Interview & Meinung

Mäzene für die Forschung

Mäzenatentum in der Forschung - private Wissenschaftsstiftung und FWF als Kooperationspartner
Quelle: FWF/APA-Fotoservice/Roßboth

FWF: Herr Bauer, Sie waren Stiftungskurator der Weiss-Wissenschaftsstiftung, die mit Juni 2014 rechtskräftig wurde. Sie wirken zufrieden und gelöst. Fühlt man sich so als Mäzen?

Rudolf Bauer: Ich bin zwar nicht Mäzen, sondern nur Stiftungskurator und nunmehr Mitglied des Vorstandes, aber zufrieden und gelöst bin ich derzeit tatsächlich! Ich hatte das Glück, in den beiden Stiftern zwei wunderbare Menschen und wirklich beeindruckende Persönlichkeiten gekannt zu haben, mit denen mich viele schöne Erinnerungen verbinden. Als ihr langjähriger Freund und Vertrauter hatte mich Vera Weiss wenige Monate vor ihrem Tod gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass ihrem letzten Willen voll entsprochen wird. Dieses Versprechen habe ich sehr ernst genommen und mich seit ihrem Tod, am 13. April 2013, wirklich intensiv darum bemüht, den testamentarischen Auftrag der Erblasserin bestmöglich umzusetzen. Das war streckenweise ein hartes Stück Arbeit. Aber nunmehr ist die Stiftungssatzung genehmigt, die Stiftung rechtskräftig errichtet und ich bin überzeugt, dass auch sichergestellt ist, dass der Zweck der Stiftung optimal und nachhaltig erfüllt werden kann.

FWF: Können Sie diesen testamentarischen Auftrag kurz umreißen?

Bauer: Er erklärt sich zu einem großen Teil aus dem Lebenslauf der beiden Stifter. Beide hatten ihren beruflichen Werdegang in den schwierigen Nachkriegsjahren ganz unten begonnen und es durch viel Enthusiasmus und großen persönlichen Einsatz weit nach oben geschafft. Gottfried Weiss stand, als promovierter Meteorologe, nach einer erfolgreichen Beamtenkarriere in Wien zuletzt an der Spitze der WMO, der Weltmeteorologischen Organisation in Genf, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Eine der Aufgaben dieser Organisation ist es, die Forschung und Ausbildung in der Meteorologie und verwandten Wissenschaftsgebieten zu stärken und bei der Koordinierung der internationalen Aspekte solcher Forschungs- und Ausbildungsvorhaben aktiv mitzuwirken.

Jährlich sollen alternierend im Bereich der Anästhesie und Meteorologie Forschungsprojekte gefördert werden.

Rudolf Bauer

Vera Weiss war lange Jahre Leiterin der Anästhesiologie auf der Frauenklinik am Kantonsspital in Genf, damals einem der weltweit renommiertesten Spitäler. Die Arbeit mit den Patienten ging ihr über alles, dennoch blieb sie immer auch eng der Forschung verbunden und war dank eines großzügigen Stipendiats eines Pharmakonzerns in ihrer Jugend selbst wissenschaftlich tätig. Da sie keine gesetzlichen Erben hatten, fasste das Ehepaar Weiss noch in den späten 80er-Jahren den Entschluss, sein gesamtes Vermögen, das sich überwiegend aus Immobilienbesitz zusammensetzt, nach ihrem Tode der Wissenschaft und Forschung zur Verfügung zu stellen, und zwar ganz gezielt in den Fachgebieten der Stifter. Jährlich sollen alternierend im Bereich der Anästhesie und Meteorologie Forschungsprojekte an einer höchstqualifizierten und wissenschaftlich anerkannten Bildungs- oder Forschungsstätte im In- oder Ausland gefördert und damit die Entwicklung in diesen beiden Wissenschaften vorangetrieben werden. Diese Intentionen der beiden Stifter waren mir seit vielen Jahren bekannt und der testamentarische Wille war durchaus klar, weitaus weniger klar allerdings war zunächst die technische Umsetzbarkeit im Sinne der Erblasserin.

FWF: Und hier kommt der FWF ins Spiel.

Bauer: Ja, richtig. Beim Sondieren der praktischen Möglichkeiten, wie eine solche Vergabe von Forschungsstipendiaten aussehen könnte, wandten wir uns unter anderem an Susanne Kalss, Professorin am Institut für Zivil- und Unternehmensrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt im Bereich Stiftungsrecht. Und von ihr kam dann auch der alles entscheidende Hinweis. Sie riet, uns mit dem FWF in Verbindung zu setzen und hier wiederum konkret mit Gerhard Kratky, der im Wissenschaftsfonds das Thema „Mäzenatentum für die Forschung“ betreut und sich um die Aufbringung privater Mittel für die Wissenschaft und Forschung in Österreich bemüht. Für diesen entscheidenden Rat sind wir Susanne Kalss sehr dankbar, denn damit wurde fast ein gordischer Knoten gelöst.

FWF: Warum der Wissenschaftsfonds?

Bauer: Alle unsere Erkundigungen und Überlegungen haben uns zur Überzeugung kommen lassen, dass wir dem Stiftungszweck nicht besser gerecht werden können. Die Stiftung soll höchsten wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen, sie muss nachhaltig und transparent sein und, ganz wichtig, die Auswahl der Forschungsprojekte muss gänzlich unabhängig und frei von jeder Art von Intervention sein. All diese Werte entsprechen dem Geist der beiden Stifter und scheinen uns durch den FWF hochgehalten. Mit dem Wissenschaftsfonds haben wir einen Partner gewählt, der seit mehr als 45 Jahren unter Beweis stellt, dass unabhängige Forschungsförderung nach internationalen Maßstäben in Österreich möglich ist. Der FWF als unabhängige und interventionsresistente Organisation, die im wissenschaftlichen Bereich international vernetzt ist (was uns für die Begutachtung der eingereichten Projekte sehr wichtig ist), die aber dennoch die nötige Äquidistanz zu den einzelnen Forschungsstätten hält, entspricht genau den Intentionen der Stifter.

Mit dem FWF haben wir einen Partner gewählt, der seit mehr als 45 Jahren unter Beweis stellt, dass unabhängige Forschungsförderung nach internationalen Maßstäben in Österreich möglich ist.

Rudolf Bauer

Ich bin überzeugt, dass durch die hohe Expertise und starke Qualitätsorientierung des FWF sichergestellt ist, dass nur Personen von höchster wissenschaftlicher Qualität gefördert werden und die Forschungsprojekte selbst professionell, nach internationalen Standards, abgewickelt werden können. Überzeugend war für mich, als Stiftungskurator und künftigem Stiftungsvorstand, natürlich nicht zuletzt auch die Tatsache, dass der FWF bei philanthropischen Beiträgen zur Stärkung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich all seine Serviceleistungen kostenlos bereitstellen kann. Eine noble Geste! Damit werden die Erträge der Stiftung nicht durch Aufwendungen für administrative Leistungen geschmälert, sondern können maximal für die Erfüllung des Stiftungszwecks verwendet werden.

FWF: Über welches Vermögen verfügt die Stiftung?

Bauer: Die Stiftung, die nach dem Bundes-Stiftungs- und Fondsgesetz errichtet wurde, umfasst den gesamten Besitz des Ehepaares Weiss, der überwiegend aus Immobilien besteht und zur Gänze in die Stiftung eingebracht wurde. Wir gehen davon aus, dass die Bewirtschaftung dieser Immobilien es uns ermöglicht, jährlich für Forschungsprojekte 200.000 bis 300.000 Euro zur Verfügung zu stellen.

FWF: Die Erreichung dieses Ziels war dem Vernehmen nach kein Spaziergang.

Mäzenatentum in der Forschung - private Wissenschaftsstiftung und FWF als KooperationspartnerBauer: Nein, wahrlich nicht. Die Errichtung der Stiftung gestaltete sich recht mühevoll, was aber nicht im Verschulden einzelner Personen oder Behörden lag. Ganz im Gegenteil. Wir müssen sowohl der Finanzprokuratur, die ja im konkreten Fall zunächst eine bedingte Erbantrittserklärung abgeben musste, als auch der MA62, der Stiftungsbehörde, für das kooperative Gesprächsklima und die aktive Unterstützung danken. Auch bei den Finanzbehörden und dem zuständigen Bezirksgericht stießen wir auf viel Verständnis für unsere Anliegen. Wenn sich die Errichtung der Stiftung dennoch mühsam gestaltete, so lag es schlichtweg an den gegenwärtigen Gesamtrahmenbedingungen, sowohl rechtlichen als auch gesellschaftlichen, und den manchmal lähmenden bürokratischen Strukturen, die so machen Stolperstein parat halten.

FWF: Liegt es am steuerrechtlichen Status der Gemeinnützigkeit?

Bauer: Ja und nein. Nein deshalb, weil die Unterstützung durch die Finanzbehörden hinsichtlich des Gemeinnützigkeitsstatus in unserem Fall ausgesprochen positiv war. Es liegt meines Erachtens nicht am Willen der einzelnen Akteure, es liegt am rechtlichen Rahmen, der sperrig ist und manches zu verunmöglichen droht. Ich hatte phasenweise das Gefühl, man würde sich in einer Atmosphäre des wechselseitigen strukturellen Misstrauens bewegen. Auf der einen Seite scheint es, als würde jedem Privaten automatisch unterstellt werden, nicht ausschließlich das Bonum commune im Blick zu haben, andererseits kommt man als Privater leicht in Versuchung, dem Staat nachzusagen, er habe ein Netz an Regulierungen aufgezogen, die selbstzweckhaft seien und prohibitiv wirken sollen. Es bedarf wahrscheinlich in der Regel schon einer großen Portion Beharrlichkeit, um mit privaten Mit- teln im Stiftungswege etwas Gutes tun zu können.

FWF: Das hört sich ja fast abschreckend an.

Bauer: Nein, davon soll man sich keineswegs abschrecken lassen. Es ist aber mit Sicherheit ein Appell an die Regierung und an den Gesetzgeber in diesem Bereich einen fundamental anderen Rechtsrahmen zu schaffen, um ermutigende Signale an Private zu senden, sich im Stiftungswege in Österreich philanthropisch zu engagieren. Abschreckend sind schon eher die derzeit hohen Kosten, die mit der Errichtung selbst einer gemeinnützigen Stiftung verbunden sind. Vor allem die Grundbuchseintragungsgebühr, die sich mit 1,1 Prozent am Verkehrswert von Immobilien orientiert, stellt eine hohe Belastung dar.

Auch klare Guidelines, die durch den administrativen Dschungel leiten, wären schon ein erster hilfreicher Schritt, und dann natürlich die mediale Unterstützung, die zubilligt, dass es auch in unserer Zeit noch uneigennützige Menschen gibt, denen das Allgemeinwohl am Herzen liegt und nicht nur das Umgehen von Steuern. Ich denke, ein Blick nach Deutschland wäre für die Politik ein erster guter Ansatz. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zählt meinen Informationen nach etwa 3.000 Mitglieder aus der Zivilgesellschaft. Das ist sicherlich nicht ausschließlich mit Mentalitäts- und Kulturunterschieden erklärbar.

Es bedarf in der Regel schon einer großen Portion Beharrlichkeit, um mit privaten Mitteln im Stiftungswege etwas Gutes tun zu können.

Rudolf Bauer

FWF: Waren Gottfried und Vera Weiss untypische Österreicher?

Bauer: Sie waren in vielerlei Hinsicht beispielgebend und außergewöhnlich. Ich erinnere mich aber auch an viele Gespräche, in denen – wenn man so möchte – typisch österreichische Wesensmerkmale zu Tage traten. Beide waren in ihren Berufen mit Leib und Seele dabei, engagiert und ehrgeizig. Beide hatten an ihr eigenes Handeln und Tun sehr hohe Ansprüche und möglicherweise war das auch eine Motivation, in die Schweiz zu gehen. Um die Zielsetzung des Testaments von Vera Weiss zu verstehen, ist der Umstand erwähnenswert, dass beide in einem internationalen Umfeld tätig waren, wo sie auch eine andere Stiftungskultur kennenlernten. Wie zuvor bereits erwähnt erhielt Vera Weiss am Beginn ihrer beruflichen Karriere selbst ein Forschungsstipendiat, das ihr gestattete wissenschaftlich zu arbeiten und ihr Fachwissen entsprechend zu vertiefen. Für sie als junge Anästhesistin war das eine große Chance, die sie nutzen konnte. Ich denke, dass diese Erfahrung für ihren Wunsch, später in ähnlicher Weise philanthropisch wirken zu können, mitentscheidend war.

Um die Zielsetzung des Testaments von Vera Weiss zu verstehen, ist erwähnenswert, dass beide in einem internationalen Umfeld tätig waren, wo sie auch eine andere Stiftungskultur kennenlernten.

Rudolf Bauer

FWF: Wie waren Sie mit der Unterstützung durch den FWF zufrieden?

Bauer: Sehr. Der Verantwortungsdruck, dem testamentarischen Wunsch von Vera Weiss optimal zu entsprechen und die Machbarkeit nachhaltig abzusichern, hat schon für einige schlaflose Nächte gesorgt. Gerhard Kratky hat uns während des gesamten Prozesses der Entscheidungsfindung hervorragend unterstützt. An dieser Stelle sei dafür gedankt, dass der FWF, wie schon zuvor genannt, selbst für die gesamte Prozessbegleitung und die Dienstleistung der Forschungsförderung keinerlei Kosten verrechnet und somit alle Mittel aus der Wissenschaftsstiftung zur Gänze dorthin fließen können, wofür sie nicht nur von den Stiftern gedacht waren, sondern wo sie auch dringend benötigt werden, nämlich in förderungswürdige Meteorologie- und Anästhesiologie-Projekte.


2014 konnte der Wissenschaftsfonds FWF erstmals eine Kooperation mit einer gemeinnützigen Forschungsstiftung eingehen. Der FWF fungiert als Treuhänder der Stiftung von Gottfried und Vera Weiss. Die beiden Stifter haben ihr Erbe der Forschung vermacht, mit dem Ziel junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu fördern. Stipendien werden jährlich alternierend auf den Gebieten der Anästhesie und Meteorologie – den Fachgebieten des Ehepaares Weiss – vergeben.


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Gottfried-und-Vera-Weiss-Preis

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