Interview & Meinung

Das Ende der Paywall in der Wissenschaft

Dem Publikationswesen in der Wissenschaft stehen mit einer neuen weltweiten Initiative große Veränderungen bevor. Quelle: Isaac Benhesed on Unsplash

Seit einiger Zeit rumort es im akademischen Verlagswesen, inzwischen so laut, dass auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist, dass es Bedarf für strukturelle Veränderungen in diesem Bereich gibt. Dieser gründet vor allem auf der Tatsache, dass in den vergangenen Jahrzehnten eine Monopolisierung im wissenschaftlichen Publikationssystem stattgefunden hat. Das erstaunt nicht, wenn man bedenkt, wie enorm der Markt in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist: Die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen verdoppelt sich mittlerweile alle neun Jahre und einige wenige kommerzielle Großverlage beherrschen den Markt. Sie erzielen immer höhere Renditen, wie etwa die weltweit tätigen Wissenschaftsverlage Elsevier, Wiley-Blackwell oder Springer Nature. Letzterer als, wie es der Name verrät, Herausgeber eines der weltweit renommiertesten und bekanntesten Wissenschaftsmagazine („Nature“).

Monopolisierung und Bezahlschranken

Wer in der Wissenschaft erfolgreich sein will, ist darauf angewiesen in solchen renommierten Fachzeitschriften zu publizieren, dementsprechend haben Verlage viel Macht und kontrollieren den oft mit öffentlichen Mitteln erzeugten Output der Wissenschaft – so der Status quo. Doch seit einiger Zeit wird dieses Modell von der wissenschaftlichen Community immer lauter hinterfragt, denn die Verlage  bekommen die Publikationen inklusive der Verwertungsrechte kostenlos. Dazu übernehmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ebenfalls ohne Vergütung, für die Verlage die Qualitätskontrolle (Peer Review) der Publikationen. Und schließlich zahlen die Forschungsinstitutionen entweder für den Zugang zu Publikationen oder für die Veröffentlichung der Publikationen hohe Beträge an die Verlage. Die Steigerungsraten der Kosten liegen dabei oftmals weit über der Inflationsrate.

Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der European University Association (EUA) zahlen Universitäten und andere Forschungseinrichtungen aus 30 europäischen Ländern für Zeitschriftenpakete mehr als eine Milliarde Euro jährlich vor allem an die Großverlage. Der tatsächliche Wert dürfte noch um einiges höher liegen, da die Studie nicht alle Zahlungen erfassen konnte. Für Privatpersonen ist der Zugang zu diesem Wissen zwar über öffentliche Bibliotheken möglich, ein schneller Zugriff im Internet faktisch aber unerschwinglich.

 

Big Deals: Kosten nach Verlagen

Allein mit diesen fünf großen Verlagen werden in Europa jährlich mehr als 475 Millionen Euro für sogenannte „Big Deals“ unter den Verlagsabkommen ausgegeben. Quelle: Big Deals Survey Report 2019, EUA

Neue Modelle aus der Wissenschaft  

Neben diesen kostspieligen und auch undurchsichtigen „closed circles“ der Wissensproduktion, haben sich in den vergangenen Jahren etliche nicht-kommerzielle Publikationsmodelle etabliert, oft in Eigeninitiative von Wissenschaftlerinnnen und Wissenschaftlern, die eigene, frei zugängliche Journale (Open Access) gründeten, wie zum Beispiel „SciPost“, das der in Amsterdam tätige Physiker Jean-Sébastien Caux ins Leben gerufen hat. Der Wiener Quantenphysiker Marcus Huber, 2015 erhielt er den START-Preis des FWF für Nachwuchswissenschaft, ist wiederum Mitbegründer des Open-Access-Magazins „Quantum“, und die Open Library of Humanities (OLH) ist eine von Forscherinnen und Forschern 2015 in Großbritannien gegründete gemeinnützige Organisation, die den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen in den Geisteswissenschaften fördert. Viele dieser Initiativen werden von jungen Talenten gestartet, – auch auf die Gefahr hin, Renommee zu riskieren, wenn sie nicht in anerkannten Magazinen publizieren. Doch sie ziehen es vor, neue Wege zu gehen, um an einem System zu rütteln, das sich zu Ungunsten der Urheber des geistigen Eigentums entwickelt hat.

FWF und Österreich gut aufgestellt 

Der FWF und österreichische Institutionen sind seit Jahren Förderer solcher Initiativen in allen Disziplinen. 2018 hat der Wissenschaftsfonds insgesamt 3,3 Millionen Euro für Publikationskosten zur Verfügung gestellt. Zudem ist es in enger Kooperation mit den österreichischen Bibliotheken gelungen, bereits eine Reihe von Verlagsvereinbarungen mit den großen Marktplayern wie etwa Springer, Wiley Blackwell und Taylor & Francis abzuschließen, die es Autorinnen und Autoren erheblich erleichtern, Open Access zu publizieren.


Wegbereiter für eine offene Wissenschaft

Der FWF verfolgt seit vielen Jahren eine der weltweit effektivsten Open-Access-Strategien unter Förderungsorganisationen, so das Ergebnis einer europäischen Studie aus dem Jahr 2015. Heute sind 92 Prozent der aus FWF-geförderten Projekten hervorgegangenen Publikationen durch gezielte Förderungsmodelle des FWF frei zugänglich. Wissenschaft für alle ist dem FWF übrigens seit seinem Gründungsjahr 1968 ein Anliegen, Publikations- und Druckkosten waren von Beginn an Teil des Förderungsprogramms.


Freier Zugang zu wissenschaftlichem Wissen ist eine wichtige Voraussetzung für eine Wissenschaft, die in all ihren Arbeitszyklen offen und transparent sein will. Das gewährleistet, dass Forschungsergebnisse- und Methoden nachvollzogen, kritisiert und weiterentwickelt werden können. Darüber hinaus haben die Wissenschaftsgemeinschaft als Produzent und Qualitätssicherer einerseits, sowie die Gesellschaft als Förderer von Forschung und Entwicklung andererseits, ein ökonomisches wie auch ethisches Recht auf einen freien Zugang zu Wissen. Um das zu gewährleisten, ist es notwendig, von der Wissenschaft kontrollierte Infrastrukturen und Services zu fördern. Eine institutionelle Finanzierung, etwa durch einen bestimmten Betrag pro Jahr, kann eine gewisse Nachhaltigkeit und Planbarkeit gewährleisten und den (Subskriptions-)Modellen kommerzieller Großanbieter ein System entgegensetzen, das effizient, fair und kostentransparent ist.

Ein Plan und große Ambitionen

Gemeinsam mit österreichischen Forschungsstätten hat der FWF hat in den vergangenen Jahren somit eine Reihe von Voraussetzungen (siehe „Was bisher geschah“) geschaffen, um den fälligen Kulturwandel im wissenschaftlichen Publikationswesen vorzubereiten, der nun durch die Umsetzung des „Plan S“ endgültig Fuß fassen soll. Der Plan geht auf einen politischen Beschluss der Europäischen Union aus dem Jahr 2016 zurück, mit dem Ziel die derzeit praktizierten unterschiedlichen Open-Access-Richtlinien und -Modelle anzugleichen. Erstmals präsentiert wurde Plan S im Herbst 2018 von der Initiative cOAlition S. Unter dieser Plattform haben sich bis dato mehr als 20 internationale Förderungsorganisationen zusammengeschlossen, um die Umsetzung des Plans zu unterstützen. Es ist dessen vorrangiges Ziel alle wissenschaftlichen Publikationen aus Forschungsprojekten, die durch öffentliche Mittel oder von gemeinnützigen Organisationen finanziert werden ab 2021 frei zugänglich zu machen.

Die Vereinigung cOAlition S zielt auf ein frei zugängliches, wissenschaftliches Open-Access-Publikationssystem ab. Quelle: cOAlition S

Auf Basis von zehn Prinzipien, die von der Initiative vorgeschlagen wurden, hat in den vergangenen Monaten ein intensiver Diskussionsprozess stattgefunden. Befürworterinnen und Befürworter sowie Kritikerinnen und Kritiker des Plans wurden zu einem Feedback-Prozess eingeladen, dessen Ergebnisse in die finale Version eingeflossen sind, die nun am 31. Mai 2019 veröffentlicht wurde. Für alle wissenschaftlichen Artikel, die aus FWF-geförderten Projekten hervorgehen, bedeutet Plan S, dass sie künftig ohne Zeitverzögerung frei zugänglich sein werden. Das wird erstmals für Publikationen gelten, die etwa ab Ende 2021 erscheinen.

Eine neue Ära hat begonnen

Im Sommer 2017 hat der Wissenschaftsfonds „Open Science“ zum Thema beim Europäischen Forum Alpbach gemacht. Internationale Expertinnen und Experten diskutierten über veränderte Rahmenbedingungen und die Auswirkungen von Privatisierung und Ökonomisierung im Wissenschaftssystem. Die Veranstaltung hat einmal mehr gezeigt, dass das Interesse und der Rückhalt für eine Wissenschaft, deren Errungenschaften zuvorderst der Gesellschaft zugutekommen sollen, groß sind. In der Community gibt es einen breiten Konsens für Open Access und Open Science und die Transparenz von Kosten, Rahmenbedingungen und Services im Publikationswesen ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Darauf aufbauend muss der freie Zugang zu Forschungsdaten gewährleistet sein. Es wird die nächste Herausforderung werden, denn das Wachstum an Informationen und die Verwaltung von Forschungsdaten, wird neue Instrumente der Qualitätskontrolle erfordern. Der FWF hat jüngst seine Policy dementsprechend adaptiert und verpflichtet Forscherinnen und Forscher dazu, sofern es die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen erlauben, aus Projekten hervorgegangene Forschungsdaten offenzulegen. Der FWF sieht sich auch weiterhin als Wegbereiter und Wegbegleiter, um den freien Zugang zu öffentlich finanziertem Wissen zu ermöglichen und setzt sich dafür ein, dass der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn allen Forschenden und der Gesellschaft zugutekommt.


Falk Reckling ist Leiter der Abteilung Strategie – Policy, Evaluation, Analyse beim Wissenschaftsfonds FWF. Dort verantwortet er die Bereiche Strategie, Forschungsstatistik und -dokumentation sowie „Scholarly Communication“ inklusive Open Access.


Was bisher geschah – 15 Jahre FWF Open Access Policy

 

  • 2003 unterzeichnet der FWF als einer der ersten Unterstützer die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, die heute als eines der Gründungsdokumente der internationalen Open-Access-Bewegung gilt.
  • 2004 veröffentlicht der FWF seine erste Open-Access-Richtlinie.
  • Zunächst auf freiwilliger Basis, wird 2008 Open Access verpflichtend für alle qualitätsgeprüften (Peer Review) Publikationen eingeführt.
  • 2012 gründet der Wissenschaftsfonds, gemeinsam mit der Österreichischen Universitätenkonferenz UNIKO, die Plattform OANA (Open Access Network Austria), die sich der Weiterentwicklung von Open Access und Open Science verpflichtet.
  • Seit 2013 veröffentlicht der FWF seine Publikationskosten auf dem Online-Portal Zenodo. Die Daten werden zusätzlich in den Open-APC-Datensatz aufgenommen, um eine internationale Kostenüberwachung zu ermöglichen. Insgesamt förderte der FWF in den vergangenen fünf Jahren 8.211 Publikationen (Bücher ausgenommen) im Umfang von 16,9 Millionen Euro.
  • 2014 erfolgt eine Aktualisierung der Open-Access-Richtlinien des FWF, mit Fokus auf qualitätssichernde Standards der Anbieter. Der FWF unterstützt nur noch Open-Access-Publikationen, die ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung frei zugänglich sind.
  • 2018 unterstützt der FWF die Open-Access-Initiative cOAlition S, die sich im Rahmen von Plan S für einen vollständigen und sofortigen freien Zugang zu Forschungsergebnissen einsetzt.
  • Die jüngste Aktualisierung der Open-Access-Politik des FWF findet Anfang 2019 statt. Damit wird auch der freie Zugang zu Forschungsdaten verpflichtend, vorausgesetzt, es ist rechtlich, ethisch und technisch möglich.
  • cOAlition S veröffentlicht die überarbeiteten Richtlinien zu Plan S im Mai 2019. Plan S gilt für alle Forschungsprojekte des FWF, die ab dem 1. Jänner 2021 eingereicht werden.

Mehr zum Thema

> Open Access – Finale Version von Plan S publiziert

> Open-Access-Publikationsmodelle

> Verlagsvereinbarungen in Österreich

> Der Goldene Weg zu Open Access

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.