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Zweifel an der Wirksamkeit von Cannabis gegen Krebs

Von Cannabis als Medizin gegen Krebs ist viel die Rede. Doch noch ist zu wenig bekannt über die Wirkung der Cannabinoide im Körper. Grazer ForscherInnen haben untersucht, wie sich Hanf-Substanzen bei Dickdarmkrebs auswirken. Quelle: Don Goofy/flickr.com

Die Rolle von Cannabis als Gesellschaftsdroge wird derzeit heiß diskutiert. Neben Überlegungen zu einer möglichen Freigabe geraten Cannabinoide als Medikament in den Fokus der Forschung, insbesondere bei Krebserkrankungen. So ist bekannt, dass Cannabis die Nebenwirkungen der Chemotherapie bekämpfen kann, indem es Appetit anregt und Übelkeit bekämpft, weshalb Medizinhanf in Deutschland seit Kurzem ärztlich verschrieben werden kann. Dessen Inhaltsstoff THC ist schon länger als Medikament zugelassen.

Damit nicht genug: Cannabis wirkt sich auch direkt auf Krebserkrankungen aus: An Mäusen ließ sich zeigen, dass bestimmte Cannabinoid-Rezeptoren des Körpers eine Schutzfunktion haben und die Metastasenbildung hemmen können, etwa bei Leukämie. Es gibt aber noch eine Reihe weiterer Rezeptoren, die mit den oben genannten in Verbindung stehen, und über deren Reaktion auf Cannabinoide wenig bekannt ist. Eine Forschungsgruppe um den Pharmakologen und studierten Biologen Rudolf Schicho von der Medizinischen Universität Graz hat nun im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekts untersucht, wie sich ein Membranrezeptor namens GPR55, der auf Cannabinoide reagiert und mit Cannabinoid-Rezeptoren zusammenarbeitet, auf die Entwicklung von Dickdarmkrebs auswirkt. Dabei zeigte sich, dass eine positive Wirkung von Cannabis bei Weitem nicht so klar ist wie erhofft.

Cannabis kann positiven Effekt haben

„Cannabinoid-Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei Krebs“, erklärt Rudolf Schicho. „Aus Forschungen an Mäusen weiß man, dass ein Ausschalten des bekanntesten Cannabinoid-Rezeptors zur Bildung von Tumoren im Darm führt.“ Das würde darauf hindeuten, dass Cannabis einen positiven Effekt bei Krebs hat. Das sogenannte Endocannabinoid-System, das auf Cannabis anspricht und etwa Appetit, Emotionen, Energiehaushalt oder auch Schmerz und Immunabwehr reguliert, besteht aber aus einer ganzen Reihe weiterer Rezeptoren, die miteinander im Zusammenhang stehen. Dazu gehört auch der Rezeptor GPR55. „Dieser Rezeptor tritt im Darm sehr häufig auf und spielt dort eine wichtige Rolle“, sagt Schicho. Seine Rolle bei Dickdarmkrebs sei bisher nicht untersucht worden. „Die Wirkung von Cannabinoiden für diese Krebsart ist weitgehend unbekannt.“

Mäuse mit fehlendem Rezeptor

Für ihre Forschungen haben Schicho und sein Team bei Mäusen ein bestimmtes Gen ausgeschaltet, sodass diesen der Rezeptor GPR55 fehlte. Eine Beobachtung war, dass diese Mäuse weniger Tumore im Dickdarm bildeten als gewöhnliche Mäuse. Das war erwartet worden, dieses Ergebnis kannte man aus Forschungen zu Hautkrebs. Der Rezeptor GPR55 fördert also das Tumorwachstum, im Gegensatz zu anderen Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems.

Ein Schnitt durch einen Tumor im Dickdarm einer Maus. Ein wichtiger Cannabinoid-Rezeptor wurde braun eingefärbt. Quelle: Rudolf Schicho/Magdalena Grill

„Das Neue war, dass wir uns die Mikroumgebung des Tumors angesehen haben. Ein Tumor besteht nicht nur aus Tumorzellen –, es gibt dort immer auch eine große Zahl von Leukozyten.“ Leukozyten sind die weißen Blutkörperchen des Immunsystems. Die Analyse der Leukozyten-Population von Krebspatientinnen und -patienten hilft in der Praxis dabei, den Verlauf der Krankheit einzuschätzen. „Bei den Mäusen ohne GPR55 beobachteten wir eine völlig veränderte Leukozyten-Population“, erklärt Schicho. Diese habe das Tumor-Wachstum gebremst. Das bedeutet daher umgekehrt, dass der Rezeptor GPR55 das Tumor-Wachstum fördert.

Die Leukozyten spielen aber auch eine wichtige Rolle bei der Metastasenbildung. In dem FWF-Projekt zeigte sich, dass ein Ausschalten des Rezeptors GPR55 das Auswandern der Krebszellen in die Leber behindert. „Das lässt sich womöglich gegen die Bildung von Metastasen verwenden“, sagt Schicho, der sich von diesen Ergebnissen auch Auswirkungen auf die Etablierung von Immuntherapien gegen Krebs verspricht.

Die Wirkung von Cannabis verstehen

Rudolf Schicho betont, dass es sich um Grundlagenforschung handelt und mögliche Medikamente gegen GPR55 vielleicht erst in zehn Jahren zu erwarten seien. Cannabis werde allerdings schon jetzt als Medikament eingesetzt und man müsse verstehen, wie es auf Krebspatientinnen und -patienten wirke. Bisherige positive Ergebnisse seien nun infrage gestellt: „Im Endocannabinoid-System gibt es neben Rezeptoren, die vor Krebs schützen, auch solche, die Krebs fördern“, fasst der Grazer Wissenschafter zusammen. Schicho betont die politische Bedeutung dieser Ergebnisse: „Es wird oft behauptet, Cannabis sei gut, man könne das bei diesen und jenen Krankheiten verschreiben. Es gilt aber zu bedenken, wie Cannabis eigentlich wirkt. Bevor man gesellschaftspolitisch beurteilen kann, ob Cannabis freigegeben werden soll oder als Medikament verwendet wird, müssen wir mehr darüber wissen.“


Zur Person

Rudolf Schicho ist Assoziierter Professor am Otto-Loewi-Forschungszentrum der Medizinischen Universität Graz. Nach Forschungsaufenthalten in den USA und Kanada kehrte der Neurobiologe und Pharmakologe 2010 nach Graz zurück. Er interessiert sich unter anderem für Entzündungen des Dickdarms und die Rolle solcher Entzündungen bei der Entstehung von Dickdarmkrebs.


Wissenschaftliche Publikationen

Hasenoehrl, C; Feuersinger, D; Sturm, EM; Bärnthaler, T; Heitzer, E; Graf, R; Grill, M; Pichler, M; Beck, S; Butcher, L; Thomas, D; Ferreirós, N; Schuligoi, R; Schweiger, C; Haybaeck, J; Schicho, R.: G protein-coupled receptor GPR55 promotes colorectal cancer and has opposing effects to cannabinoid receptor 1. International Journal of Cancer 2018
Kargl J, Andersen L, Hasenohrl C, et al.: GPR55 promotes migration and adhesion of colon cancer cells indicating a role in metastasis. British Journal of Pharmacology 2016
Hasenoehrl C, Taschler U, Storr M, et al.: The gastrointestinal tract: a central organ of cannabinoid signaling in health and disease. Neurogastroenterology and Motility 2016

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