Interview & Meinung

Was Corona mit Bluthochdruck zu tun hat

Internist Manfred Hecking und sein Team konnten sich die ersten 400.000 Euro der Corona-Akutförderung des FWF sichern. Ihre klinische Studie trägt dazu bei, COVID-19-Therapien zu verbessern. Quelle: Luiza Puiu/FWF

FWF: Wie kam es zu dem Projekt? Wann hatten Sie zum ersten Mal die Idee dazu?

Manfred Hecking: Anfangs habe ich das Corona-Virus ignoriert wie viele andere auch. Kurz vor dem Lockdown traf ich Marko Poglitsch, einen Spezialisten für Bioanalyse, um mich mit ihm über ein gemeinsames Forschungsprojekt zu unterhalten. Marko und ich kennen uns seit circa 15 Jahren. Er hat sich mit seiner Firma darauf spezialisiert, das sogenannte Renin-Angiotensin-System, auch RAS genannt, das im Menschen den Blutdruck reguliert, mittels Massenspektrometrie zu analysieren und einen personalisierten Ansatz in der Bluthochdrucktherapie zu entwickeln, der demnächst in der Klinik eingesetzt werden soll. Das Resultat seiner Forschung war ein einzigartiges Profil der zentralen Blutdruckhormone, der so genannte RAS-Fingerprint. Ich habe Marko gefragt, ob international bereits RAS-Fingerprint-Studien im Zusammenhang mit Covid-19 laufen, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Fall war. Ich konnte das gar nicht glauben und habe sofort begonnen, einen Projektantrag zu schreiben und meine Kolleginnen und Kollegen für dieses Projekt zusammenzubringen.

FWF: Was hat RAS mit Covid-19 zu tun?

Hecking: Zunächst einmal nützt SARS-CoV-2 ein bestimmtes Enzym des RAS, das sogenannte Angiotensin-Converting-Enzym 2, als seinen Eintrittsrezeptor in menschliche Zellen, unter anderem auch in Lungenzellen. Die Arbeiten von Josef Penninger sind diesbezüglich wegweisend. SARS-CoV-2 befällt und zerstört die Zellen, die dieses Enzym herstellen, was das RAS aus dem Gleichgewicht bringt. Wir möchten den Einfluss von SARS-CoV-2 auf das RAS in diesem Projekt daher detailliert untersuchen.

Man vermutete, der Grund, warum Nord-Italien so schwer betroffen war, könnte die häufigere Einnahme von RAS-Blockern sein.

Manfred Hecking

Und dann geht es uns noch um die RAS-Blocker, also Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzinsuffizienz, die das RAS maßgeblich beeinflussen: Als die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, gab es aufgrund einzelner kleiner Tierstudien sofort Diskussionen, ob Patientinnen und Patienten, die solche RAS-Blocker einnehmen, diese absetzen sollen, um das Risiko von Infektionen mit SARS-CoV-2 zu reduzieren. Man vermutete auch, dass der Grund dafür, warum Nord-Italien so schwer betroffen war, die häufigere Einnahme von RAS-Blockern ebendort sein könnte. Diese Hypothese resultierte in einem Aufschrei der Fachgesellschaften. Kardiologen haben international davor gewarnt, diese wichtigen Medikamente allein auf Basis weniger Tierstudien abzusetzen.

FWF: Was denken Sie?

Hecking: Unter Umständen könnte es sogar eine positive Beeinflussung der Erkrankung geben, insbesondere durch RAS-Hemmer aus der Stoffklasse der Sartane. Hier gibt es einen großen Bedarf an klinischen Studien, die diesen Sachverhalt untersuchen. Eine solche Studie haben wir geplant und das finanziert jetzt der FWF im Rahmen der Akutförderung zur Erforschung von Pandemien.

Erforschen gemeinsam die Rolle von blutdrucksenkenden Medikamenten im Zusammenhang mit COVID-19: Amelie Kurnikowski, Lukas Schmölz, Manfred Hecking (Projektleitung MedUni Wien), Judith Aberle, Rainer Oberbauer (Leiter der Klinischen Abteilung für Nephrologie & Dialyse an der Klinik für Innere Medizin III), Marianna Traugott, Marko Poglitsch (Attoquant Diagnostics), Roman Reindl-Schwaighofer, Farsad Eskandary (von links). Quelle: Luiza Puiu/FWF

FWF: Wie sieht diese Studie genau aus?

Hecking: Unsere Studie ist Teil einer größeren Studie der Medizinischen Universität Wien namens ACOVACT, das steht für „Austrian Coronavirus Adaptive Clinical Trial“. Bei ACOVACT werden in der sogenannten Hauptstudie verschiedene antivirale Therapien auf ihre Wirksamkeit getestet. Ähnliche Studien laufen aktuell auf der ganzen Welt. Da geht es zum Beispiel um die Wirkstoffe Lopinavir und Ritonavir. In Substudien wird unter anderem eine gerinnungshemmende Therapie untersucht, bzw. für besonders schwer betroffene Patientinnen und Patienten das Medikament Clazakizumab. Die Patientinnen und Patienten werden also antiviral therapiert, unter anderem auch solche, die Bluthochdruck haben und/oder eine RAS-Blocker-Therapie bereits bekommen. Der RAS-Blocker wird kontrolliert abgesetzt bzw. kontrolliert gegeben, und bei allen Personen wird vor und zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Absetzung ein RAS-Fingerprint erstellt, ebenso wie bei allen anderen Personen in der ACOVACT-Studie.

Wir gehen davon aus, dass wir mit dem RAS-Fingerprint schon bald erste Ergebnisse liefern können.

Manfred Hecking

FWF: Wie groß ist diese Studie angelegt?

Hecking: Als wir den Antrag eingereicht haben, wusste niemand, wie sich die Fallzahlen entwickeln. Wir haben geschätzt, dass wir bis Ende des Jahres 200 Patientinnen und Patienten untersuchen können. Das ist mit dem momentanen glücklichen Verlauf der Fallzahlentwicklung vielleicht nicht mehr haltbar. Mittlerweile gibt es auch internationale Konsortien, die ähnliche Fragestellungen im Rahmen klinische Studien bearbeiten. Wir gehen aber davon aus, dass wir mit dem RAS-Fingerprint schon sehr bald erste Ergebnisse liefern können. Nach einer Zwischenanalyse von rund 40 Personen sollten wir in der Lage sein, konkrete Aussagen über den zeitlichen Verlauf der Veränderung im RAS während einer Covid-19-Infektion treffen zu können.

FWF: Wie sieht derzeit Ihr Zeitplan aus?

Hecking: Es ist schwer zu sagen, wie sich die Fallzahlen in Zukunft entwickeln werden. Wir konnten bereits mehr als 200 Proben sammeln, und gehen davon aus, dass erste Ergebnisse bereits in den kommenden Wochen vorliegen. Die Rekrutierung läuft trotz niedriger Fallzahlen mit zufriedenstellender Geschwindigkeit.

FWF: Sie waren vor Ihrer Wissenschaftskarriere Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern. Wann werden wir wieder in ein klassisches Konzert gehen können?

Hecking: Die Staatsoper öffnet ja im Herbst wieder und ich hoffe dieser Plan hält auch. Ich selbst organisiere mit Kolleginnen und Kollegen ein Projekt namens Sounds and Science, Wissenschaft und Musik, und wir mussten zuletzt einiges absagen. Unsere nächste Veranstaltung in Wien ist für den 8. Jänner 2021 geplant. Wir sind zuversichtlich, dass wir diese Veranstaltung durchführen können.


Manfred Hecking ist Internist an der Medizinischen Universität Wien. Neben dem Renin-Angiotensin-System interessiert er sich besonders für Flüssigkeitshaushalt, Diabetes nach Organtransplantation und geschlechtsspezifische Unterschiede von Menschen mit Niereninsuffizienz. Bis 2006 war er Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern. Das aktuelle FWF-Akutprojekt „COVID-19 und RAS-Blockade“ ist seine zweite FWF-geförderte klinische Studie.


FWF-Akutförderung

Die Akutförderung zur Erforschung humanitärer Krisen wie Epidemien und Pandemien des FWF ist ein aktuelles Förderprogramm, das die Freigabe von Fördermitteln in einem verkürzten „Fast-Track“-Verfahren erlaubt, wenn das Forschungsthema im größeren Zusammenhang zu SARS-CoV-2 steht. Es geht um die Eindämmung der Pandemie, um Früherkennung und Prävention, um die Ursachen und Auswirkungen, aber auch um politische, kulturelle oder ethische Aspekte. Die Einreichfrist läuft vorerst bis Ende September 2020, gefragt ist Grundlagenforschung aller Fachgebiete. Das Projekt „Covid 19 and RAS Inhibition“ von Manfred Hecking ist das erste geförderte Projekt dieses Programms.

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