst effizienter und reibungsarmer Übergang von dem in vielerlei Hinsicht obsoleten Subskriptionswesen der Vergangenheit zu einem zukunftstauglichen Open-Access-Publikationswesen.

FWF: Ein Ziel der COAlition S – den Unterstützern von Plan S – ist es, den freien Zugang für alle wissenschaftliche Publikationen unter gemeinfreien Lizenzen zu ermöglichen – ohne die üblichen Embargos der Verlage. Derzeit ist es bei manchen Verlagen noch nicht möglich, in wichtigen Fachzeitschriften Open Access zu publizieren. Könnte das für einige Fachdisziplinen ein Problem sein?

Pöschl: Die Vereinbarkeit von Open Access mit dem erfolgreichen und nachhaltigen Betrieb hochwertiger Fachzeitschriften ist seit vielen Jahren nachgewiesen – sowohl in den sogenannten STM-Fächern der Naturwissenschaften, Technik und Medizin als auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Viele erfolgreiche Beispiele zeigen, dass sowohl die Neugründung hochwertiger Open-Access-Fachzeitschriften als auch eine

Umstellung klassischer Subskriptions-Fachzeitschriften auf Open Access sehr gut machbar ist. Auch diverse Hochglanzmagazine bieten verschiedene Optionen an, wie etwa eine Version des Manuskripts in einem frei zugänglichen Repositorium zu archivieren. Es gibt übrigens auch viele Stimmen in der Wissenschaft, die der Meinung sind, dass die Bedeutung von Hochglanzmagazinen überschätzt wird. Open Access ermöglicht unter anderem auch eine bessere Bewertung einzelner Veröffentlichungen durch sogenannte Article Level Metrics und verringert die Tendenz zur Überbewertung bestimmter Zeitschriften bzw. Magazine und Indikatoren wie Journal Impact Faktoren.

Durch Plans S werden Oligopolstrukturen im Verlagswesen aufgebrochen.

Ulrich Pöschl

Die Gewinnspannen der Großverlage und die öffentlichen Ausgaben für Fachzeitschriftensubskriptionen sind so hoch, dass für eine nachhaltige Umstellung auf Open Access insgesamt mehr als genug Finanzmittel zur Verfügung stehen. Erfahrungsgemäß ist eine erfolgreiche Umstellung auf Open Access auch für kleine Verlage möglich und bietet zusätzliche Chancen in dem bisher stark zugunsten der Großverlage verzerrten und durch Oligopolstrukturen behinderten Wettbewerb. In die Entwicklung von Plan S waren Vertreter verschiedenster Disziplinen eingebunden. Falls sich in der Praxis herausstellen sollte, dass die in Plan S bereits vorgesehene Flexibilität und Diversität von Publikations- und Archivierungsoptionen wider Erwarten für bestimmte Bereiche und Fachdisziplinen nicht ausreichen sollte, könnten und würden sicherlich noch weitere Anpassungen und Differenzierungen vorgenommen werden. Für mich als Vertreter einer „Bottom-up“-Initiative wie OA2020 ist es besonders wichtig, dass die praktische Implementierung von Open Access Rücksicht auf die Bedürfnisse verschiedener wissenschaftlicher Bereiche und Communities nimmt. Soweit ich es überblicke, ist dies auch den Vertretern von Plan S als „Top-down“-Initiative wichtig und gut gelungen.

FWF: Es gibt auch aus der Wissenschaft kritische Stimmen, denen der Open-Access-Plan zu schnell oder zu weit geht. Sie selbst sind Chemiker. Können Sie diese Skepsis aus Sicht des Wissenschaftlers nachvollziehen?

Pöschl: Ich kann das gut nachvollziehen und wäre vermutlich auch selbst skeptisch, wenn ich mich nicht eingehend mit der Sache befasst hätte. Die meisten Bedenken sind aber auf Informationsdefizite zurückzuführen bzw. auf das Lobbying und die Oligopolstellung traditioneller Verlage. Ein Problem in der Vergangenheit war, dass die einzelnen Forschenden vor der Frage standen, ob und wo sie ihre Artikel in Open Access publizieren können. Insbesondere, ob sich Veröffentlichungen in etablierten Fachzeitschriften mit Open Access vereinbaren lassen oder nicht, und mit welchem Aufwand und welchen Folgen eine Open-Access-Publikation möglicherweise verbunden wäre. Diese Belastungen und Unsicherheiten sollen nun mit Hilfe von Plan S ausgeräumt werden, indem Open Access zur Grundeinstellung, die Finanzierung des Publikationswesens umgestellt und entsprechende Dienstleistungen der Verlage eingefordert werden.

Den Forschenden soll daraus kein zusätzlicher Aufwand oder gar Nachteil entstehen.

Ulrich Pöschl

Den einzelnen Forschenden soll daraus möglichst kein zusätzlicher Aufwand oder gar Nachteil entstehen. Schon jetzt haben Fördergeber wie der FWF, Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft und nationale Konsortien in Deutschland und anderen Ländern mit großen und kleinen Verlagen sogenannte transformative Abkommen bzw. „Publish & Read“-Vereinbarungen abgeschlossen, die es den dort tätigen Autorinnen und Autoren ermöglichen, Open Access Artikel ohne Zusatzaufwand auch in traditionellen Fachzeitschriften zu publizieren. Diese oder ähnliche Vereinbarungen können Verlage ohne allzu großen Aufwand allen akademischen Institutionen und sonstigen Subskriptionsabnehmern anbieten, wodurch sich ein Großteil der Ziele und Vorgaben von OA2020 und Plan S erfüllen und Open Access global realisieren lässt.

Die Initiative Plan S wird weltweit unterstützt und setzt sich für frei zugängliches Wissen ein. Ab 2021 sollen öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse für alle Interessierten kostenfrei zur Verfügung stehen. Quelle: Plan S

Unabhängig von solchen Vereinbarungen muss es den Autorinnen und Autoren von Fachzeitschriftenartikeln als Mindestanforderung erlaubt und möglich sein, die finale Version ihrer Artikel ohne Embargofristen in frei zugänglichen Repositorien zu archivieren. Dies ist meist bereits der Fall. Soweit noch nicht geschehen, haben sich wissenschaftliche Verlage darauf ein- und umzustellen, weil die Fachzeitschriftenartikel, zu deren Veröffentlichung sie beitragen, überwiegend auf öffentlich geförderter Forschung beruhen. Auch die Einkünfte von Verlagen und ihre teilweise exorbitant hohen Gewinnspannen von bis zu 40 Prozent werden überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert. Daher ist es nicht nur angemessen und machbar, sondern längst überfällig, dass die Resultate und Publikationen öffentlich geförderter Forschung für die Öffentlichkeit frei zugänglich und nutzbar gemacht werden.

FWF: Der Verlag Springer Nature, der 3000 Zeitschriften in seinem Portfolio hat, kündigte im Frühjahr 2020 an, unter anderen die renommierte Fachzeitschrift „Nature“ im Sinne von Plan S ab 2021 auf Open Access umzustellen. Es scheint auf Seiten der Verlagsriesen nun doch mehr in Bewegung zu kommen.

Es ist längst überfällig, dass die Resultate öffentlich geförderter Forschung frei zugänglich und nutzbar sind.

Ulrich Pöschl

Pöschl: Das ist genau der Punkt. Es geht darum, veraltete und verkrustete Strukturen aufzubrechen bzw. strukturelle Barrieren zu überwinden. Dafür braucht es Katalysatoren wie OA2020 und Plan S. Durch Koordination der ansonsten stark diversifizierten wissenschaftlichen Gemeinschaft von gemeinnützigen Forschungsförderern, Universitäten, Forschungsinstituten, öffentlichen Bibliotheken und sonstigen akademischen Institutionen ist es möglich, den oftmals von Profitmaximierung und Marktmachterhalt getriebenen internationalen Großverlagen erfolgreich zu begegnen. Bezüglich der Realisierung von Open Access stellten diverse Verlage geradezu absurde Behauptungen, Forderungen und Hemmnisse auf, und wussten ihre Geschäftsinteressen nach dem Prinzip „divide et impera” durchzusetzen. Dank nationaler und internationaler wissenschaftlicher Initiativen und Kooperationen verbreitet sich nun wieder die Einsicht, dass Verlage Dienstleister für die Wissenschaft sein sollten und nicht umgekehrt. Neben Springer Nature haben auch Wiley und andere große und kleinere Verlage die Zeichen der Zeit erkannt und beteiligen sich zunehmend aktiv an der globalen Umstellung auf Open Access. Elsevier als größter und profitstärkster Fachzeitschriftenverlag bewegt sich bisher allerdings kaum und bestätigt damit, dass die Einführung von Plan S sinnvoll und nötig ist.

FWF: Analysen belegen, dass sich Universitäten und Forschungsinstitutionen durch eine Umstellung des Publikationssystems auf Open Access Kosten sparen würden und die Verlage trotzdem wirtschaftlich bleiben könnten? Wie kann ein modernes System für alle Beteiligten funktionieren?

Pöschl: Umfassende Analysen des weltweiten Publikationsmarktes zeigen, dass die Ausgaben für den Zugang zu Fachzeitschriften in dem von Großverlagen beherrschten traditionellen Subskriptionsgeschäft durchschnittlich rund 4.000 Euro pro Fachzeitschriftenartikel betragen. In Open-Access-Fachzeitschriften vergleichbarer Qualität liegen realistische Preise pro Artikel nur bei rund 2.000 Euro oder darunter. In meinem eigenen Forschungsfeld, den Atmosphären- und Geowissenschaften, sind einige der weltweit führenden und größten Fachzeitschriften von höchster Qualität und Sichtbarkeit schon seit zwei Jahrzehnten reine Open-Access-Fachzeitschriften. Sie gehören der Fachgesellschaft European Geosciences Union, die mit bis zu 16.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern regelmäßig in Wien tagt, und werden von einem mittelständischen deutschen Verlagshaus hergestellt, mit ansehnlichen Einkommen und Überschüssen sowohl für den Verlag als auch für die Fachgesellschaft. Aufgrund effizienter Nutzung moderner Technologien beträgt der Preis pro Artikel dort jedoch durchschnittlich nur rund 1.500 Euro. Dieses Beispiel zeigt, dass Open Access für kleine Verlage in Europa weniger eine Gefahr als vielmehr eine große Chance darstellt. Aufgrund der zuvor genannten Analysen und Erfahrungswerte können wir davon ausgehen, dass der finanzielle Puffer und Spielraum für den Übergang zu Open Access und für eine wissenschafts­gerechte Gestaltung des Fachzeitschriften-Publikationssystems real bei rund 50 Prozent der aktuellen Ausgaben und zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel liegt. Von einer manchmal behaupteten Gefährdung des wissenschaftlichen Publikationssystems und seiner Finanzierbarkeit durch Open Access kann also gar keine Rede sein.

Open Access stellt für kleine Verlage in Europa weniger eine Gefahr als vielmehr eine große Chance dar.

Ulrich Pöschl

Selbst wenn die Durchschnittskosten durch den Übergang zu Open Access nicht sinken sollten, wird sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Publikationswesens insgesamt deutlich verbessern, da sich der praktische Wert der wissenschaftlichen Publikationen durch freie Zugänglichkeit und Nutzbarkeit für Wissenschaft und Gesellschaft um ein Vielfaches erhöht. Die Erhöhung des praktischen Nutzens für die Öffentlichkeit ist auch viel wichtiger als allfällige Kostensenkungen, da die Publikationskosten insgesamt nur bei rund einem Prozent der öffentlichen Ausgaben für die Wissenschaft liegen. Eigentlich ist es schwer zu erklären, warum diese Umstellung so lange braucht und nicht schon vor rund 20 Jahren erfolgte, als das Internet breit nutzbar wurde und sich die meisten führenden Wissenschaftsorganisationen weltweit zu Open Access bekannten. Auch in diesem Sinne ist die Einführung und Umsetzung von Plan S längst überfällig.

FWF: Die Max-Planck-Gesellschaft unterstützt in Deutschland aktiv Open-Access-Initiativen. Welche zentralen Erkenntnisse wurden daraus bis jetzt gewonnen?

Pöschl: In der Max-Planck-Gesellschaft wird Open Access seit vielen Jahren von den wissenschaftlichen Mitgliedern vorangetrieben und von der Leitung unterstützt. Wir fordern Open Access nicht nur von den traditionellen Großverlagen, sondern wir fördern auch kleine und neue Open-Access-Verlage. Dadurch und durch den Abschluss transformativer Abkommen auf institutioneller ebenso wie auf nationaler Ebene liegt der Open-Access-Anteil unserer Fachzeitschriftenpublikationen bereits bei rund 80 Prozent, das heißt wir konnten die Ziele von OA2020 intern bereits weitgehend erreichen. Weltweit ist dies leider noch nicht der Fall, aber es zeigt, dass jede einzelne Institution für sich selbst sehr viel bewirken und damit auch den globalen Fortschritt voranbringen kann. Diesen Weg verfolgen erfreulicherweise auch andere Organisationen erfolgreich, zum Beispiel die University of California als eine der größten akademischen Institutionen der Welt aber auch der FWF, die Universität Wien und andere österreichische Einrichtungen.

FWF: Wäre es mit einheitlichen Standards leichter?

Der Wunsch und die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens sowie einheitlicher oder wenigstens miteinander kompatibler Standards zählen zu den wesentlichen Gründen, weshalb sich in Europa und weltweit bereits zahlreiche Länder und Institutionen Plan S, OA2020 und verwandten Initiativen angeschlossen haben. Je größer die Einigkeit, desto leichter lassen sich die Interessen der Wissenschaft gegenüber dem Oligopol der internationalen Großverlage durchsetzen.

FWF: Was bedeutet das für die Gesellschaft und die Wissenschaftskommunikation?

Pöschl: Von dem Gesamtaufwand und den öffentlichen Ausgaben, den die Gesellschaft in die Wissenschaft investiert, geht rund ein Prozent in das Publikationswesen. Wenn man sich diese Relationen bewusst macht, wird klar, dass diverse Lobbyisten allzu oft und allzu lange damit erfolgreich waren, die englische Redensart von „the tail wagging the dog“ in die Realität umzusetzen. Es ist absurd, dass für etwa ein Prozent der Kosten rund 99 Prozent des öffentlichen Gesamtaufwands und des damit verbundenen Nutzens hinter den Bezahlwänden kommerzieller Verlage weggesperrt werden, obwohl das Internet freien Zugang ohne nennenswerte Mehrkosten ermöglicht.

Wenn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung und ihre Abbildungen in Publikationen frei zugänglich und nutzbar sind, profitieren alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens davon. Das betrifft die Forschung selbst insbesondere in ihrer Interdisziplinarität und globalen Vernetzung; den Bildungsbereich an Schulen, Universitäten und in der Erwachsenenfortbildung; die Medien und ihren Umgang mit Fake News, alternativen Fakten und postfaktischen Behauptungen sowie die Wirtschaft und technologische Innovationen. Für kleinere Unternehmen ist es beispielsweise sehr schwierig, wissenschaftliche Originalpublikationen zu nutzen, unabhängig davon, ob diese aktuell oder schon jahrzehntealt sind. Sogar für große Unternehmen, die sich den Zugang zu Fachzeitschriften erkaufen, können technische Einschränkungen des Zugriffs durch die Sicherungsmaßnahmen und Bezahlwände der Verlage eine effiziente Nutzung der Inhalte durch Data Mining oder Machine Learning massiv erschweren. In all diesen Bereichen liegen riesige Potenziale, die durch Open Access freigesetzt werden können. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig wissenschaftlicher Austausch ist – auch für die Medien und die Öffentlichkeit. Ich bin zuversichtlich, dass diese Erfahrung dazu beiträgt, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass freier Zugang zu Wissen ein Wert an sich ist, nicht nur, aber auch in Krisensituationen.


Ulrich Pöschl engagiert sich seit dem Jahr 2000 als Forscher und Hochschullehrer für Open Access. Der Chemiker forscht im Bereich der Atmosphären-, Klima- und Gesundheitswissenschaften. Er ist wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie und Professor an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Pöschl ist unter anderem Begründer und Herausgeber von Atmospheric Chemistry and Physics (ACP), der weltweit ersten naturwissenschaftlichen Open-Access-Fachzeitschrift mit öffentlichem Peer Review, sowie Initiator der internationalen Open-Access-Initiative OA2020. Gefördert durch ein Schrödinger-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF, forschte Pöschl von 1996 bis 1997 als Postdoc am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA.


Ein revolutionärer Plan S

Plan S hat sich zum Ziel gesetzt, Forschungsergebnisse aus öffentlich finanzierten Mitteln ab 2021 frei zugänglich zu machen. Bisher haben sich neben dem Wissenschaftsfonds FWF 16 weitere nationale Förderungsorganisationen, vor allem in Europa, der Initiative angeschlossen, ebenso wie sieben der weltweit größten privaten Förderer und Organisationen, unter ihnen die Weltgesundheitsorganisation, die Bill & Melinda Gates Foundation und Wellcome Trust. Zu den Unterstützern der Initiative zählt auch die Europäische Kommission, die ihre Open-Access-Politik ebenfalls an Plan S orientieren will.

Für vom FWF geförderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gilt Plan S für alle Forschungsprojekte, die ab 1. Jänner 2021 bewilligt werden. Wissenschaftliche Artikel mit Peer Review, die aus diesen Projekten hervorgehen, müssen ohne Zeitverzögerung Open Access gestellt werden. Das wird für die ersten durch den FWF geförderten Projekte etwa ab Ende 2021 oder Anfang 2022 zutreffen. Für Publikationsformate wie Monographien und Sammelbände wird eine verbindliche Richtlinie bis Ende 2021 formuliert.

Mehr Informationen

Neue Open-Access-Vorgaben ab 2021

https://www.coalition-s.org/

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.