Im Porträt

Waldmensch – Hand in Hand mit der Praxis

Der Forstwirt Rupert Seidl untersucht die Rolle von Klima und Störungen in Waldökosystemen – mit überraschenden Ergebnissen: Störungen wie Waldbrand, Borkenkäfer oder Windwurf haben durchaus positive Seiten. Quelle: Privat

Im Juni 2018 stellte die niederösterreichische Landesregierung eine Million Euro als Sofortmaßnahme zur Prävention von Borkenkäferschäden zur Verfügung. Im Jahr zuvor entstand den 35.000 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern in Niederösterreich ein finanzieller Gesamtschaden in der Höhe von 35 Millionen Euro. Insgesamt waren 1,5 Millionen Festmeter Holz vom Borkenkäfer befallen. Besonders betroffen war das Waldviertel. „Durch den heißen und trockenen Frühling könnte das Problem dieses Jahr noch größer sein, da die Käfer schon früher beginnen konnten, sich zu vermehren“, warnt Rupert Seidl, Professor am Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU).

Borkenkäferbiotope

Im Allgemeinen haben sich die Bäume evolutionär gut an den Borkenkäfer angepasst, sie wehren sich gegen den Eindringling, indem sie ihn verharzen. Im Ökosystem Wald erfüllt er zudem eine wichtige Funktion: Borkenkäfer bringen geschwächte Bäume zum Absterben und leiten so die Waldverjüngung ein. Neben den natürlichen Fichtenwäldern höherer Gebirgslagen hat der Mensch mit ausgedehnten Fichtenmonokulturen in Tieflagen optimale Biotope für Borkenkäfer geschaffen. „Hier können sich bei klimatischen Extremen wie lange Hitze- oder Trockenperioden die auf die Fichte als Wirt spezialisierten Käfer wie Buchdrucker und Kupferstecher explosionsartig vermehren“, erklärt Seidl. Die klimatischen Änderungen haben noch einen zusätzlichen Effekt: Wenn es trockener wird, können die Bäume nicht ausreichend Harz produzieren und sich somit nur mehr unzureichend gegen die Käfer verteidigen.

Das ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Rupert Seidl

Biodiversität

Als kurzfristige Maßnahme kann man jene Bäume aus dem Wald entfernen, die ein hohes Risiko tragen, befallen zu werden. Haben die Käfer einen Baum erst einmal kolonisiert, stirbt er ab. „Das ist ein Wettlauf mit der Zeit“, bewertet Seidl diese Maßnahme. Längerfristig wirksamer sei es, Mischwälder zu schaffen, wo sich Buchdrucker und Kupferstecher nicht so schnell ausbreiten können. „Generell gilt, je höher die Biodiversität, umso weniger anfällig ist das System“, sagt der Wissenschaftler und präzisiert: „Wenn man nicht nur verschiedene Baumarten hat, sondern auch Tiere wie Vögel, Wespen und Käfer, die Fressfeinde des Borkenkäfers sind, kann man langfristig das Risiko senken.“

Störungsprozesse

In seinem vom FWF geförderten START-Projekt „Störungen in Waldökosystemen in einer Welt im Wandel“ untersucht der Forstwirt hauptsächlich Störungsprozesse in mitteleuropäischen Wäldern. Diese sind neben dem Borkenkäfer vor allem Windwurf und Waldbrand. Wobei: Man spricht von einem Störungsprozess erst dann, wenn Bäume relativ abrupt und großflächig absterben.

Störungen sind auch positiv

Seidl konzentriert sich in seiner Feldforschung auf Nationalparks, um zunächst natürlich laufende Prozesse isoliert von menschlichen Eingriffen untersuchen zu können. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen haben den Wissenschaftler überrascht: „Störungen haben durchaus positive Seiten, etwa für die Biodiversität. Sie erhöhen die Nischen und die Diversität der Lebensräume. Totes Holz zum Beispiel ist ein wichtiger Lebensraum im Wald. Das Waldökosystem hat sich über lange Zeit an Störungen angepasst und kann mit solchen Ereignissen auch sehr gut umgehen“, erklärt Seidl. Doch hier kommt der Faktor Mensch dazu und die Funktionen, die der Wald erfüllen soll: Zum einen soll er vor Naturgefahren schützen, zum anderen ist er ein wichtiger Holzlieferant. „Es wird auch in einem zukünftig wärmeren Klima noch Wald geben“, sagt Seidl, „die Frage ist nur, ob das in einem Naturraum, der so intensiv genutzt wird wie Mitteleuropa, der Wald ist, den wir uns wünschen.“ Für die Artenvielfalt sind Störungen also gut. Für das, was wir Menschen vom Wald brauchen aber nicht

Die intensive Waldbrandprävention im Westen der USA im 20. Jahrhundert war laut Seidl kontraproduktiv, da sie dazu führte, dass der Wald dichter wurde. Bricht dann ein Feuer aus, ist es schwerer einzudämmen. Im Bild ein Beispiel aus dem Yellowstone Nationalpark. Quelle: Rupert Seidl

„Immunreaktion“

Ein weiteres spannendes Ergebnis aus dem START-Projekt des jungen Forschers ergab die Frage, wie sich der Wald bei einem Temperaturanstieg von 3 bis 5 Grad in 100 Jahren verändern würde. Dieser Temperaturanstieg entspricht dem klimatischen Unterschied über mehrere hundert Höhenmeter, 100 Jahre sind jedoch nicht einmal eine Baumgeneration. „Die Störungen führen dazu, dass sich neue Arten schneller etablieren, damit sich das System schneller an die neuen Bedingungen anpassen kann. Das ist fast wie eine Immunreaktion des Waldes“, sagt Seidl, weist allerdings darauf hin, dass man hier bei „schneller“ immer noch von mehreren Hunderten Jahren spricht. – Die Zeitdimension des Waldes ist wesentlich langfristiger als der Planungshorizont des Menschen.

Risiko und Resilienz

Was man aus den Forschungsergebnissen lernen kann? Trotz der Bemühungen der Waldbewirtschafterinnen und Waldbewirtschafter, Störungen zu vermeiden, haben sie sich in Europa in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. „Man wird vielerorts nur mit gesteigertem Bewirtschaftungseinsatz stabile Wälder erhalten können, um ihre Funktionen aufrecht zu erhalten. In anderen Bereichen sollte man die positiven Effekte von Störungen im Kontext von Vielfalt und Selbstregulierung des Systems nutzen“, sagt Seidl. Sein Credo dabei lautet: in der Bewirtschaftung mehr auf Fragen zu Risiko und zur Regenerationsfähigkeit des Waldes einzugehen und in der Planung sich mehr mit Stabilitätsfragen auseinanderzusetzen.

Gegen natürliche Prozesse zu arbeiten, führt meist nicht zum Ziel.

Rupert Seidl

„Keine Käseglocke“

Allerdings solle man dabei nicht „die Käseglocke überstülpen“, das habe sich als kontraproduktiv erwiesen. Als Beispiel nennt Seidl die Waldbrandprävention im Westen der USA. Im 20. Jahrhundert habe man dort sehr effektiv sofort jedes Feuer gelöscht. Das habe allerdings dazu geführt, dass der Wald dichter wurde. Bricht nun ein Feuer aus, sei dieses viel schwieriger einzudämmen, weil es mehr brennbares Material gibt. „Heute weiß man, dass es für viele dieser Systeme gut gewesen wäre, wenn es alle fünf bis zehn Jahre in kleinerem Ausmaß gebrannt hätte“, sagt Seidl und resümiert: „Gegen natürliche Prozesse zu arbeiten führt meist nicht zum Ziel.“

Globaler Artenverlust hundert Mal höher

Auch wenn das Ökosystem Wald über eine hohe Resilienz verfügt, zeigen Seidls Analysen deutlich: „Wenn Störungen durch den Klimawandel stärker werden, kann es einen Punkt geben, bei dem das System kippt und sich nicht mehr regeneriert.“ Neben dem Temperaturanstieg sieht Seidl im Artenverlust eines der größten Probleme: „Der Verlust der Arten ist global gesehen hundert Mal höher als man auf Basis natürlicher Prozesse erwarten würde. Wenn viele Arten wegfallen, kann das System eine kritische Schwelle überschreiten und viele seiner Funktionen nicht mehr erfüllen“, warnt der Forscher.

Seidls Forschungsergebnisse im Yellowstone Nationalpark zeigen, dass der dortige Wald bei steigender Trockenheit und Waldbrandhäufigkeit in eine offene, savannenartige Graslandschaft übergehen könnte. Teile des Gebiets haben sich bereits dahingehend verändert. Quelle: Rupert Seidl

Veränderungen bei steigender Trockenheit

Ein Beispiel für ein Überschreiten von kritischen Schwellen zeigen Untersuchungen im Yellowstone Nationalpark in den nördlichen Rocky Mountains der USA. „Die Ergebnisse zeigen, dass der Wald dort bei steigender Trockenheit und Waldbrandhäufigkeit in eine offene, savannenartige Graslandschaft übergehen könnte“, berichtet der Forstwirt und Ökologe. Für Mitteleuropa sind Seidls Untersuchungen dazu noch nicht abgeschlossen. Er geht aber davon aus, dass in weiten Teilen der Alpen bei steigenden Temperaturen und zunehmenden Störungen weiterhin Wald bestehen wird. „Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich das System stärker Richtung Laubwald verändert“, so der Wissenschaftler.

Der Artenverlust ist eines der größten Probleme.

Rupert Seidl

Kein Waldsterben in den 1980er-Jahren?

Aber hat sich denn der Wald nicht auch nach dem Aufschrei des drohenden Waldsterbens in den 1980er-Jahren wieder erholt? Den Unterschied zu den 1980ern sieht Seidl in der ungleich schwierigeren Lage heute: „Die Schwefelbelastung damals war örtlich begrenzt, durch Filteranlagen konnte man diese um über 90 Prozent reduzieren. Die CO2-Belastung, die dem Klimawandel zugrunde liegt, ist jedoch global und fossile Rohstoffe sind seit über 150 Jahren die Basis für unser Wirtschaftssystem.“ Zum anderen habe der mediale Aufschrei damals ein großes Interesse am Wald erzeugt und es wurde mehr Geld in die Forschung investiert. „Vieles, was wir heute erforschen, baut etwa auf Ergebnisse eines damals vom FWF finanzierten Spezialforschungsbereichs auf“, erklärt Seidl.

„iLand“ – Klimaszenarien durchspielen

Im Rahmen der damaligen Debatte um das Waldsterben wurden beispielsweise viele Versuchsflächen angelegt, die heute noch wertvolle Daten zum Wald liefern. Die Langlebigkeit von Bäumen verlangt jedoch auch nach längeren Betrachtungshorizonten. Das gelingt Seidl mit Hilfe des von ihm entwickelten Waldlandschaftsmodells „iLand“ http://iLand.boku.ac.at, mit dem er ganze Landschaften im Computer abbilden kann: Mit diesen Modellen können die Forscherinnen und Forscher die fundamentalen Prozesse des Waldes nachbilden und somit Wachstum, Sterben und Verjüngung eines Waldes im Computer simulieren. „Wir können damit für die nächsten 100 Jahre die Veränderungen unter verschiedenen Klimaszenarien durchspielen“, nennt Seidl eine Anwendung von „iLand“.

Hand in Hand mit der Praxis

Weiters wird das Modell sehr stark in Bewirtschaftungsfragen eingesetzt. So kann man mit „iLand“ untersuchen, was passiert, wenn man beispielsweise eine andere Baumart pflanzt oder wenn man an einem bestimmten Ort die Diversität der Baumarten erhöht. Oder man kann feststellen, wo eine bestimmte Risikomanagementmaßnahme am stärksten wirksam ist. Allerdings handelt es sich bei „iLand“ um eine wissenschaftliche Software und kein Tool, das Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter einfach am Smartphone abrufen können. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen die Simulationen, bereiten die Daten auf und diskutieren dann auf deren Basis mit den Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern des Waldes, durch welche Maßnahmen welche Effekte erzielt  werden können. Wobei: manchmal zeigen diese Diskussionen auch Unterschiede zwischen Modell und Wirklichkeit auf. „Diese Feedbacks sind ganz wichtig für uns, weil sich daraus neue Fragen ergeben, denen wir in der Grundlagenforschung wiederum nachgehen. Das ist ein Hand-in-Hand-Gehen, bei dem man sich gegenseitig befruchtet“, erklärt Seidl die Zusammenarbeit mit der „Praxis“.

Klimaschützer Wald

Der Wald liefert nicht nur Holz als natürlich nachwachsende Ressource und bietet Schutz vor Naturgefahren, er ist auch ein Klimaschützer, weil er CO2 aufnimmt und über lange Zeit speichern kann. Deshalb ist der rasant fortschreitende globale Waldverlust auch so bedrohlich, da er den Klimawandel noch beschleunigt. Knapp ein Drittel der Landfläche der Erde ist mit Wäldern bedeckt – in Österreich sind es sogar knapp 50 Prozent. Spitzenreiter im jährlichen Waldverlust sind Brasilien und Indonesien. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der Änderung der Landnutzung wie zum Beispiel als Sojaplantagen und Rinderweiden in Brasilien oder Palmölplantagen in Indonesien.

„Das Problem ist Bottom-up zu lösen“

Seidl hegt keine großen Hoffnungen, das Problem des Klimawandels in einem Top-down-Prozess zu lösen, sondern hofft auf Bottom-up Aktivitäten: „Wir alle können unser Verhalten ändern – wie wir uns ernähren, unsere Mobilität. Wir haben es selber in der Hand, etwas zu tun.“ Die Verantwortung politischer Entscheidungsträger sieht er darin, Anreize zu setzen, um Verhalten zu steuern. Jene der Wissenschaft liegt darin, aufzuzeigen, wo es Probleme gibt und welche möglichen Lösungsansätze es gibt.

Transformation als Chance

Was sich der Nachwuchswissenschaftler von der Politik dabei wünschen würde, sind positive Visionen für die Zukunft. „Wir sollten diese Transformation, in der sich unsere Gesellschaft befindet, als Chance begreifen“, fordert Rupert Seidl. Als größte

Wir sollten die Transformation, in der wir uns befinden, als Chance begreifen.

Rupert Seidl

Herausforderung dabei sieht er, die Wege der Transformation zu definieren: „Wir haben einen Istzustand, mit dem wir nicht zufrieden sind, und wir haben einen angestrebten Zielzustand, nämlich eine nachhaltige Gesellschaft im Einklang mit der Natur. Jetzt geht es darum, mögliche konkrete Pfade zu einer solchen positiven Entwicklung zu finden“, sagt Seidl. Die Suche dieser Wege sieht er als gesellschaftlichen, demokratischen Aushandlungsprozess. Da sei jeder Bürger und jede Bürgerin gefragt. „Das ist eine Willensfrage“, ist sich der 39-Jährige sicher.

Anteil Radfahrende soll verdoppelt werden

„Heute fahren deutlich mehr Menschen in Wien mit dem Fahrrad als noch vor ein paar Jahren“ – kann der gebürtige Oberösterreicher beobachten –, der die Strecke zwischen Ottakring und Währing, wo sich sein Arbeitsplatz befindet, täglich und bei jedem Wetter mit dem Fahrrad  zurücklegt. Laut Klimastrategie der österreichischen Bundesregierung soll der Anteil der Radfahrerinnen und Radfahrer verdoppelt werden. „Das kann man nur unterstreichen. Man muss aber auch das notwendige Geld dafür in die Hand nehmen und die entsprechenden Anreize setzen.“ Dazu zeigen Untersuchungen, dass sich das Verkehrsverhalten insgesamt ändert, wenn eine kritische Masse an Radfahrenden erreicht ist. „In Wien sind wir noch nicht ganz dort“, schmunzelt Seidl.

Ideen am Fahrrad

Radfahren schont jedoch nicht nur die Umwelt und dient der eigenen Gesundheit, es setzt bei Rupert Seidl auch kreative Kräfte frei: „Manchmal zermartere ich mir den ganzen Tag im Büro den Kopf, um eine Lösung für ein Problem zu finden. Dann steige ich zuhause vom Fahrrad ab und notier‘ mir sofort die Idee, die mir am Heimweg auf dem Rad gekommen ist.“ Für diese Fälle trägt Seidl ständig sein schwarzes Notizbuch bei sich. Auch dann, wenn er, der sich als „Waldmensch“ bezeichnet, durch den Wienerwald streift. Etwas, was er übrigens sehr an Wien schätzt: „In welcher Großstadt können Sie schon mit der Straßenbahn in den Wald fahren?“ Die gesammelten schwarzen Bücher füllen jedenfalls bereits mehrere Regale in Seidls Büro.


Rupert Seidl ist Assoziierter Professor am Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU). Seine Forschungsinteressen umfassen Aspekte der Waldökosystemdynamik im Generellen und die Rolle von Klima und Störungen in Waldökosystemen im Speziellen. Er studierte Forstwirtschaft an der BOKU und verbrachte Forschungsaufenthalte in Schweden, Finnland und den USA. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er für sein Projekt „Störungen in Waldökosystemen in einer Welt im Wandel“ 2015 einen START-Preis des FWF.

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