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Arbeiten im Turbomodus

Immer und überall arbeiten: Die entgrenzte Arbeitswelt hat ihre Tücken. Quelle: pixabay.com

Immer schneller immer mehr leisten und mit permanenten Veränderungen schritthalten zu müssen ist ein Lebensgefühl, das die meisten kennen. Soziologinnen und Soziologen sprechen von der sozialen Beschleunigung. Internationale Studien bestätigen dieses Phänomen der heutigen Gesellschaft, das sich insbesondere im Arbeitsalltag spürbar macht. Doch wie genau und mit welchen Folgen wirkt sich die Beschleunigung im Arbeitsleben aus? Ein Team um den Psychologen Christian Korunka von der Universität Wien ist diesen Fragen in einem vom Wisenschafsfonds FWF unterstützten Projekt erstmals für Österreich nachgegangen.

Lernen motiviert

Für ihre Analysen haben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter mehr als 2.000 Beschäftigte im Dienstleistungsbereich (Verwaltung, Gesundheit, IT) in einem Abstand von jeweils eineinhalb Jahren befragt, wie sie Beschleunigung wahrnehmen und welche Anforderungen daraus für sie entstehen. Zusätzlich ermöglichten Interviews und Tagebuchaufzeichnungen vertiefende Analysen eines Phänomens, das hauptsächlich technologiegetrieben ist, Stichwort: Digitalisierung. „Wir leben in einem permanenten Software-Update“, umschreibt es Korunka und spricht damit eine von drei Anforderungen an, die das Forscherteam in den Untersuchungen zum Wandel der Arbeitswelt identifiziert hat, die da lautet: seine Kompetenzen ständig weiterzuentwickeln. Die permanenten Lernanforderungen werden von den Beschäftigten jedoch durchwegs positiv wahrgenommen, indem sie zu Motivation und Zufriedenheit beitragen. „Menschen macht lernen Spaß, das kann man in vielen Bereichen zeigen“, bestätigt Christian Korunka im Gespräch mit scilog. Nichtsdestotrotz, relativiert der Wissenschafter, gebe es jene, die in diesem Update-Arbeitsleben nicht mitkommen und aussteigen. „Dass die neue Arbeitswelt auch Verlierer schafft, dessen sollte man sich bewusst sein.“

Arbeitsintensivierung und ihre Folgen

Die ambivalenten Folgen des „Immer-schneller-immer-mehr“ zeigen sich im noch recht jungen Phänomen der Arbeitsintensivierung besonders deutlich. Die Forscherinnen und Forscher der Universität Wien konnten belegen, dass nicht nur der Zeitdruck zunimmt, sondern auch die Arbeitsdichte, so das zentrale Ergebnis der Analysen. Diese Intensivierung als Folge der Beschleunigung, und als zweite neue Anforderung im Arbeitsleben, wird von den Beschäftigten mehrheitlich als belastend bewertet. Die Folgen sind ein Rückgang des Engagements, geringes Wohlbefinden, sinkende Zufriedenheit und Konflikte zwischen Arbeit und Privatleben, was schließlich immer öfter in Erschöpfungszustände mündet. Diese Entwicklung zeichnet sich seit den 1990er-Jahren ab. „Nach einer stabilen Phase steigt die Intensivierung seit 2000 wieder an“, sagt Korunka. Als besonders belastend bewertet haben das sowohl gering- als auch höhergebildete Beschäftigte und ältere Personen.

Flexibiliät und ihre Grenzen

Mehr Aufgaben in immer kürzeren Zeiträumen zu erledigen, bedeutet für viele Beschäftigte heute auch, mehr Planungs- und Entscheidungsaufgaben zu erhalten. Diese Zunahme an Autonomie, die die Wissenschaft als dritte wesentliche Anforderung in der neuen Arbeitswelt identifiziert, wurde von den Befragten als Herausforderung bewertet, die sich sowohl positiv durch mehr Flexibilität als auch negativ durch Erschöpfung auswirken kann. Denn mehr Gestaltungsfreiheit bedeutet auch mehr Verantwortung und Selbststrukturierung. Die neu gewonnene Ressource schlägt so leicht in eine Anforderung um. „Das klassische Paradigma war, je mehr Autonomie, umso besser“, erklärt der Psychologe. „In der entgrenzten Arbeitswelt zeigt sich jedoch, dass es auch zu viel davon geben kann.“

Umgang mit Ressourcen

Wie die Beschäftigten mit den steigenden Anforderungen umgehen, auch das hat sich die Wiener Forschungsgruppe im Rahmen des fünfjährigen FWF-Projekts angesehen und zwei Handlungsmuster festgestellt. Einerseits versuchen Beschäftigte aktiv die Anforderungen der Arbeit zu bewältigen. Sie erhöhen ihr Arbeitstempo, arbeiten länger oder von zu Hause aus und reduzieren Pausen. Andererseits zeigen sie passive Handlungsmuster, indem die Qualität der Arbeit abnimmt oder Erfolge, wie etwa zur Erreichung von Zielvereinbarungen, vorgetäuscht werden.

Bleibt die Frage, was Unternehmen beitragen können, um die gesteigerten Anforderungen in gegenseitigem Interesse bewältigen zu können. „Unternehmen sind gefordert, Grenzen zu setzen, Richtlinien zu formulieren, sinnvolle Kennwerte zu entwickeln und vor allem die Mitarbeiter in Entscheidungen einzubinden“, nennt Korunka Schlüsselfaktoren. Struktur und Sicherheit sind die Voraussetzungen für produktives und qualitätvolles Arbeiten. Berücksichtigen Unternehmen diese Grundbedürfnisse, hat das deutlich mehr entlastende Wirkung, wie die Untersuchungen zeigen, als individuelle Fähigkeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie zum Beispiel Zeit- oder Selbstmanagement.


Zur Person

Christian Korunka ist Professor am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Wien. Der Psychologe forscht zur Arbeitsbelastung im Wandel der Zeit und zu den Auswirkungen von Unternehmensstrukturen auf das Arbeitsleben.


Publikationen

Korunka, Christian & Kubicek, Bettina (Hg.): Job demands in a changing world of work. Springer International, 2017
Korunka, Christian: Zeit und Arbeit. Von der sozialen Beschleunigung zu beschleunigten Arbeitswelten, in: Wissenschaft, Bildung, Politik, Bd. 19 – Zeit in den Wissenschaften, Böhlau Verlag, 2017
Prem, Roman; Paškvan, Matea; Kubicek, Bettina & Korunka, Christian: Exploring the Ambivalence of Time Pressure in Daily Working Life, in: International Journal of Stress Management, 2016
Kubicek, Bettina; Paskvan, Matea & Korunka, Christian: Development and validation of an instrument for assessing job demands arising from accelerated change: The intensification of job demands scale (IDS), in: European Journal of Work and Organizational Psychology, 2015 (pdf)

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